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Neurodivergenz verstehen: Warum Schnittmengen mehr sagen als Schubladen

Neurodivergenz verstehen: Warum Schnittmengen mehr sagen als Schubladen
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Unser erweiterter Blick auf Hochsensibilität, Hochbegabung, Vielbegabung, ADHS und Autismus in der HOCHiX-Akademie:

Vielleicht hast du dich schon einmal gefragt, warum keine der Beschreibungen ganz zu dir passt, die man dir bisher angeboten hat. Hochsensibel, hochbegabt, vielbegabt, ADHS, Autismus: Jedes Etikett trifft ein Stück von dir, keines trifft dich vollständig. In der HOCHiX-Akademie arbeiten wir deshalb seit vielen Jahren mit einem bewusst weiter gefassten Verständnis von Neurodivergenz. Hier liest du, wofür der Begriff HOCHiX steht, warum uns Schnittmengen mehr sagen als Schubladen und weshalb du weder krank noch begnadet erklärt werden musst, um mit deinem Anderssein richtig zu sein.

Es gibt einen Moment, den ich in Gesprächen immer wieder erlebe. Ein Mensch sitzt vor mir, hat drei Tests gemacht, zwei Bücher gelesen und trägt manchmal sogar eine Diagnose in der Tasche. Trotzdem fällt irgendwann dieser eine Satz: Irgendwie passt das alles, aber irgendwie stimmt es auch nicht.

Diese Erfahrung ist kein Zeichen von Unentschlossenheit. Sie ist eine ausgesprochen genaue Beobachtung.

Menschen lassen sich selten so ordentlich sortieren, wie Fachbücher es nahelegen. In der Praxis begegnen mir Profile, die sich überlagern, ergänzen, gegenseitig verdecken und sich damit jeder eindeutigen Zuordnung entziehen.

Genau deshalb arbeiten wir in der HOCHiX-Akademie mit einem weiter gefassten Verständnis von Neurodivergenz. Eine Unterscheidung ist mir dabei besonders wichtig, bevor es losgeht.

Was bedeutet Neurodivergenz?

Neurodivergenz beschreibt neurologische Unterschiede in Wahrnehmung, Denken, Reizverarbeitung, Begabungsstruktur oder Aufmerksamkeitssteuerung, die deutlich von dem abweichen, was gesellschaftlich als durchschnittlich gilt.

Der Begriff geht auf das Konzept der Neurodiversität zurück, das die australische Soziologin Judy Singer Ende der 1990er Jahre geprägt hat. Neurodiversität meint die Vielfalt menschlicher Gehirne insgesamt. Neurodivergent nennen wir dagegen eine einzelne Person, deren neurologische Ausstattung von der Mehrheit abweicht.

Wichtig ist dabei eines: Neurodivergenz ist selbst keine Diagnose. Es handelt sich um einen Sammelbegriff, unter dem sehr unterschiedliche Phänomene versammelt sind. Manche davon sind medizinisch klassifiziert, andere beschreiben Persönlichkeitsmerkmale, wieder andere sind praktische Modelle aus der Beratungsarbeit.

Was HOCHiX ist und was HOCHiX nicht ist

HOCHiX ist keine medizinische Diagnose und auch kein wissenschaftliches Klassifikationssystem. Es ist unser Arbeitsbegriff für Menschen, deren Wahrnehmung, Denken, Reizverarbeitung, Begabungsstruktur oder Aufmerksamkeitssteuerung deutlich von dem abweichen kann, was gesellschaftlich als durchschnittlich gilt.

Warum dann überhaupt ein eigener Begriff? Weil wir in der HOCHiX-Akademie täglich mit Menschen arbeiten, die sich in mehreren Beschreibungen gleichzeitig wiederfinden. Ein Begriff, der nur eine einzige Diagnose abbildet, wird ihnen nicht gerecht. Ein Begriff, der alle Unterschiede einebnet, ebenso wenig.

Unter HOCHiX beschäftigen wir uns insbesondere mit Hochsensibilität, Hochsensitivität, Hochbegabung, Vielbegabung beziehungsweise Scannerpersönlichkeiten sowie mit ADHS und Autismus.

Welche Phänomene gehören dazu und was ist wissenschaftlich gesichert?

Diese Phänomene haben wissenschaftlich keineswegs denselben Status. Das ist keine Nebensächlichkeit, sondern der Grund, warum wir sie sorgfältig auseinanderhalten.

Autismus und ADHS sind etablierte neuroentwicklungsbedingte Diagnosen mit klaren Kriterien im DSM-5 und in der ICD-11. Hochbegabung beschreibt außergewöhnlich hohe kognitive Fähigkeiten, ist psychometrisch gut untersucht und wird zunehmend auch unter dem Blickwinkel der Neurodiversität betrachtet. Hochsensibilität, wissenschaftlich als Sensory Processing Sensitivity erforscht, gilt als Persönlichkeitsmerkmal ohne diagnostischen Status. Vielbegabung und Scannerpersönlichkeit sind beschreibende Konzepte aus der Beratungspraxis, keine medizinischen oder psychologischen Diagnosen.

Wir werfen diese Phänomene deshalb nicht in einen Topf. Wir betrachten ihre Schnittmengen. Genau dort wird es für unsere Arbeit besonders interessant.

Der wissenschaftliche Status im Überblick

Vier sehr unterschiedliche Kategorien, die wir bewusst auseinanderhalten:

●      Autismus: neuroentwicklungsbedingte Diagnose, klassifiziert in DSM-5 und ICD-11

●      ADHS: neuroentwicklungsbedingte Diagnose, seit dem DSM-5 von 2013 erstmals gemeinsam mit Autismus diagnostizierbar

●      Hochbegabung: psychometrisch messbare kognitive Ausprägung, keine Krankheitsdiagnose

●      Hochsensibilität und Hochsensitivität: als Sensory Processing Sensitivity erforschtes Persönlichkeitsmerkmal ohne diagnostischen Status

●      Vielbegabung und Scannerpersönlichkeit: beschreibende Konzepte aus der Praxis, deren Erforschung noch am Anfang steht

Warum die Schnittmengen mehr sagen als die Schubladen

Ein hochbegabter Mensch kann gleichzeitig ADHS haben. Fachlich spricht man dann von twice exceptional. Ein autistischer Mensch kann hochbegabt und außergewöhnlich reizoffen sein. Wer ADHS hat, entwickelt häufig eine enorme Interessenvielfalt und findet sich deshalb im Konzept der Scannerpersönlichkeit wieder. Hochsensibilität wiederum kann eigenständig auftreten, überschneidet sich in einzelnen Merkmalen jedoch mit sensorischer Sensitivität bei Autismus oder ADHS.

Dass ADHS und Autismus gemeinsam auftreten können, ist übrigens erst seit dem DSM-5 aus dem Jahr 2013 offiziell diagnostizierbar. Davor schloss die eine Diagnose die andere aus. Viele Menschen, die heute als AuDHS beschrieben werden, haben jahrzehntelang nur die halbe Erklärung für sich bekommen.

Wir haben dieses Prinzip an anderer Stelle in einem Satz zusammengefasst: Niemand ist nur einfarbig. Wer sich selbst verstehen möchte, kommt mit einer einzigen Kategorie deshalb selten weit.

Warum hohe Reizempfindlichkeit noch keine Hochsensibilität ist

Eine hohe Reizempfindlichkeit erzählt uns zunächst nur eines: Dieser Mensch verarbeitet bestimmte Reize besonders intensiv. Warum das so ist, sagt sie noch lange nicht zuverlässig.

Genau diese Frage ist entscheidend. Sensorische Überempfindlichkeit im Autismus-Spektrum ist nicht automatisch Hochsensibilität. Eine hohe emotionale Reaktivität bei ADHS ebenso wenig. Auch chronischer Stress, Belastungserfahrungen, Erschöpfung oder körperliche Erkrankungen können mit erhöhter Reizempfindlichkeit einhergehen.

Die Forschung stützt diese Vorsicht. Robertson und Simmons zeigten 2013, dass sensorische Empfindlichkeit und autistische Merkmale auch in der Allgemeinbevölkerung zusammenhängen. Lionetti und Kolleginnen beschrieben 2018 drei Sensitivitätsgruppen und ordneten knapp ein Drittel der Untersuchten der hochsensitiven Gruppe zu. Wer jedes empfindsame Nervensystem vorschnell mit dem Etikett hochsensibel versieht, macht es sich also zu einfach.

Für dich heißt das: Ein Testergebnis ist ein Anfang, keine Erklärung.

HOCHiX ist keine neue Diagnose, sondern eine Landkarte

Das möchte ich besonders deutlich sagen, weil immer neue Etiketten meiner Meinung nach kaum das sein können, was neurodivergente Menschen wirklich brauchen.

HOCHiX soll keine weitere Schublade schaffen. Wir verwenden den Begriff als eine Art Landkarte. Darauf werden unterschiedliche Formen außergewöhnlicher Wahrnehmung, Informationsverarbeitung, Begabung und Aufmerksamkeit sichtbar. Gleichzeitig lassen sich ihre Überschneidungen betrachten.

Für Coaching und Persönlichkeitsentwicklung reicht die Frage nach einer Diagnose ohnehin häufig nicht aus. Uns interessiert, wie dieser eine konkrete Mensch funktioniert.

Welche Fragen im Coaching wirklich weiterführen

Deshalb stellen wir in der HOCHiX-Akademie andere Fragen als die nach der passenden Kategorie. Sie klingen einfach, führen aber sehr schnell zum Wesentlichen.

Fragen, die mehr über dich verraten als jede Diagnose

Nimm dir für jede Frage einen Moment Zeit, bevor du weiterliest:

●      Wie verarbeitest du Reize und wann wird es zu viel?

●      Auf welche Art denkst du und wie schnell erkennst du Zusammenhänge?

●      Wie steuerst du deine Aufmerksamkeit und was passiert damit unter Stress?

●      Welche Bedürfnisse hast du und wo liegen deine besonderen Fähigkeiten?

●      Wo erlebst du Einschränkungen, die auch bei bestem Willen bleiben?

●      Welche Strategien hast du im Laufe deines Lebens entwickelt, um dich anzupassen?

●      Welchen Preis bezahlst du möglicherweise für diese Anpassung?

Solche Antworten interessieren uns wesentlich mehr als die Überlegung, in welche Schublade ein Mensch möglichst elegant hineinpasst. Sie sind außerdem der Punkt, an dem sich im Coaching tatsächlich etwas verändert.

Neurodivergenz darf komplex sein

Am Neurodiversitätsparadigma gefällt mir vor allem eines: Es erlaubt uns, neurologische Unterschiede zunächst als Unterschiede zu betrachten, bevor wir sie bewerten. Trotzdem sollten wir aufpassen, dass aus einer guten Idee keine Ideologie wird.

Neurodivergenz ist weder automatisch Krankheit noch automatisch Ausnahmetalent.

Sie kann Begabung und Belastung zugleich sein. Sie kann einem Menschen außergewöhnliche Fähigkeiten ermöglichen und ihm an anderer Stelle das Leben erheblich erschweren. Manche Schwierigkeiten entstehen vor allem durch unpassende gesellschaftliche Bedingungen. Andere bleiben bestehen, selbst wenn das Umfeld hervorragend eingerichtet ist. Bei vielen Menschen lässt sich beides überhaupt nicht sauber voneinander trennen.

Genau diese Ambivalenz müssen wir aushalten können.

Weniger Defizitdenken, weniger Romantisierung

Jahrzehntelang wurden Menschen danach beurteilt, wie erfolgreich sie sich an eine neurotypisch geprägte Welt anpassen konnten. Heute erleben wir teilweise die Gegenbewegung. Plötzlich soll jede neurodivergente Besonderheit eine Gabe, ein Talent oder gleich eine Heldengeschichte sein. Auch das halte ich für problematisch.

Ein Mensch darf sein ADHS lieben und trotzdem an seiner Vergesslichkeit verzweifeln. Ein autistischer Mensch darf seine besondere Art des Denkens schätzen und gleichzeitig unter Reizüberflutung leiden. Wer hochbegabt ist, darf die eigene geistige Geschwindigkeit genießen und sich dennoch schmerzhaft einsam fühlen. Hochsensible Menschen dürfen ihre feine Wahrnehmung als Bereicherung erleben und sich manchmal wünschen, die Welt hätte einen verdammten Lautstärkeregler.

Menschen sind widersprüchlich. Warum sollten ihre Gehirne einfacher sein?

Das ist unser Verständnis von HOCHiX

HOCHiX bedeutet für uns deshalb nicht: Du hast eine bestimmte Diagnose und gehörst damit zu einer bestimmten Gruppe. Es bedeutet ebenso wenig: Alles, was dich von anderen unterscheidet, ist wunderbar und muss nur endlich ausreichend gefeiert werden.

Unser Verständnis ist anspruchsvoller. Wir betrachten Menschen mit außergewöhnlichen Formen des Denkens, Wahrnehmens, Fühlens, Lernens und Verarbeitens in ihrer ganzen Komplexität. Uns interessieren ihre Ressourcen ebenso wie ihre Schwierigkeiten, neurologische Voraussetzungen ebenso wie Lebenserfahrungen, individuelle Bedürfnisse ebenso wie gesellschaftliche Bedingungen.

Dabei unterscheiden wir sorgfältig zwischen wissenschaftlich gesichertem Wissen, plausiblen Modellen, praktischen Beobachtungen und Konzepten, deren Erforschung noch am Anfang steht. Denn Wertschätzung braucht keine wissenschaftlichen Übertreibungen. Und Neurodivergenz braucht keine Romantisierung, um wertvoll zu sein.

Dein Take-away

Du musst weder krank erklärt noch zum Ausnahmetalent erhoben werden, um mit deinem Anderssein richtig zu sein. Entscheidend ist, dass du verstehst, wie du funktionierst und was du brauchst, um dein Leben auf deine Weise zu gestalten. Genau dort beginnt unsere Arbeit: Resonanz statt Reparatur.

Wenn du deine eigene Landkarte genauer kennenlernen möchtest und dich fragst, ob die Begleitung anderer neurodivergenter Menschen dein Weg sein könnte, ist der HOCHiX-Code eine gute Gelegenheit. Der kostenfreie Live-Workshop findet am 19. und 20. September statt, jeweils von 10 bis 14 Uhr, online mit mir. Wir schauen uns dort die drei Blockaden an, die neurodivergente Menschen am häufigsten ausbremsen, nämlich das Hochstapler-Syndrom, die Geld-Allergie und das Mauerblümchen-Marketing. Alle Informationen findest du hier: https://hochix.com/hochix-code/

Falls du danach weitergehen möchtest, findest du in der HOCHiX Coaching-Ausbildung den passenden Rahmen dafür: https://hochix.com/coach-ausbildung/

Ich hoffe, ich habe das Geschenk deiner Zeit verdient.

Herzlichst

Anne

 

Quellen

American Psychiatric Association, 2013, Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5), APA Publishing

Aron, Elaine N. und Aron, Arthur, 1997, Sensory-Processing Sensitivity and Its Relation to Introversion and Emotionality, Journal of Personality and Social Psychology

Greven, Corina U. u. a., 2019, Sensory Processing Sensitivity in the Context of Environmental Sensitivity, Neuroscience and Biobehavioral Reviews

Lionetti, Francesca u. a., 2018, Dandelions, Tulips and Orchids: Evidence for the Existence of Low-Sensitive, Medium-Sensitive and High-Sensitive Individuals, Translational Psychiatry

Robertson, Ashley E. und Simmons, David R., 2013, The Relationship between Sensory Sensitivity and Autistic Traits in the General Population, Journal of Autism and Developmental Disorders

Sher, Barbara, 2006, Refuse to Choose, Rodale

Singer, Judy, 1999, Why Can’t You Be Normal for Once in Your Life?, in: Corker, Mairian und French, Sally (Hrsg.), Disability Discourse, Open University Press

Webb, James T. u. a., 2005, Misdiagnosis and Dual Diagnoses of Gifted Children and Adults, Great Potential Press

Heintze, Anne, Niemand ist nur einfarbig: Warum Neurodivergenz fast immer mehrfach kommt, HOCHiX Akademie, www.hochix.com/twice-exceptional-multi-exceptional-neurodivergenz-mehrfach/

ADHS bei Erwachsenen: Außergewöhnliches Denken, HOCHiX Akademie, www.hochix.com/adhs-bei-erwachsenen-aussergewoehnliches-denken/
Hochbegabung bei Erwachsenen, HOCHiX Akademie, www.hochix.com/hochbegabung-bei-erwachsenen/
Hochsensibilität und Hochsensitivität: Vom Überreizten zum Überlegenen, HOCHiX Akademie, www.hochix.com/neu-hochsensibilitaet-und-hochsensitivitaet-vom-ueberreizten-zum-ueberlegenen-nutze-dein-potenzial/
Vielbegabte Scanner-Persönlichkeit: Zwischen Neugier, Ernsthaftigkeit und Lebenshunger, HOCHiX Akademie, www.hochix.com/vielbegabte-scanner-persoenlichkeit-zwischen-neugier-tiefe-und-lebenshunger/

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