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Sucht ist oft ein Symptom, kein Versagen: Neurodivergenz, ADHS und die übersehene Selbstmedikation

Selbstmedikation
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Hochbegabung, Hochsensibilität, Autismus und vor allem ADHS gehen mit einem deutlich erhöhten Suchtrisiko einher. Hinter vielen Abhängigkeiten steckt eine unerkannte Neurodivergenz, die sich selbst zu regulieren versucht. Dieser Artikel zeigt, was die Forschung über ADHS, Selbstmedikation und Sucht belegt und warum Behandlung schützt statt zu gefährden.

Es gibt eine Geschichte über Sucht, die seit Jahrzehnten erzählt wird. Sie handelt von Willensschwäche, von Charakterversagen, von einem Menschen, der sich nicht im Griff hat. Diese Geschichte ist nicht nur grausam, sie ist auch falsch, jedenfalls für einen großen Teil der Betroffenen.

Bei vielen neurodivergenten Menschen mit ADHS, oft zusätzlich verdeckt durch Hochbegabung oder Hochsensibilität, ist Sucht etwas anderes. Sie ist der Versuch eines Systems, sich selbst zu regulieren, mit den Mitteln, die gerade verfügbar sind. Wo niemand das ADHS erkannt hat, sucht sich die innere Unruhe einen Ausweg. Dieser Ausweg heißt manchmal Alkohol, manchmal Cannabis, manchmal etwas Stärkeres.

Der Fachbegriff dafür lautet Selbstmedikation. Er verändert alles an der Art, wie wir Sucht verstehen sollten.

Wenn das System sich selbst zu helfen versucht

In der HOCHiX-Akademie begegnen uns immer wieder Menschen, deren Lebensgeschichte ein vertrautes Muster zeigt. Jahrelang spüren sie eine Unruhe, die niemand benennt. Nach außen funktionieren sie, oft sogar beeindruckend, weil eine hohe Begabung vieles auffängt. Im Inneren aber arbeitet ein Nervensystem auf Hochtouren, das keine Pause findet.

Irgendwann taucht ein Stoff auf, der das erste Mal Ruhe bringt. Das Glas Wein am Abend, das die Gedanken leiser macht. Der Joint, der die Reizflut dämpft. Was von außen wie Genuss oder Eskapismus aussieht, ist von innen ein Regulierungsversuch. Das System greift nach dem, was hilft, weil ihm niemand gezeigt hat, dass es einen anderen Weg gibt.

Wie groß das Risiko wirklich ist

Zuerst die Zahlen, weil sie den Zusammenhang unbestreitbar machen. Betrachtet man Menschen mit einer Suchterkrankung, findet sich darunter ein auffällig hoher Anteil mit ADHS. Insgesamt erfüllten 23,1 Prozent aller Menschen mit einer Suchterkrankung die Kriterien für ein begleitendes ADHS, also fast jeder Vierte. Eine aktuelle Metaanalyse aus Bonn bestätigt diese Größenordnung. Über 31 Studien hinweg wird die Prävalenz von ADHS unter Menschen mit Suchterkrankung auf etwa 21 Prozent geschätzt.

Von der anderen Seite betrachtet ist das Bild ebenso deutlich. Menschen mit ADHS in der Kindheit haben ein etwa doppelt so hohes Risiko, später eine Suchterkrankung zu entwickeln. Auch der Verlauf fällt schwerer aus. ADHS gilt als begleitende Bedingung, die mit einer Prognose schwerer Suchterkrankung und deren frühem Beginn verbunden ist.

Zur Einordnung: In der Allgemeinbevölkerung liegt die Häufigkeit von ADHS bei Erwachsenen bei etwa 2,5 bis 5 Prozent. Der Anteil in der Suchtgruppe ist also um ein Vielfaches erhöht.

Warum das neurodivergente Gehirn anfälliger ist

Der Zusammenhang ist kein Zufall, er hat eine neurobiologische Grundlage. Im Zentrum steht erneut das Dopamin. Mehrere Bildgebungsstudien zeigen, dass Menschen mit ADHS Defizite in Motivation und Belohnung aufweisen. Kennzeichnend ist eine Schwierigkeit, Belohnung aufzuschieben, sowie eine Vorliebe für kleine sofortige gegenüber größeren späteren Belohnungen, vermittelt durch eine veränderte Dopaminübertragung in bestimmten Hirnarealen.

Genau hier setzen Substanzen an. Sie liefern dem unterstimulierten Belohnungssystem die schnelle, verlässliche Aktivierung, nach der es sucht. Dazu kommt die Impulsivität, die den Schritt vom Probieren zum Gewohnheitskonsum verkürzt.

Die klinische Beobachtung stützt das eindrücklich. Die Selbstmedikations-Hypothese wird durch Studien gestützt, die eine deutliche Verringerung der ADHS-Symptome nach Konsum berichten. Der Stoff wirkt kurzfristig und genau das macht ihn so verführerisch für ein System, das sich endlich ruhig anfühlt.

Der Bogen zur unerkannten Neurodivergenz

Hier schließt sich der Kreis zu allem, was die unerkannte Neurodivergenz so teuer macht. Wer jahrzehntelang ohne Diagnose lebt, weil die Hochbegabung das ADHS überstrahlt, trägt eine Dauerlast aus innerer Unruhe, Reizüberflutung und Erschöpfung durch ständige Kompensation. Niemand bietet eine passende Hilfe an, weil niemand das eigentliche Thema sieht.

In dieser Lücke gedeiht die Selbstmedikation. Die Substanz wird zum stillen Werkzeug, das leistet, was eine frühe Diagnose und Behandlung hätte leisten können. So betrachtet ist die Sucht oft kein erstes Problem, sondern ein zweites, das auf dem Boden eines übersehenen ersten wächst. Sie steht damit in einer Reihe mit der Depression und dem Burnout, die aus demselben Boden entstehen. Es sind verschiedene Gesichter desselben unversorgten Kerns.

Die wichtigste Botschaft: Behandlung schützt

Jetzt kommt der Teil, der die alte Geschichte von der Willensschwäche endgültig aushebelt. Es ist die hoffnungsvollste Erkenntnis dieser ganzen Reihe. Viele Menschen fürchten, die Behandlung von ADHS mit Stimulanzien könnte erst recht in die Abhängigkeit führen. Die Forschung zeigt das Gegenteil.

Eine große schwedische Registerstudie mit knapp 39000 Menschen mit ADHS untersuchte genau diese Frage. Die ADHS-Medikation war nicht mit einer erhöhten Rate an Substanzmissbrauch verbunden. Im Gegenteil lag die Rate bei den medikamentös Behandelten um 31 Prozent niedriger, mit einer Hazard Ratio von 0,69. Eine ältere Metaanalyse derselben Forschungsrichtung kommt zum gleichen Schluss. Wilens und Kollegen berichteten über sechs Studien hinweg eine 1,9-fache Reduktion des Suchtrisikos bei Menschen mit ADHS, die Stimulanzien genommen hatten, verglichen mit ähnlichen Personen ohne Medikation.

Der Grund liegt im Unterschied zwischen Therapie und Rausch. Die verordnete Behandlung normalisiert die Dopaminfunktion über langsame, kontrollierte Wege, statt einen Rausch zu erzeugen. Sie gibt dem System die Regulation, die es vorher in Substanzen gesucht hat. Damit entfällt der Grund für die Selbstmedikation. Wichtig ist dabei die fachärztliche Begleitung, gerade bei einer Suchtvorgeschichte, wo auch nicht stimulierende Medikamente eine Rolle spielen können.

Ein ehrlicher Blick nach innen

Diese Fragen darfst du in Ruhe für dich beantworten:

●      Greifst du in bestimmten Situationen zu einem Stoff, weil er deine innere Unruhe dämpft?

●      Gibt es eine Begabung oder Sensibilität, die möglicherweise ein dahinterliegendes Thema überstrahlt hat?

●      Wurde bei dir je geprüft, ob hinter deinem Erleben ein unerkanntes ADHS stehen könnte?

●      Was würde sich verändern, wenn du dein Verhalten nicht als Versagen, sondern als Regulierungsversuch verstehst?

Was das für unsere Haltung bedeutet

Aus all dem folgt eine klare Haltung, die unsere Arbeit trägt. Sucht bei neurodivergenten Menschen verdient die Frage nach dem, was darunter liegt. Ein Mensch, der trinkt oder konsumiert, könnte ein Mensch sein, dessen ADHS nie erkannt wurde und der sich auf dem einzigen Weg zu helfen versuchte, den er kannte.

Das nimmt der Sucht ihre moralische Schuldzuweisung, ohne ihre Gefährlichkeit zu verharmlosen. Sie bleibt ernst und behandlungsbedürftig. Aber sie wird verstehbar als Symptom statt als Versagen. Es geht um Resonanz statt Reparatur. Das heißt hier, hinter das Symptom zu schauen und den unversorgten Kern zu finden.

Genau an dieser Stelle setzt das Verstehen statt Optimieren an, das die HOCHiX-Akademie prägt. Wer den ADHS-Test, den Hochsensibilitätstest oder den Vielbegabungstest in der HOCHiX-Akademie nutzt, bekommt keinen Stempel, sondern einen ersten Hinweis darauf, was wirklich los ist. Neurodivergente Menschen, die endlich die richtige Diagnose und Unterstützung erhalten, verlieren oft den Grund, sich selbst zu betäuben. Genau dort beginnt der Weg heraus.

Erkenntnis, Erklärung und Einladung

Vielleicht erkennst du dich oder einen Menschen, den du begleitest, in diesen Zeilen wieder. Falls ja, ist das kein Anlass für Scham, sondern eine Einladung, genauer hinzusehen. Hinter dem Symptom wartet oft eine Erklärung, die alles in ein milderes Licht rückt.

Sucht ist bei neurodivergenten Menschen selten ein Charakterfehler. Sie ist häufig der Versuch eines unerkannten Nervensystems, sich selbst zu regulieren. Wird das ADHS erkannt und behandelt, sinkt das Suchtrisiko nachweislich. Du brauchst keinen stärkeren Willen. Du brauchst Verständnis für das, was unter der Oberfläche liegt, sowie die passende Unterstützung.

In den NEURO Coaching Workshops der HOCHiX-Akademie schauen wir gemeinsam hinter solche Muster und üben einen Umgang, der das Nervensystem entlastet statt belastet. Themen und Anmeldung findest du hier: https://hochix.com/neuro-coaching/

Neurodivergenz und Sucht ist ein sensibles Thema. Falls Sucht bei dir, in deiner Arbeit mit Klienten oder im persönlichen Umfeld über das fachliche Interesse hinausgeht, kann ich dir helfen, passende Anlaufstellen und Unterstützungsangebote zu finden.

Ich hoffe, ich habe das Geschenk deiner Zeit verdient.

Herzlichst
Anne

 

Quellen

Atmaca, F. & Baloğlu, M. (2022). The two sides of cognitive masking: A three-level Bayesian meta-analysis on twice-exceptionality. Gifted Child Quarterly.

Baum, S. M., Schader, R. M. & Owen, S. V. (2017). To be gifted and learning disabled, 3. Auflage. Prufrock Press.

Rommelse, N. et al. The co-occurrence of autism and ADHD in children, what do we know? Frontiers in Human Neuroscience.

Burger-Veltmeijer, A. E. J., Minnaert, A. E. M. G. & Van Houten-Van den Bosch, E. J. (2011). The co-occurrence of intellectual giftedness and Autism Spectrum Disorders.

Neff, M. A. Neurodivergent Insights, zum Begriff AuDHD und zur Überschneidung von Autismus und ADHS.

Heintze, A. (2026). HOCHiX-Akademie für Hochsensibilität, Hoch- und Vielbegabung. www.hochix.com

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