Themen
Hochsensibilität & Hochsensitivität
Hochbegabung bei Erwachsenen
Vielbegabung & Scannerpersönlichkeit
Hochbewusstsein & Spiritualität
Asperger Autismus
ADHS & ADS bei Erwachsenen
Beruf & Karriere
Empathie, Gefühle & Emotionen
Liebe & Partnerschaft
Unter uns (Männern)
Essentials: Neurodivergenz
Coachingpraxis
Coaching-Ausbildung
Autoren
Anne Heintze
Harald Heintze
HOCHiX Community...
Der einzige Ort, an dem Neurodivergenz nicht erklärt werden muss – hier wird sie gefeiert, verstanden und zur Quelle deiner größten Stärke gemacht. Für alle Menschen, die anders besonders sind.
Hypermirroring: Wenn du fühlst, was andere fühlen und selbst daran zerbrichst
Vielleicht kennst du das: Ein Mensch erzählt dir von seinem Stress und wirkt dabei völlig gefasst. Du dagegen spürst, wie dein Puls steigt und sich ein Kloß in deinem Hals bildet. Sein Gefühl ist innerhalb von Sekunden in deinem Körper angekommen, nicht nachvollzogen, sondern übernommen. Für dieses Muster gibt es einen Namen: Hypermirroring. In diesem Artikel erfährst du, was dahintersteckt, warum es keine Überempfindlichkeit ist und wie du lernst, deine starke Spiegelung zu regulieren.
Ein Mensch sitzt dir gegenüber und erzählt von einem heftigen Streit mit seinem Chef. Er selbst wirkt ruhig, fast gelassen. Du dagegen spürst, wie dein Puls steigt, wie sich deine Schultern anspannen und ein Kloß in deinem Hals wächst. Der Stress, den er beschreibt, ist plötzlich in deinem eigenen Körper angekommen.
Vielleicht liest du das gerade und denkst: Ja, genau so fühlt sich das an. Endlich hat das, was ich seit Jahren kenne, einen Namen. Du bist damit nicht allein und du bist auch nicht zu empfindlich für diese Welt.
Für viele hochsensible, autistische, hochbegabte und von ADHS betroffene Menschen ist genau dieses Muster kein Einzelfall, sondern gelebter Alltag. Dasselbe gilt für Coaches, die neurodivergente Klienten begleiten. Die Forschung hat inzwischen einen Begriff dafür gefunden: Hypermirroring.
Was ist Hypermirroring?
Hypermirroring bezeichnet ein Muster, bei dem ein Nervensystem fremde Gefühlszustände so stark spiegelt, dass es sie wie eigene übernimmt, ohne sie automatisch als fremd zu markieren. Es geht dabei nicht um zu viel Mitgefühl im moralischen Sinn, sondern um eine körperliche Ansteckung durch die Emotionen anderer. Das Erleben reicht vom übernommenen Puls bis zur vollständigen Erschöpfung nach einem Gespräch.
Der Begriff stammt von der Entwicklungspädiaterin Theresia Stöckl-Drax. Sie beschrieb das Phänomen bei Kindern und Jugendlichen, die in ihrer Praxis mit Aufmerksamkeits- und Lernschwierigkeiten sowie mit Überforderung in bestimmten Situationen vorgestellt wurden. Zugleich zeigten diese jungen Menschen eine auffällig hohe affektive Empathie und ein starkes soziales Bewusstsein (Stöckl-Drax et al., 2018).
Diese Kinder passten in keine der üblichen diagnostischen Kategorien. Ihr Muster war weder ein reines Aufmerksamkeitsproblem noch eine reine Wahrnehmungsbesonderheit. Es war eine Verbindung aus hoher sozialer Empfänglichkeit und einer Neigung, von fremden Gefühlszuständen überwältigt zu werden.
Was im Gehirn dabei passiert
In einer Faktorenanalyse der Fragebogendaten zeigte sich ein eigenständiger Faktor, der mit hoher affektiver Empathie, sozialer Wachheit und starkem Engagement zusammenhing. Dieser Faktor war unabhängig von Aufmerksamkeit, Reizverarbeitung oder auditiver Verarbeitung (Stöckl-Drax et al., 2018). Die starke Empathie ließ sich also nicht einfach mit einer Aufmerksamkeitsstörung erklären.
Ergänzende qEEG-Untersuchungen fanden bei diesen Kindern eine veränderte funktionelle Verbindung zwischen dem Spiegelneuronen-Netzwerk und dem mentalisierenden Netzwerk. Auffällig war zudem ein besonders ausgeprägter zentraler Mu-Rhythmus, der als mögliches Kennzeichen einer besonders starken neuronalen Spiegelung diskutiert wird (Stöckl-Drax, Vanneste, Langguth, Mielke & De Ridder, 2018).
Wenn du das liest und in dir etwas anspringt, dann geschieht das nicht zufällig. Vielleicht warst du selbst dieses Kind. Womöglich sitzt heute so ein junger Mensch oder ein erwachsener Klient bei dir im Coaching und kann nicht benennen, warum er sich nach jedem Kontakt so leer fühlt.
Autismus und Empathie: Warum die Broken-Mirror-Theorie zu kurz greift
Lange dominierte in der Autismusforschung die sogenannte Broken-Mirror-Theorie. Sie nahm an, dass Spiegelneuronen bei autistischen Menschen unterfunktionieren und dass genau dies die Ursache sozialer Schwierigkeiten sei (Ramachandran & Oberman, 2006). Diese Annahme hat vielen neurodivergenten Menschen über Jahre das Gefühl gegeben, ihnen fehle etwas Grundlegendes. Das ist bitter, denn es trifft nicht zu.
Neuere Metaanalysen zeichnen ein deutlich klareres Bild. Eine Auswertung bildgebender Studien fand bei autistischen Personen keine generelle Unterfunktion, sondern in bestimmten Hirnarealen sogar eine Überaktivierung, etwa im rechten unteren Stirnwindungsbereich bei der Beobachtung von Handlungen mit emotionaler Komponente (Yao & Ma, 2020). Eine systematische Übersichtsarbeit kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass die Daten für eine globale Störung des Spiegelsystems bei Autismus schwach sind. Vorgeschlagen wird stattdessen ein Modell, in dem die Regulation sozialer Reize verändert ist: also wie stark und wie automatisch ein Reiz überhaupt verarbeitet wird (Hamilton, 2013).
Es geht also nicht um zu wenig Mitgefühl. Es geht um zu wenig Filter. Das System nimmt auf, mit voller Wucht, aber es sortiert nicht automatisch, was fremd ist und was eigen.
Zu wenig Filter, nicht zu wenig Mitgefühl
Ein Grund, warum Hypermirroring erst spät wissenschaftlich beschrieben wurde, liegt in einem verbreiteten Denkfehler über Empathie bei Autismus. Die klassische Annahme lautete: Autistische Menschen hätten eine intakte oder sogar erhöhte affektive Empathie bei gleichzeitig reduzierter kognitiver Empathie. Sie hätten also Schwierigkeiten, die Perspektive anderer gedanklich zu erschließen, während das Mitfühlen selbst unversehrt bleibe.
Eine aktuelle Studie stellt dieses Bild infrage. Sie führt den Begriff des empathischen Ungleichgewichts ein und zeigt, dass viele autistische Menschen von einer als exzessiv erlebten Empathie berichten, einem Erleben, das die bisherige Forschung kaum abgebildet hat (Shalev et al., 2022). Sowohl ein Zuwenig als auch ein Zuviel an Empathie im Verhältnis zwischen affektiver und kognitiver Komponente hing in dieser Studie mit autistischen Merkmalen und einer Autismus-Diagnose zusammen.
Nicht die Abwesenheit von Empathie ist das zentrale Problem, sondern eine Dysbalance, die auch nach oben ausschlagen kann. Für einen relevanten Teil der Betroffenen tut sie genau das. Weitere Arbeiten zeigen zudem, dass bei hochfunktionalen autistischen Erwachsenen eine veränderte emotionale Reaktivität sowohl die affektive als auch die kognitive Empathie beeinflusst (Mensen et al., 2024). Reizverarbeitung und Mitfühlen sind im Nervensystem eng miteinander verwoben.
Warum Hypermirroring selten allein kommt
Neurodivergenz beschreibt die natürliche Vielfalt menschlicher Nervensysteme, zu der Hochsensibilität, Hochbegabung, Vielbegabung, Autismus und ADHS gehören. Hypermirroring ist kein isoliertes Symptom, sondern ein Erleben, das quer durch diese Profile auftaucht. Genau darin liegt sein Wesen. Ein Nervensystem, das intensiv wahrnimmt, spiegelt oft auch intensiv.
In der HOCHiX-Akademie gilt der Grundsatz, dass niemand nur einfarbig ist. Merkmale wie hohe Empathie, starke Reizverarbeitung und feines soziales Gespür treten selten einzeln auf, sondern gehören meist zu einem größeren neurodivergenten Muster. Wer sich in Hypermirroring wiedererkennt, findet hier keinen Defekt, den es zu reparieren gilt, sondern eine Eigenschaft, die verstanden und begleitet werden darf. Das ist der Unterschied zwischen Reparatur und Resonanz.
Was Hypermirroring für deine Arbeit als Coach mit neurodivergenten Klienten bedeutet
Vielleicht wird dir gerade selbst warm ums Herz, weil du erkennst, wovon hier die Rede ist. Möglicherweise denkst du an einen Klienten, der nach jedem intensiven Gespräch erschöpft ist, obwohl objektiv nichts geschehen ist. Dieser Mensch zeigt kein Zeichen mangelnder Belastbarkeit. Er zeigt ein Nervensystem, das fremde emotionale Zustände in hoher Auflösung übernimmt, ohne sie automatisch als fremd zu markieren.
Die Unterscheidung zwischen dem eigenen und einem übernommenen Gefühl ist trainierbar. Die einfache Frage, ob dieses Gefühl gerade meins ist oder ob ich es mir soeben geliehen habe, schafft einen inneren Abstand, der bei starker Spiegelung sonst fehlt.
Erschöpfung nach sozialem Kontakt ist bei diesem Muster kein Motivationsproblem. Sie ist eine neurophysiologische Reaktion, die Ernstnahme braucht statt Willenskraft.
Die Fähigkeit zur starken Mitempfindung bleibt bei aller Last eine echte Gabe. Menschen, die stark spiegeln, verstehen andere oft schneller und genauer als die meisten. Deine Aufgabe im Coaching ist es nicht, dieses Vermögen zu unterdrücken, sondern es so zu regulieren, dass es trägt, statt auszubrennen.
Fragen zum Weiterdenken für dichNimm dir einen Moment, bevor du weiterliest. Wann hast du zuletzt ein Gefühl mit nach Hause genommen, das eigentlich nicht deins war? Woran erkennst du bei dir selbst den Unterschied zwischen deiner eigenen Emotion und einer übernommenen? Wenn du an deine Klienten denkst: Wer von ihnen zeigt genau dieses Muster, ohne dass es bisher einen Namen dafür gab? |
Ein Muster, das eine eigene Sprache verdient
Hypermirroring ist ein junges Forschungsfeld und die Datenlage, gerade zum Konzept von Stöckl-Drax, beruht bislang auf kleineren klinischen Stichproben. Trotzdem trifft der Begriff etwas, das in der klassischen Diagnostik lange keinen Platz hatte: das Erleben von Menschen, die weder zu wenig noch einfach nur viel fühlen, sondern deren Nervensystem fremde emotionale Zustände mit einer Wucht übernimmt, die im Alltag zur echten Last werden kann.
Wenn du dich in diesen Zeilen wiedererkennst, dann trägst du seit Jahren etwas, das jetzt endlich einen Namen hat. Und wenn du andere Menschen begleitest, die genau das erleben, darfst du wissen: Regulation ist lernbar und keine Charakterfrage.
Das Wichtigste zum MitnehmenDu fühlst nicht zu viel, weil mit dir etwas nicht stimmt. Dein Nervensystem spiegelt fremde Gefühle ohne Filter und übernimmt sie wie eigene. Das ist keine Schwäche, sondern die Kehrseite einer starken Empathie. Du darfst lernen, das eigene vom übernommenen Gefühl zu unterscheiden und deine Gabe so zu regulieren, dass sie dich trägt statt dich zu erschöpfen. |
Wenn du spürst, dass dein Körper fremde Gefühle immer wieder ungefiltert übernimmt, hilft dir ein Weg, der genau dort ansetzt: bei deinem Nervensystem. Den Selbstlernkurs Neurovaya habe ich für neurodivergente Nervensysteme entwickelt. Er öffnet dir sechs Zugänge zu deinem Nervensystem, mit Audio-Anleitungen, einem Kurs-Journal und SOS-Notfallmitteln für Momente der Überflutung.
Hier findest du die Informationen: https://hochix-akademie.com/s/hochix/Neurovaya .
Herzlichst
Anne
Quellen
Stöckl-Drax, T., Vanneste, S., Langguth, B., Mielke, S. & De Ridder, D., 2018, Hypermirroring: a novel empathy disorder or a gift?, ResearchGate.
Yao, S. & Ma, Y., 2020, Differential mirror neuron system (MNS) activation during action observation with and without social-emotional components in autism: a meta-analysis of neuroimaging studies, Molecular Autism, Springer Nature.
Hamilton, A. F. de C., 2013, Reflecting on the mirror neuron system in autism: A systematic review of current theories, Developmental Cognitive Neuroscience, ScienceDirect.
Ramachandran, V. S. & Oberman, L. M., 2006, Broken mirrors: A theory of autism, Scientific American, 17, 20 bis 29.
Shalev, I., Warrier, V., Greenberg, D. M., Smith, P., Allison, C., Baron-Cohen, S., Eran, A. & Uzefovsky, F., 2022, Reexamining empathy in autism: Empathic disequilibrium as a novel predictor of autism diagnosis and autistic traits, Autism Research.
Mensen, J. M. et al., 2024, Impairment of affective and cognitive empathy in high functioning autism is mediated by alterations in emotional reactivity, PMC.
Lies dazu auch:
- Über die einzigartige Landkarte deines neurodivergenzten Denkens
- Empathie: Die besondere Stärke der Hochsensiblen
- Dein 1-Minuten-Coaching: Mache dein Unterbewusstsein zum Freund
- Das HOCHiX Coaching-Business für neurodivergente Coaches – sichtbar, stimmig, selbständig
- Die HOCHiX Coaching Ausbildung: Ein Weg zur Innenbildung und Selbstverwirklichung
- Unter uns: Einladung an Männer. An Männer ohne Probleme
- Bei mir gibt es nur pusteblumenfreies Coaching für Hochsensible
- Warum Mastermind-Gruppen für neurodivergente Coaches ein Gamechanger sind
- Geld verbrannt? Warum High Performance-Business-Programme dir oft nix nützen








