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Anne Heintze
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Monotropismus bei Autismus und AuDHS: Warum ein Interesse mehr ist als Ablenkung
Warum sich deine Aufmerksamkeit auf wenige Interessen konzentriert, was die Forschung dazu sagt und was das für dein Leben mit Autismus, AuDHS und anderen Formen der Neurodivergenz bedeutet.
Du kennst das vielleicht: Ein Thema zieht dich an wie ein Magnet und die Welt drumherum wird leise. Stunden vergehen, ohne dass du es merkst. Andere nennen das Ablenkung, Verbissenheit oder Weltfremdheit. Die Forschung nennt es Monotropismus. In diesem Artikel erfährst du, was hinter dem Begriff steckt, was er mit Autismus und AuDHS zu tun hat und warum dein Aufmerksamkeitsstil eine Stärke ist, die einen Namen verdient.
Ein Mensch mit Autismus arbeitet sich stundenlang in ein einziges Thema ein und vergisst dabei die Welt. Ein Mensch mit AuDHS springt zwischen wenigen Interessen hin und her, aber mit derselben Intensität. Von außen wirkt beides erklärungsbedürftig, manchmal sogar befremdlich.
Dazu kommen die Kommentare aus dem Umfeld: Kannst du nicht mal loslassen? Musst du schon wieder davon anfangen? Hinter solchen Sätzen steckt die stille Annahme, mit deiner Aufmerksamkeit stimme etwas nicht.
Die Forschung erzählt eine andere Geschichte. Dieses Muster hat einen Namen: Monotropismus. Und es beschreibt keinen Mangel, sondern eine eigene, in sich schlüssige Art, Aufmerksamkeit zu verteilen.
Dein Interesse ist keine Ablenkung vom Leben. Es ist die Art, wie dein Denken Bedeutung erzeugt. Was genau dahinter steckt, was die Wissenschaft dazu sagt und warum dieses Wissen deinen Alltag verändern kann, darum geht es jetzt.
Was bedeutet Monotropismus?
Monotropismus beschreibt eine Aufmerksamkeitsform, bei der sich die verfügbare Aufmerksamkeit auf wenige Interessen konzentriert, statt sich auf viele gleichzeitig zu verteilen. Das Gegenstück nennt die Forschung Polytropismus: Aufmerksamkeit, die parallel auf mehrere Kanäle verteilt wird, wie es bei den meisten neurotypischen Menschen der Fall ist.
Geprägt wurde der Begriff 1992 von der britischen Forscherin Dinah Murray. Im Jahr 2005 veröffentlichte sie gemeinsam mit Mike Lesser und Wenn Lawson den Aufsatz Attention, monotropism and the diagnostic criteria for autism in der Fachzeitschrift Autism. Alle drei sind selbst neurodivergent, Wenn Lawson lebt selbst mit einer Autismus-Diagnose. Ihre zentrale These: Die in den Diagnosekriterien beschriebenen eingeschränkten Interessen sind in Wahrheit Ausdruck eines bestimmten Aufmerksamkeitsstils (Murray, Lesser & Lawson, 2005).
Wer monotrop denkt, verfügt über dieselbe Menge Aufmerksamkeit wie jeder andere Mensch auch. Sie sammelt sich nur an wenigen Stellen und wirkt dort mit voller Kraft. Das ist der entscheidende Punkt: Monotropismus beschreibt, wie Aufmerksamkeit verteilt wird, nicht wie viel davon vorhanden ist.
Wie zeigt sich Monotropismus bei Autismus?
Autistische Aufmerksamkeit funktioniert nach diesem Modell wie ein schmaler, aber sehr kraftvoller Strahl. Ein Interesse zieht die verfügbare Aufmerksamkeit fast vollständig an sich. Genau das erklärt mehrere Merkmale, die in Diagnosekriterien oft negativ formuliert werden: die Intensität von Spezialinteressen, die anspruchsvolle gleichzeitige Verarbeitung mehrerer Sinneskanäle und den hohen Aufwand, den ein Themenwechsel bedeutet.
Auch die autistische Trägheit, im Englischen autistic inertia genannt, gehört in dieses Bild. Sie beschreibt, wie schwer ein Zustand zu starten, zu stoppen oder zu wechseln ist, sobald die Aufmerksamkeit an einem Punkt eingerastet ist. Jeder Wechsel bedeutet, ein aufgebautes Aufmerksamkeitsfeld abzubauen und ein neues zu errichten. Das kostet Ressourcen, unabhängig vom Willen der Person.
Wenn du also länger brauchst, um von einer Aufgabe zur nächsten zu kommen, ist das keine Sturheit. Dein Gehirn baut gerade ein ganzes Feld ab und ein neues auf.
Wie zeigt sich Monotropismus bei AuDHS?
Bei AuDHS treffen zwei Systeme aufeinander, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirken. ADHS wird meist mit Ablenkbarkeit und Reizsuche verbunden, Autismus mit anhaltendem Fokus. Wie passt das zusammen?
Eine große transdiagnostische Studie von Dwyer, Williams, Lawson und Rivera (2024) mit 492 erwachsenen Teilnehmenden hat genau dieses Zusammenspiel untersucht. Das Ergebnis: Sowohl bei Autismus als auch bei ADHS sind Hyperfokus und Unaufmerksamkeit erhöht und beide Muster hängen positiv zusammen. Die Studie deutet darauf hin, dass eine untypische Regulation von Aufmerksamkeit, mal als Hyperfokus, mal als Ablenkbarkeit sichtbar, ein Merkmal ist, das über Diagnosegrenzen hinweg auftritt.
Auswertungen der Daten des Monotropism Questionnaire durch Autistic Realms kommen zu einem ähnlichen Schluss: Menschen mit ADHS und mit AuDHS erreichen im Schnitt höhere Monotropismus-Werte als Vergleichsgruppen ohne Autismus oder ADHS. Die verbreitete Vorstellung, ADHS bedeute automatisch verteilte, polytrope Aufmerksamkeit, widerspricht diesen Daten.
Der neurodivergente Forscher Fergus Murray, Sohn von Dinah Murray, hat 2023 einen weiterführenden Gedanken vorgeschlagen: ADHS-Merkmale wie Impulsivität und Rastlosigkeit und autistische Merkmale wie Unflexibilität und Trägheit könnten auf demselben monotropen Aufmerksamkeitsstil beruhen, nur mit unterschiedlicher Ausprägung.
Bei AuDHS entsteht daraus ein Muster, das viele Betroffene als ständiges Ringen beschreiben: Der Zug, vollständig in ein Thema einzutauchen, trifft auf eine Rastlosigkeit, die den Fokuspunkt immer wieder verschiebt. Hyperfokus, der seinem eigenen Rhythmus folgt statt deinem Kommando, ist eine häufige Folge. Vielleicht kennst du das: Du willst dich konzentrieren und kannst nicht. Dann willst du aufhören und auch das gelingt nicht.
Was zeigt die aktuelle Forschung zu Monotropismus?
Monotropismus hat sich von einer Einzeltheorie zu einem aktiven Forschungsfeld entwickelt.
Garau und Kolleginnen (2023) haben mit dem Monotropism Questionnaire das erste validierte Selbstauskunftsinstrument zur Messung von Monotropismus veröffentlicht, geeignet für autistische wie für nicht autistische Personen. Der Fragebogen identifiziert acht zentrale Themenfelder monotropen Erlebens, darunter Spezialinteressen, Grübelneigung und die emotionale Reaktion auf Unterbrechungen.
Heasman, Williams, Charura, Hamilton, Milton und Murray (2024) bauen mit ihrer Autistic Flow Theory auf dem Monotropismus-Konzept auf. Sie untersuchen, wie autistische Menschen in intensive Flow-Zustände geraten, ähnlich dem bekannten psychologischen Flow-Konzept, aber mit eigener autistischer Prägung.
Gemeinsam ist diesen Arbeiten ein Perspektivwechsel: weg von der Frage, was autistischer und AuDHS-Aufmerksamkeit fehlt, hin zu der Frage, wie sie tatsächlich funktioniert.
Woran erkennst du monotropes Denken im Alltag?
Monotropes Denken zeigt sich selten als Laborbefund, sondern in ganz alltäglichen Momenten. Du beginnst, kurz etwas nachzuschlagen und tauchst drei Stunden später wieder auf, voller neuer Erkenntnisse und mit dem Gefühl, dass Essen, Trinken und die Uhrzeit in dieser Zeit schlicht nicht existiert haben.
Unterbrechungen fühlen sich für dich fast körperlich an. Stellt dir jemand mitten in deiner Konzentration eine schnelle Frage, brauchst du danach lange, um wieder hineinzufinden. Übergänge sind teuer: Der Wechsel von einer Aufgabe zur nächsten kostet dich oft mehr Kraft als die Aufgaben selbst. Dafür entwickelst du auf deinen Themenfeldern ein Wissen und eine Sorgfalt, die andere immer wieder erstaunt.
All das sind keine Marotten. Es sind die typischen Spuren eines monotropen Aufmerksamkeitsstils.
Fragen zum WeiterdenkenNimm dir einen ruhigen Moment und schau auf dein eigenes Aufmerksamkeitsmuster: ● In welchen Momenten vergisst du Zeit und Raum, weil ein Thema dich vollständig hat? ● Was brauchst du, damit dir der Übergang von einem Thema zum nächsten leichter fällt? ● Wie reagierst du innerlich, wenn dich jemand mitten aus deinem Fokus reißt? ● Welche deiner größten Fähigkeiten sind aus einem intensiven Interesse entstanden? |
Warum ist dieses Wissen für Coaching und Alltag wichtig?
Wer Monotropismus nicht kennt, liest die Signale falsch. Ein Rückzug aus einem Gespräch wird als Desinteresse gedeutet, ein abruptes Themenende als Verweigerung. Ein Mensch, der zwischen zwei Interessen wechselt, gilt schnell als unzuverlässig. In Wirklichkeit zeigt jede dieser Situationen ein Aufmerksamkeitssystem, das anders verteilt und dieselbe Leistung bringt.
Für Coaching bedeutet das eine klare Konsequenz: Übergänge brauchen Vorbereitung statt Überraschung. Ein Coach, der das Muster kennt, kündigt Themenwechsel rechtzeitig an und liest Rückzug als das, was er ist: Aufbauarbeit. Genau dieses Verständnis für neurodivergente Nervensysteme geben wir in der HOCHiX-Akademie an angehende Coaches weiter.
Wie hängt Monotropismus mit Hochbegabung, Vielbegabung und Hochsensibilität zusammen?
Neurodivergenz ist der Überbegriff für alle Nervensysteme, die anders arbeiten als die statistische Norm: Autismus, ADHS, AuDHS, Hochsensibilität, Hochbegabung und Vielbegabung gehören dazu. Monotropismus ist eng verwandt mit diesen Formen, denn auch hier zeigt sich Aufmerksamkeit oft in besonderer Intensität, wenn auch mit eigener Ausprägung je nach Profil.
Ein hochbegabter Mensch mit Autismus verbindet sein eines Thema häufig mit einem großen Netz an Wissen. Ein hochsensibler Mensch mit AuDHS erlebt Unterbrechungen oft zusätzlich als starken emotionalen Reiz.
Die Profile überlagern sich und genau diese Überlagerung braucht eine Begleitung, die mehr als ein einzelnes Etikett kennt. Niemand ist nur einfarbig. Dein Aufmerksamkeitsstil ist Teil eines größeren neurodivergenten Profils und er verdient Resonanz statt Reparatur.
Vielleicht hast du dein Leben lang gehört, du seist zu fixiert, zu versunken, zu schwer zu erreichen. Jetzt kennst du die andere Lesart: Deine Aufmerksamkeit ist ein kraftvoller Strahl und sie hat dir vermutlich schon Wissen, Können und Momente echter Erfüllung geschenkt, die mit verteilter Aufmerksamkeit kaum möglich wären.
Du musst deinen Fokus also nicht zähmen. Du darfst lernen, mit ihm zu arbeiten: Übergänge vorbereiten, Unterbrechungen reduzieren, deinem Interesse Raum geben. Das ist keine Reparatur deines Andersseins, sondern die passgenaue Nutzung einer Stärke.
Das Wichtigste zum MitnehmenMonotropismus bedeutet: Deine Aufmerksamkeit ist nicht weniger, sie ist anders verteilt. Sie sammelt sich an wenigen Stellen und wirkt dort mit voller Kraft. Dein intensives Interesse ist keine Ablenkung und kein Symptom, sondern die Art, wie dein Denken Bedeutung erzeugt. Je besser du dieses Muster verstehst, desto leichter gestaltest du dein Leben so, dass es zu deinem Nervensystem passt. |
Wenn du dein eigenes Aufmerksamkeitsmuster besser verstehen und für dich nutzen möchtest, bist du in den HOCHiX Neuro-Coaching-Workshops richtig. Dort bekommst du Impulse, die mit deinem Nervensystem arbeiten statt gegen es. Alle Themen und Termine findest du unter https://hochix.com/neuro-coaching/.
Und falls du selbst neurodivergente Menschen begleiten möchtest, mit einem Handwerkszeug, das Muster wie Monotropismus wirklich versteht, lohnt sich ein Blick auf die HOCHiX Coaching-Ausbildung unter https://hochix.com/coach-ausbildung/.
Ich hoffe, ich habe das Geschenk deiner Zeit verdient.
Herzlichst
Anne
Quellen
Dwyer, Patrick, Williams, Zachary J., Lawson, Wenn B. & Rivera, Susan M., 2024, A trans-diagnostic investigation of attention, hyper-focus, and monotropism in autism, attention dysregulation hyperactivity development, and the general population, Autism.
Garau, Valeria, Murray, Aja L., Woods, Richard, Chown, Nick, Hallett, Sonny, Murray, Fergus, Wood, Rebecca & Fletcher-Watson, Sue, 2023, Development and validation of a novel self-report measure of monotropism in autistic and non-autistic people: The Monotropism Questionnaire.
Heasman, Brett, Williams, Gemma, Charura, Divine, Hamilton, Lorna G., Milton, Damian & Murray, Fergus, 2024, Towards autistic flow theory: A non-pathologising conceptual approach, Journal for the Theory of Social Behaviour.
Murray, Dinah, Lesser, Mike & Lawson, Wenn, 2005, Attention, monotropism and the diagnostic criteria for autism, Autism, 9(2), 139 bis 156.
Murray, Fergus, 2023, Weiterentwicklung des Monotropismus-Konzepts zur Erklärung der Überschneidung von Autismus und ADHS, vorgestellt unter anderem auf der Scottish Autism Research Conference.
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