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Wenn Kritik zur Waffe wird: Wie unseriöse Berichterstattung Neurodivergenz beschädigt

Wenn Kritik zur Waffe wird Wie unseriöse Berichterstattung Neurodivergenz beschädigt
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Warum Spott keine Aufklärung ist und woran du seriöse Kritik an Coaching-Angeboten für neurodivergente Menschen erkennst:

Ein Artikel über angebliche Bauernfängerei rund um Hochbegabung, Hochsensibilität und Vielbegabung liest sich auf den ersten Blick wie eine überfällige Aufklärung. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich etwas anderes: Spott ersetzt Argumente und eine einzelne Anbieterin muss als Beweis für eine ganze Branche herhalten. In diesem Artikel erfährst du, woran du unseriöse Berichterstattung über Neurodivergenz erkennst, warum sie auch dich trifft, wenn du dich gerade erst mit deiner eigenen Neurodivergenz beschäftigst und welche Maßstäbe seriöse Kritik erfüllen muss.

Vor kurzem ist mir ein Artikel begegnet, der sich als kritische Auseinandersetzung mit dem Coaching-Markt rund um Hochbegabung präsentiert. Der Ton ist süffisant, die Beispiele sind zugespitzt, die Pointen sitzen. Genau das macht den Text gefährlich, denn er liest sich überzeugender, als seine Argumentation tatsächlich hält.

Vielleicht kennst du solche Texte. Sie nehmen eine einzelne Anbieterin als Beispiel für die Argumentation. Die Anbieterin, auf die sich der Artikel bezieht ist mir bekannt und durchaus seriös, sie versteht ihr Handwerk und weiß genau, was sie tut. 

Bei genauerem Hinsehen zeigen sich allerdings mehrere argumentative Schwachstellen, die eine seriöse Auseinandersetzung von einer reinen Polemik unterscheiden. Um diese Schwachstellen geht es hier. 

Denn wie über Neurodivergenz berichtet wird, betrifft dich direkt, wenn du hochsensibel, hochbegabt oder vielbegabt bist oder mit ADHS oder Autismus lebst.

Warum schadet unseriöse Berichterstattung Menschen mit Neurodivergenz?

Neurodivergenz ist ein Sammelbegriff für neurologische Besonderheiten wie Hochsensibilität, Hochbegabung, Vielbegabung, ADHS und Autismus. Diese Merkmale treten selten allein auf: Sie überlappen sich, maskieren einander und prägen das Erleben eines Menschen von Grund auf. Wer über sie schreibt, übernimmt deshalb Verantwortung.

Diese Themen betreffen echte Menschen, die oft jahrzehntelang nach einer Erklärung für ihr Erleben gesucht haben. Vielleicht gehörst du dazu. Ein Artikel, der jede Beschäftigung mit Vielbegabung oder Hochsensibilität pauschal in die Nähe von Scharlatanerie rückt, trifft nicht nur unseriöse Anbieter. Er trifft auch jeden Menschen, der sich gerade erst traut, seine eigene Neurodivergenz zu erkunden.

Genau hier liegt der Unterschied zwischen berechtigter Kritik und Zynismus. Berechtigte Kritik unterscheidet zwischen seriöser Arbeit und Marketing-Dramaturgie. Zynismus wirft beides in einen Topf und freut sich über die Pointe.

Die Methode: Ironie statt Argument

Der besprochene Artikel arbeitet fast ausschließlich mit Spott. Das lässt sich an drei konkreten Schwachstellen festmachen, die du in vielen reißerischen Texten über Neurodivergenz wiederfindest.

Schwachstelle 1: Die Generalisierung

Der Autor untersucht die Website einer einzigen Anbieterin und überträgt seine Beobachtungen anschließend pauschal auf den gesamten Markt rund um Hochbegabung und Vielbegabung. Eine Stichprobe von eins wird zur Diagnose einer ganzen Branche. Das ist keine seriöse Methodik, sondern eine rhetorische Falle, in die auch du leicht hineintappen kannst, wenn der Text deine eigene Skepsis gegenüber dem Coaching-Markt bestätigt.

Schwachstelle 2: Die Vermischung von Seriösem und Unseriösem

Der Artikel wirft Begabungsdiagnostik mit standardisierten IQ-Tests in denselben Topf wie Stellvertreter-Hypnose und Kinesiologie-Angebote zur angeblichen Reflexintegration. Diese Verfahren folgen methodisch völlig unterschiedlichen Maßstäben. Eine differenzierte Kritik würde sie sauber trennen. Der Artikel vermischt sie bewusst, weil sich die gesamte Branche so leichter diskreditieren lässt, als wenn man nur die tatsächlich fragwürdigen Angebote benennt.

Schwachstelle 3: Das selektive Zitieren

Zitate werden aus dem Zusammenhang genommen, mit sarkastischen Kommentaren versehen und als Beleg für die eigene These präsentiert, während die zitierte Person außen vor bleibt und ihre Perspektive ungenannt bleibt. Ein Beispiel: Wenn ein IQ-Ergebnis unter 130 liegt, wird laut Artikel eben von Vielbegabung gesprochen. Das klingt zunächst wie eine clevere Beobachtung.

Tatsächlich verschweigt der Autor, dass Vielbegabung und klassische Hochbegabung in der Fachliteratur seit Jahren als unterschiedliche Konzepte diskutiert werden. Barbara Sher hat bereits 2006 die Scanner-Persönlichkeit beschrieben, Emilie Wapnick prägte 2015 den Begriff der Multipotentialite. Beide Konzepte haben eine eigene Historie und eigene Kriterien, unabhängig von einer einzelnen Anbieterin. Wer die Fachdiskussion um Hochbegabung und Vielbegabung kennt, erkennt schnell: Hier wird vor allem eine Karikatur des Themas kritisiert, die der Autor selbst gebaut hat.

Wem nützt ein solcher Artikel wirklich?

Eine Frage, die in der Debatte um unseriöse Berichterstattung zu selten gestellt wird: Wer profitiert eigentlich davon, wenn ein ganzes Themenfeld pauschal lächerlich gemacht wird?

Menschen, die sich öffentlich mit Neurodivergenz beschäftigen, ob mit Autismus, ADHS, Hochsensibilität oder Hochbegabung, stehen zueinander vor allem in einem Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Ein Artikel, der reißerisch eine einzelne Anbieterin vorführt, bringt Reichweite. Klicks, Kommentare, Empörung: All das lässt sich messen. Fachliche Sorgfalt lässt sich schlechter messen und verkauft sich schlechter.

Kritik an unseriösen Anbietern ist notwendig und richtig, auch innerhalb des Themenfelds Hochsensitivität, Hochbegabung und Vielbegabung. Ein Text, der ausschließlich auf Häme setzt, verdient allerdings dieselbe kritische Prüfung, die er selbst für sich beansprucht.

Woran erkennst du eine seriöse Auseinandersetzung mit Hochbegabung, Autismus und ADHS?

Es gibt klare Kriterien, an denen du seriöse Arbeit erkennst, egal ob sie von Coaches, Journalisten oder Bloggern stammt. Die folgende Checkliste hilft dir, jede Quelle zu prüfen, die dir zu Hochsensibilität, Vielbegabung oder ADHS begegnet.

Checkliste: Fünf Kriterien für seriöse Auseinandersetzung mit Neurodivergenz

●      Trennung zwischen Intelligenz, Persönlichkeit und psychischer Gesundheit

●      Ehrliche Einordnung der Grenzen von IQ-Tests statt Verkauf als Wahrheitsmaschine

●      Verweis an qualifizierte Fachpersonen bei Hinweisen auf Autismus, ADHS oder andere klinisch relevante Themen

●      Ergebnisoffenheit, auch wenn das Ergebnis unbequem ist

●      Würdigung durchschnittlicher Intelligenz genauso wie außergewöhnlicher

Je mehr dieser Kriterien eine Quelle erfüllt, desto eher kannst du ihr vertrauen.

Diese Kriterien gelten für Coaches genauso wie für Journalisten und Blogger, die über Hochsensibilität, Vielbegabung oder ADHS schreiben. Wer selbst nur mit Spott arbeitet, bleibt bei all diesen Punkten deutlich hinter dem eigenen Anspruch zurück, ganz gleich, wie berechtigt der ursprüngliche Kritikpunkt gewesen sein mag.

Wie seriöse Arbeit mit solchen Angriffen umgeht

Ich arbeite seit 1988 mit außergewöhnlichen Menschen und seit 2001 speziell mit Neurodivergenten. Texte wie der besprochene erreichen mich immer wieder, oft zugetragen von Kolleginnen, die selbst zur Zielscheibe geworden sind. Die naheliegende Reaktion ist Solidarität. Die richtige Reaktion ist Prüfung.

Seriöse Arbeit in diesem Feld bedeutet, genau hinzuschauen, bevor man sich positioniert. Trifft die Kritik einen wunden Punkt, verdient sie eine ehrliche Antwort, auch wenn die Form unfair war. Trifft sie nur eine Karikatur, lohnt sich die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Methode, losgelöst von der Person. Genau diese Unterscheidung fehlt in reißerischer Berichterstattung fast immer und genau sie macht am Ende den Unterschied zwischen Haltung und Reflex.

Wer sich als Coachmacherin versteht, gibt diese Sorgfalt an jeden Coach weiter, den sie ausbildet. Die Qualität einer Reaktion zeigt sich in der Genauigkeit, mit der sie geprüft wurde.

Reflexionsfragen für dich

Wie geht es dir, wenn du spöttische Texte über Hochbegabung, Hochsensibilität oder Vielbegabung liest? Fühlst du dich bestätigt, verunsichert oder getroffen?

Prüfst du bei kritischen Artikeln, ob die Kritik konkrete Methoden betrifft oder pauschal ein ganzes Themenfeld abwertet?

Woran machst du fest, ob eine Quelle zu Neurodivergenz vertrauenswürdig ist? Die Checkliste oben gibt dir dafür fünf konkrete Anhaltspunkte.

Neurodivergenz verdient Substanz statt Schadenfreude

Hochsensibilität, Hochsensitivität, Hochbegabung, Vielbegabung, Autismus und ADHS sind komplexe, oft überlappende Themen. In der HOCHiX-Akademie sagen wir dazu: Niemand ist nur einfarbig. Wer diese Themen ernsthaft begleiten will, muss Ambiguität aushalten und übernimmt Verantwortung dafür, wie er mit einzelnen Betroffenen oder Anbieterinnen umgeht.

Genau deshalb lohnt sich der Blick auf Texte wie den besprochenen. Ihre Methode zerstört Vertrauen, wo eigentlich Aufklärung gebraucht wird. Du verdienst eine fundierte Auseinandersetzung mit deiner Realität. Diese Auseinandersetzung beginnt damit, dass auch Kritiker sich an die Maßstäbe halten, die sie von anderen einfordern.

Das Wichtigste für dich:

Lass dich von spöttischen Texten nicht davon abhalten, deine eigene Neurodivergenz zu erkunden. Deine Fragen sind berechtigt und dein Erleben ist real. Prüfe Quellen mit klaren Kriterien und vertraue auf Menschen, die differenzieren, statt pauschal zu urteilen. Schau dir immer die Menschen sehr genau an, die mit Dreck um sich werfen. Meistens kannst du aus der Beobachtung viel erkennen. Und lass dich davon nicht von der Tatsache ablenken: Deine Neurodivergenz ist ein Geschenk und sie verdient eine Auseinandersetzung, die diesem Geschenk gerecht wird.

Ich hoffe, ich habe das Geschenk deiner Zeit verdient.

Sonnige Grüße von
Anne

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