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Essentials: Neurodivergenz
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Anne Heintze
Harald Heintze
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Der einzige Ort, an dem Neurodivergenz nicht erklärt werden muss – hier wird sie gefeiert, verstanden und zur Quelle deiner größten Stärke gemacht. Für alle Menschen, die anders besonders sind.
Warum neurodivergente Menschen so viele Diagnosen sammeln und was darunter wirklich liegt
Sensorische Integrationsstörung, Angststörung, Zwangsstörung, Depression: Wenn du im Autismus-Spektrum bist, ADHS hast oder zu den hochbegabten, vielbegabten und hochsensiblen Menschen gehörst, sammelst du im Lauf deines Lebens oft eine ganze Kette von Diagnosen. Der amerikanische Psychologe James Webb hat dieses Phänomen der Doppel- und Fehldiagnosen für die Hochbegabung beschrieben. Im gesamten neurodivergenten Spektrum gilt: Manchmal ist eine Diagnose eine echte Begleiterkrankung, manchmal pure Fehlattribution. Wer den Unterschied nicht kennt, behandelt jahrzehntelang das Symptom und übersieht das Muster.
Vielleicht kennst du diese eine Grafik, die durch viele Foren und Beratungsstellen geistert. Sie zeigt, welche weiteren Diagnosen bei Menschen im Autismus-Spektrum gehäuft auftreten. Die Liste ist lang. Ganz oben steht die sensorische Integrationsstörung. Darunter folgen ADHS, Dyspraxie, Epilepsie, kognitive Beeinträchtigung, Tourette-Syndrom, Tics und Lese-Rechtschreibstörung. Dann kommen die psychischen Diagnosen: Angststörung, spezifische Phobie, Zwangsstörung, soziale Phobie, generalisierte Angststörung, Panikstörung, Depression und Schlafstörung.
Wenn du diese Liste anschaust, kannst du zwei Dinge denken. Das Erste: Was für ein schwer belastetes, mehrfach gestörtes Leben. Das Zweite, um das es hier geht: Was, wenn das System zwölfmal auf das Symptom geschaut hat und ein einziges Mal zu wenig auf das Muster?
Die Kaskade beginnt früh und hört nie auf
Bei den meisten neurodivergenten Menschen läuft das nach einem ähnlichen Drehbuch ab. In der Kindheit fällt etwas auf. Ein Kind ist motorisch ungeschickt, also bekommt es eine Dyspraxie-Diagnose. Es kann nicht stillsitzen, also ADHS. Es liest schlecht, also Lese-Rechtschreibstörung. Bei Wutausbrüchen, wenn der Pullover kratzt oder das Licht flackert, erkennt niemand die sensorische Überlastung dahinter. Das Kind gilt fortan als verhaltensauffällig.
Später im Erwachsenenalter geht es weiter. Die ständige Anstrengung, in einer Welt zu funktionieren, die für ein anderes Nervensystem gebaut ist, schlägt sich nieder. Eine Angststörung kommt dazu. Dann folgen eine soziale Phobie, Schlafprobleme und irgendwann, oft nach Jahren, eine Depression. Jede dieser Diagnosen wird einzeln gestellt, einzeln behandelt und einzeln in die Akte geschrieben. Mit jeder neuen Diagnose verfestigt sich das Bild eines Menschen, mit dem etwas grundlegend nicht stimmt.
Ich kenne diesen Weg. Selbst hatte ich zwanzig Jahre lang Depressionen, lange bevor ich verstanden habe, was darunter lag. Mir geht es also nicht darum, irgendeine dieser Diagnosen kleinzureden. Eine Depression ist real. Sie tut weh, sie raubt Jahre und sie gehört behandelt. Genau deshalb ist mir die Unterscheidung so wichtig, um die es jetzt geht.
Was James Webb für die Hochbegabung beschrieben hat
Der amerikanische Psychologe James Webb hat ein ganzes Buch über dieses Phänomen (Amazon-Link) geschrieben, bezogen auf Hochbegabung. Sein Befund: Hochbegabte Kinder und Erwachsene bekommen reihenweise Diagnosen, weil ganz normale Begleiterscheinungen ihrer Begabung als Störung gelesen werden. Die intensive Konzentration auf ein Spezialinteresse wird zu ADHS. Die Sensibilität und emotionale Intensität wird zur Stimmungsstörung. Das Hinterfragen von Regeln wird zu oppositionellem Verhalten. Webb nennt das Misdiagnosis, also Fehldiagnose.
Daneben beschreibt er einen zweiten, feineren Fall: die Doppeldiagnose. Manchmal liegt zusätzlich zur Begabung tatsächlich eine Störung vor. Nur verzerrt die Begabung das Bild. Sie maskiert die Störung, sie verstärkt sie oder sie lässt sie ganz anders aussehen als im Lehrbuch. Ein hochbegabter Mensch mit echter Depression wirkt nach außen oft funktional, weil er gelernt hat, alles zu kompensieren. So wird die Depression übersehen, weil sie sich hinter Leistung versteckt.
Genau diese beiden Mechanismen, Fehldiagnose und verschleierte Doppeldiagnose, lassen sich auf das gesamte neurodivergente Spektrum übertragen. Auf Autismus, auf ADHS, auf Hochsensibilität, auf Hochsensitivität und auf Vielbegabung. Überall zeigt sich dasselbe Grundproblem: ein System, das Symptom für Symptom abarbeitet und das verbindende Muster nicht sieht.
Kann, nicht muss: drei Erklärungen für eine lange Diagnoseliste
Hier liegt der Kern und hier lohnt sich Genauigkeit. Wenn du als autistischer oder hochsensibler Mensch eine lange Diagnoseliste mit dir trägst, dann gibt es nicht eine Erklärung, sondern drei. Und sie liegen oft gleichzeitig vor.
Manche Diagnosen sind reine Fehlattribution. Das System hat ein neurodivergentes Merkmal gesehen und es als Störung etikettiert. Die sensorische Überlastung wurde zur Angststörung. Der Rückzug wurde zur sozialen Phobie. Das Bedürfnis nach Struktur wurde zur Zwangsstörung. Hier ist die Diagnose schlicht das falsche Wort für etwas, das gar keine Krankheit ist.
Manche Diagnosen sind echte Folgeerscheinungen. Sie sind real, aber sie sind nicht der Ursprung. Die Depression als Erschöpfungsfolge von jahrzehntelangem Maskieren. Die Schlafstörung als Folge sensorischer Daueranspannung. Auch die Angststörung gehört dazu, als nachvollziehbare Reaktion auf eine Welt, die für dieses Nervensystem schwer lesbar und ständig überfordernd ist. Diese Diagnosen sind echt und sie gehören behandelt. Wer aber nur sie behandelt und das Muster darunter nie anschaut, kuriert die Symptome eines Lebens, das gegen die eigene Konstitution gelebt wird.
Und manche Diagnosen sind echte, eigenständige Zusatzerkrankungen. Mit der Neurodivergenz haben sie erst einmal nichts zu tun, sie sind einfach auch da. Auch sie sind real, auch sie gehören ernst genommen.
Die entscheidende UnterscheidungWenn du auf deine eigene Diagnoseliste schaust oder einen Menschen begleitest, der eine solche Liste mitbringt, helfen drei Fragen: ● Ist diese Diagnose ein Etikett für etwas Gesundes? ● Ist sie eine Folge der Lebensumstände? ● Oder ist sie eine eigenständige Erkrankung? Diese drei auseinanderzuhalten ist anspruchsvoll. Genau das leistet das übliche Versorgungssystem selten. Es schaut auf das, was vor ihm liegt, vergibt eine Diagnose und geht zur nächsten über. Das verbindende Muster, die neurodivergente Grundkonstitution, fällt durch das Raster, weil niemand danach sucht. |
Warum die Diagnose-Kaskade gefährlich ist
Eine Kette von Einzeldiagnosen ohne erkanntes Muster richtet Schaden an, gleich auf mehreren Ebenen.
Sie führt zu Behandlungen, die ins Leere laufen. Wer eine sensorisch bedingte Daueranspannung als generalisierte Angststörung behandelt, arbeitet an der falschen Stelle. Die Anspannung kommt zurück, weil ihre Ursache unberührt bleibt. Bei dir verstärkt das womöglich das Gefühl, therapieresistent oder hoffnungslos zu sein.
Sie prägt dein Selbstbild. Wenn du über Jahre eine Diagnose nach der anderen sammelst, lernst du etwas über dich: Ich bin ein Sammelfall, mit mir stimmt an vielen Stellen etwas nicht. Dieses Bild verankert sich fest. Dabei ist es das Gegenteil dessen, was stimmt. Denn unter den vielen Etiketten liegt oft kein zwölffach defekter Mensch, sondern ein stimmiges neurodivergentes Nervensystem, das nie als solches erkannt wurde.
Und sie kostet Zeit, oft Jahrzehnte. Zeit, in der das Eigentliche unerkannt bleibt und in der du dich selbst durch die Brille einer Erzählung siehst, die das Wesentliche verfehlt.
Was an die Stelle der Kaskade gehört
Die Alternative ist kein Wegwischen von Diagnosen, sondern ein Perspektivwechsel. Statt zu fragen, welche Störung als Nächstes auf die Liste kommt, lautet die Frage: Gibt es ein Muster, das all das verbindet? Lässt sich diese Lebensgeschichte als die eines neurodivergenten Menschen lesen, der in einer nicht passenden Umwelt aufgewachsen ist und sich angepasst hat, bis es nicht mehr ging?
Sobald dieses Muster sichtbar wird, ordnet sich vieles neu. Die Diagnosen verschwinden nicht, aber sie bekommen ihren richtigen Platz. Manche fallen weg, weil sie Fehlattributionen waren. Manche bleiben, werden aber endlich im richtigen Zusammenhang behandelt. Und du bist kein Sammelfall mehr, sondern wieder ein Ganzes.
Genau hier setzt eine neurodivergenz-sensible Begleitung an. Sie schaut zuerst auf das Muster und erst dann auf die Einzelteile. Sie nimmt jede reale Belastung ernst und weigert sich zugleich, einen Menschen über seine Diagnoseliste zu definieren. Dabei unterscheidet sie das Kann vom Muss. Genau diese Haltung, Verstehen statt Optimieren, prägt die Arbeit in der HOCHiX-Akademie. Damit gibt sie etwas zurück, das auf vielen Diagnosewegen verloren gegangen ist: das Verständnis, dass hier nie etwas grundlegend kaputt war, sondern nur lange nicht richtig gelesen wurde.
Wenn du dich in diesem Muster wiedererkennst, dann nimm vor allem eines mit. Eine lange Diagnoseliste sagt nichts darüber aus, wie viel mit dir nicht stimmt. Sie sagt etwas darüber aus, wie oft ein System auf einzelne Symptome geschaut hat, ohne das Ganze zu sehen. Du darfst anfangen, dich selbst anders zu lesen.
Frag bei jeder Diagnose nicht nur, ob sie stimmt, sondern wozu sie gehört. Ist sie ein Etikett für etwas Gesundes, eine Folge deiner Lebensumstände oder eine eigenständige Erkrankung? Sobald du das Muster unter den Etiketten erkennst, hörst du auf, ein Sammelfall zu sein. Du warst nie grundlegend kaputt. Du wurdest nur lange nicht richtig gelesen.
Die NEURO Workshops der HOCHiX-Akademie
In den NEURO Coaching Workshops der HOCHiX-Akademie schauen wir gemeinsam unter anderem darauf, wie du das verbindende Muster hinter einer langen Diagnoseliste erkennst und wie du echte Belastung von bloßer Fehlattribution unterscheidest. Themen und Anmeldung findest du hier: https://hochix.com/neuro-coaching/
Ich hoffe, ich habe das Geschenk deiner Zeit verdient.
Herzlichst
Anne
Quellen
Webb, James T. u. a., 2016, Misdiagnosis and Dual Diagnoses of Gifted Children and Adults. ADHD, Bipolar, OCD, Asperger’s, Depression, and Other Disorders, 2. Auflage, Great Potential Press, Scottsdale. Das Standardwerk zur Fehl- und Doppeldiagnostik bei Hochbegabung, auf das sich der zentrale Gedanke dieses Artikels stützt.
Webb, James T. u. a., Doppeldiagnosen und Fehldiagnosen bei Hochbegabung, deutsche Ausgabe (Amazon-Link) von Misdiagnosis and Dual Diagnosis of Gifted Children and Adults.
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