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5 Reels am Tag und du willst nur noch weinen: Die Sichtbarkeits-Falle für neurodivergente Menschen

5 Reels am Tag
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Warum teure Marketing-Programme dich unsichtbarer machen statt sichtbarer und warum dein Festhalten eine erklärbare Reaktion deines Nervensystems ist:

Du hast ein teures Marketing-Programm gebucht, um endlich sichtbar zu werden. Stattdessen versteckst du dich mehr als je zuvor. Du füllst Templates aus, die jemand anderes entworfen hat, postest gegen einen inneren Widerstand an und denkst: Woran liegt das nur bei mir? Dieser Artikel zeigt dir, warum gerade Menschen mit Hochsensibilität, Hochsensitivität, Hochbegabung, Vielbegabung, Autismus oder ADHS in solchen Programmen scheitern, warum sie trotzdem bleiben und warum nichts davon deine Schuld ist.

Es ist 22 Uhr. Du sitzt vor deinem Handy und sollst dein viertes Reel für heute aufnehmen. Im Programm hieß es: Sichtbarkeit braucht Frequenz. Fünf Posts am Tag, jeden Tag, Gesicht in die Kamera, Hook in den ersten drei Sekunden. Die Vorlage liegt offen vor dir. Du füllst sie aus. Und irgendetwas in dir zieht sich zusammen, jedes Mal ein bisschen mehr.

Du wolltest sichtbar werden. Stattdessen versteckst du dich gerade mehr als vor der Buchung.

Wenn dir das bekannt vorkommt, lies weiter. Denn hier passieren zwei Dinge gleichzeitig und beide haben nichts mit mangelnder Disziplin zu tun. Das eine ist ein Programm, das für ein anderes Nervensystem entworfen wurde. Das andere ist eine gut erforschte psychologische Falle, die Festhalten belohnt: der Sunk-Cost-Effekt. Beide schauen wir uns jetzt genauer an.

Warum hast du überhaupt das Falsche gebucht?

Bevor wir übers Festhalten reden, stellen wir die ehrlichere Frage: Warum landen so viele neurodivergente Menschen überhaupt in einem Programm, das von Anfang an nicht zu ihnen passt?

Die Antwort ist unbequem. Es ist derselbe alte Glaube, den viele Menschen mit Hochsensibilität, Hochbegabung oder Vielbegabung ihr Leben lang mit sich tragen: Wenn ich nur die richtige Struktur finde, die richtige Methode, das richtige System, dann funktioniere ich endlich wie die anderen. Das Programm verspricht genau das. Eine fremde Ordnung, die dein Anderssein endlich kompensiert.

Das ist das Reparaturparadigma: die Annahme, an dir sei etwas kaputt, das ein System von außen beheben müsste. Das Tückische daran: Du wendest es auf dich selbst an. Du kaufst nicht ein Marketing-System, du kaufst die Hoffnung, dass das vermeintliche Problem an dir endlich behoben wird. Und Programme, die mit Verknappung, Erfolgsstorys und Social Proof arbeiten, sind exakt darauf gebaut, diese Hoffnung zu wecken, lange bevor du nüchtern prüfen kannst, ob das Ganze zu deinem Nervensystem passt.

Templates für ein anderes Gehirn: Warum die Vorlagen nicht zu dir passen

Dann kommen die Vorlagen. Reel-Templates, Post-Templates, Content-Pläne. Fertig vorgedacht, du musst nur noch ausfüllen. Das klingt nach Entlastung.

Das Problem: Diese Templates wurden von neurotypischen Menschen für neurotypische Menschen gebaut. Sie setzen einen bestimmten Rhythmus voraus, eine bestimmte Art von Dauerpräsenz und eine Lust an der schnellen Selbstinszenierung, die für viele neurodivergente Menschen schlicht nicht funktioniert. Verkauft wird das als universelle Lösung, als wäre alles nur eine Frage des Anwendens. Ist es nicht. Es ist eine Frage der Passung.

Du füllst eine Vorlage aus, die für ein Gehirn gemacht wurde, das anders taktet als deins. Wenn es sich falsch anfühlt, lautet die einzige angebotene Erklärung: Du machst es noch nicht richtig, streng dich mehr an. Genau hier beginnt der Verschleiß.

Was ist der Sunk-Cost-Effekt?

Der Sunk-Cost-Effekt, auf Deutsch der Effekt der versunkenen Kosten, beschreibt die Neigung, an einer Sache festzuhalten, weil bereits Geld, Zeit oder Energie hineingeflossen sind, obwohl sie von jetzt an keinen Nutzen mehr bringt. Rational dürfte nur zählen, was eine Entscheidung ab heute bringt. Tatsächlich zieht uns das bereits Investierte zurück in Dinge, die uns nicht mehr dienen. Der Effekt gehört zu den am besten belegten Phänomenen der Entscheidungspsychologie.

Systematisch nachgewiesen haben ihn die Psychologen Hal Arkes und Catherine Blumer im Jahr 1985 in einer vielzitierten Studie mit zehn Experimenten. Zwei davon sind besonders aufschlussreich.

Das Experiment mit den Skitickets

Teilnehmende sollten sich vorstellen, für 100 Dollar einen Skiausflug nach Michigan gebucht zu haben und kurz darauf für 50 Dollar einen nach Wisconsin, der ihnen deutlich mehr Freude versprach. Beide Ausflüge fielen auf dasselbe Wochenende, kein Ticket ließ sich zurückgeben. Die Mehrheit entschied sich für den weniger attraktiven, weil teureren Ausflug. Lieber das Schlechtere, damit das ausgegebene Geld nicht verschwendet wirkt.

Der Feldversuch am Theater der Ohio University

Noch deutlicher zeigte sich der Effekt in einem realen Feldversuch. Käuferinnen und Käufer von Saisontickets erhielten nach dem Zufallsprinzip entweder den vollen Preis, einen kleinen oder einen großen Rabatt. Alle bekamen dieselben Tickets für dieselben Aufführungen. Wer den vollen Preis gezahlt hatte, besuchte in der ersten Saisonhälfte deutlich mehr Vorstellungen als die Gruppen mit Rabatt. Das bereits gezahlte Geld trieb das Verhalten an, nicht die Lust aufs Theater.

Warum funktioniert diese Falle so zuverlässig?

Hinter dem Sunk-Cost-Effekt stehen drei Mechanismen, die sich gegenseitig verstärken.

Die Verschwende-nichts-Regel. Arkes und Blumer führen den Effekt unter anderem auf eine Regel zurück, die uns als Kindern beigebracht wird: Was bezahlt ist, muss genutzt werden. Diese Regel ist im Alltag oft sinnvoll und wird zur Falle, sobald das Weiternutzen selbst zum Schaden wird.

Die Verlustaversion. Aus der Prospect Theory von Daniel Kahneman und Amos Tversky wissen wir: Verluste wiegen psychologisch etwa doppelt so schwer wie gleich große Gewinne. Aufhören fühlt sich deshalb an wie ein sicherer, schmerzhafter Verlust. Weitermachen hält die Hoffnung am Leben, doch noch etwas zu retten.

Die Selbstrechtfertigung. Wir halten an einmal getroffenen Entscheidungen fest, um sie vor uns selbst zu rechtfertigen und innere Widersprüche zu vermeiden. Eine große Meta-Analyse von Sleesman und Kollegen aus dem Jahr 2012 wertete Dutzende Einzelstudien aus und bestätigte: Versunkene Kosten, Selbstrechtfertigung und die gefühlte Nähe zum Ziel gehören zu den stärksten Treibern dafür, dass Menschen an scheiternden Vorhaben festhalten. Je näher das versprochene Ergebnis scheint, desto schwerer fällt der Ausstieg.

Das Entscheidende für dich: Das Geld ist weg, egal ob du bleibst oder gehst. Was du jetzt entscheidest, sollte sich allein danach richten, was dir von heute an guttut. Das weiß dein Kopf. Der Bauch macht trotzdem weiter. Und bei neurodivergenten Menschen legt sich noch eine zweite Schicht über diese Falle.

Was kommt bei Neurodivergenz noch dazu?

Bei Menschen mit Hochsensibilität, Hochsensitivität, Autismus oder ADHS wirkt der Sunk-Cost-Effekt selten allein. Drei Dinge machen die Falle besonders zäh.

Die Angst vor Zurückweisung. Viele Menschen mit ADHS beschreiben eine extreme Empfindlichkeit gegenüber Kritik und gefühltem Versagen. Der amerikanische Psychiater William Dodson hat dafür den Begriff Rejection Sensitive Dysphoria geprägt. Die Forschung dazu steht noch am Anfang, das Erleben selbst ist in qualitativen Studien gut dokumentiert. Abbrechen heißt dann nicht klug korrigieren, sondern: Ich habe wieder versagt und alle sehen es. Diese Scham hält dich im Programm, nicht das Programm selbst.

Die Gewohnheit der Anpassung. Wer jahrzehntelang gelernt hat, sich an fremde Normen anzupassen statt sie zu hinterfragen, übernimmt genau dieses Muster: Wenn es bei den anderen klappt, liegt es an mir. Auch das ist das Reparaturparadigma, diesmal als innere Stimme.

Die exekutive Hürde. Ein Strategiewechsel kostet Planungs- und Umsteuerungsleistung, also genau die kognitive Flexibilität, die bei Autismus und ADHS oft mehr Energie braucht. Eine umfangreiche Meta-Analyse von Demetriou und Kollegen aus dem Jahr 2018 zeigt messbare Unterschiede in den exekutiven Funktionen bei Autismus, besonders beim flexiblen Wechseln von Strategien. Aussteigen ist für dich also nicht nur emotional teuer, es ist auch neurologisch echte Arbeit. Das erklärt dein Bleiben, ohne dass irgendetwas an dir falsch wäre.

Wichtig dabei: Diese Merkmale treten selten einzeln auf. Hochsensibilität, Hochbegabung, ADHS und Autismus kommen häufig gemeinsam vor, verstärken sich gegenseitig und machen dich zugleich zu einem Menschen, der Systeme schneller durchschaut als andere. Genau deshalb spürst du ja längst, dass etwas nicht stimmt.

Warum „du hättest es wissen müssen“ die falsche Frage ist

An dieser Stelle beginnt bei vielen die Selbstanklage: Ich hätte es doch vor der Buchung erkennen müssen.

Nein. Solche Programme sind professionell darauf optimiert, genau dieses Erkennen zu verhindern. Verknappung, Countdowns, Erfolgsgeschichten im Minutentakt: Das ist eingebaute Verkaufslogik und keine Schwäche deiner Wahrnehmung. Dein Festhalten ist ebenfalls keine Dummheit, sondern die nachvollziehbare Stressreaktion eines Nervensystems, das unter Scham und Überforderung steht. Die Frage ist nicht, warum du das gebucht hast. Die Frage ist, warum dir ein System verkauft wurde, das nie für dich gebaut war.

Wie sieht Sichtbarkeit aus, die zu deinem Nervensystem passt?

Sichtbarkeit ist nicht das Problem. Du darfst gesehen werden, du sollst sogar. Das Problem ist die Vorstellung, dass es nur einen Weg dorthin gibt und dass dieser Weg über fünf Reels am Tag und fremde Templates führt.

Es gibt einen anderen. Einen, der nicht fragt, wie du dich an ein System anpasst, sondern wie ein System aussehen müsste, das zu dir passt. Das ist der Unterschied zwischen Reparatur und Resonanz: Das eine Marketing arbeitet gegen dich, das andere mit dir. Sichtbarkeit, die dich nicht verschleißt, darf leiser sein, seltener, textbasiert statt vor der Kamera, in deinem eigenen Rhythmus statt im Takt eines fremden Content-Plans. Für eine hochsensible, vielbegabte oder autistische Person sieht sie anders aus als das, was in diesen Programmen verkauft wird. Und sie ist möglich.

Halt einen Moment inne: Drei Fragen vor dem nächsten Modul

●      Will ich das? Nicht: Kann ich das durchhalten. Sondern schlicht: Will ich das?

●      Würde ich dieses Programm heute noch einmal buchen, wenn ich es geschenkt bekäme?

●      Was würde ich einer guten Freundin raten, die mir genau das erzählt, was ich gerade erlebe?

Deine ehrliche Antwort auf diese Fragen ist mehr wert als jedes Programm, das dir erzählt, wer du sein müsstest. Das bereits bezahlte Geld hat seinen Dienst getan: Es hat dir gezeigt, was für dich nicht funktioniert. Auch das ist ein Ergebnis. Von heute an zählt nur noch, was dich wirklich sichtbar macht, als die Person, die du bist.

Das Wichtigste in Kürze:

Wenn du in einem Sichtbarkeits-Programm feststeckst, das dich erschöpft, bist du weder undiszipliniert noch gescheitert. Du steckst in einer gut erforschten psychologischen Falle, dem Sunk-Cost-Effekt, den dein neurodivergentes Nervensystem zusätzlich verstärkt. Das Investierte ist vergangen. Deine Energie, deine Zeit und deine Sichtbarkeit gehören ab jetzt einem Weg, der zu dir passt.

Wenn du herausfinden willst, wie Sichtbarkeit aussieht, wenn sie zu deinem Nervensystem passt: In den kostenfreien NEURO Coaching Workshops der HOCHiX-Akademie arbeitet Anne Heintze live mit genau solchen Themen, zweimal im Monat, jeweils 90 Minuten. Alle Themen und die Anmeldung findest du unter https://hochix.com/neuro-coaching/

Und wenn du selbst Menschen begleitest oder begleiten willst: Die HOCHiX Coaching-Ausbildung zeigt dir, wie du als neurodivergenter Coach sichtbar und wirksam wirst, ohne dich zu verbiegen. Alle Informationen findest du unter https://hochix.com/coach-ausbildung/

Ich hoffe, ich habe das Geschenk deiner Zeit verdient.

Sonnige Grüße von
Anne

 

Quellen

Arkes, H. R. & Blumer, C. (1985): The Psychology of Sunk Cost. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 35, 124 bis 140.

Kahneman, D. & Tversky, A. (1979): Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk. Econometrica, 47, 263 bis 291.

Tversky, A. & Kahneman, D. (1992): Advances in Prospect Theory: Cumulative Representation of Uncertainty. Journal of Risk and Uncertainty, 5, 297 bis 323.

Sleesman, D. J., Conlon, D. E., McNamara, G. & Miles, J. E. (2012): Cleaning Up the Big Muddy: A Meta-Analytic Review of the Determinants of Escalation of Commitment. Academy of Management Journal, 55, 541 bis 562.

Demetriou, E. A. et al. (2018): Autism Spectrum Disorders: A Meta-Analysis of Executive Function. Molecular Psychiatry, 23, 1198 bis 1204.

Dodson, W. (2022): How ADHD Ignites Rejection Sensitive Dysphoria. ADDitude Magazine, www.additudemag.com.

Zum Weiterlesen:

Kommentare

2 Kommentare

  1. Wie man sichtbar wird ist doch die falsche Frage, oder zumindest nicht die, mit der man anfangen sollte, sondern ob man gesehen werden will und wenn ja von wem. Warum wird immer vorrausgesetzt, dass man natürlich für möglichst viele sichtbar sein will?
    Die richtigen sehen mich auch ohne den ganzen asoziale-Medien-Marketing-Quatsch. Für die falschen will ich gar nicht sichtbar sein. Gerade als Frau wird man doch nur sexuell beleidigt, wenn man zu sichtbar ist. Oder man wird dafür kritisiert, dass man nicht „normal“ genug ist. Warum sollte ich mir das antun? Wenn die Trolle rauskommen setze ich lieber die Tarnkappe auf (wenn es nur so einfach wäre, ich habe leider keine).
    Wer am lautesten schreit hat nicht automatisch recht, sondern meistens unrecht. Bei den Leisen, die nur reden, wenn sie tatsächlich etwas zu sagen haben, lohnt es sich, zuzuhören. Das Internet braucht mehr freundliche Seiten wie diese als Gegengewicht zu dem ganzen toxischen Müll, der anderswo verbreitet wird. Statt die schlechten Angewohnheiten von anderen zu imitieren sollten wir ein Vorbild sein für die, die von uns lernen wollen, wie es auch anders geht.

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