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Autoren
Anne Heintze
Harald Heintze
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Der einzige Ort, an dem Neurodivergenz nicht erklärt werden muss – hier wird sie gefeiert, verstanden und zur Quelle deiner größten Stärke gemacht. Für alle Menschen, die anders besonders sind.
Perfektionismus – die Klette der Hochbegabten und Hochsensiblen
Warum dein Streben nach Vollkommenheit dich blockiert und wie du es zu deinem Verbündeten machst.
Hochbegabte und hochsensible Menschen erkennen Fehler bei anderen mit Gelassenheit. Sich selbst gegenüber sind sie unerbittlich. Sie verschieben Vorhaben, weil sie sie nicht perfekt umsetzen können. Sie geben auf, sobald etwas nicht sofort gelingt. Aus ihrem Talent wird eine Last.
Dieser Artikel zeigt dir, woher der Perfektionismus kommt, warum er bei neurodivergenten Menschen besonders hartnäckig ist und wie du das Streben nach Vollkommenheit für dich nutzen kannst, ohne dich daran zu erschöpfen.
Von der Idee auf den Weg der Umsetzung bis zur Fertigstellung?
Du planst etwas Wunderschönes. Im Kopf siehst du das fertige Bild bis ins letzte Detail. Du weißt genau, wie es klingen soll, wie es wirken soll und welche Resonanz es auslösen wird. Dann setzt du dich hin und beginnst. Nach wenigen Minuten merkst du, dass das, was du erschaffst, der inneren Vorstellung nicht standhält. Die Wörter wirken zu plump. Die Linie ist zu krumm. Die Lösung erscheint zu offensichtlich. Also brichst du ab.
Dieses Muster kennst du vielleicht. Vielleicht hast du Schubladen voller halbfertiger Projekte. Vielleicht hast du Ideen, die seit Jahren auf einen perfekten Moment warten, der nie kommt. Vielleicht beneidest du Menschen, die einfach loslegen und sich nicht daran stören, wenn etwas nicht gleich rund läuft. Du fragst dich, warum dir das so schwerfällt. Du fragst dich, ob mit dir etwas nicht stimmt.
Bei hochbegabten und hochsensiblen Menschen ist dieses Muster kein gelegentlicher Begleiter. Es ist eine Klette. Sie haftet an fast jedem Vorhaben und macht aus dem, was eine Stärke sein könnte, eine Quelle dauerhafter Erschöpfung. Während andere mit ihren Talenten arbeiten, kämpfst du gegen deinen eigenen Anspruch und während andere zufrieden mit dem sind, was sie geschaffen haben, siehst du nur, was noch fehlt.
Ich begleite seit über zwanzig Jahren Menschen mit hoher Wahrnehmung und großer geistiger Beweglichkeit. Was sie verbindet, ist nicht ihr IQ und auch nicht ihre Sensibilität. Es ist dieser stille Anspruch an sich selbst, der so hoch hängt, dass Scheitern fast vorprogrammiert ist. Es ist die Erleichterung, wenn sie verstehen, dass dieses Phänomen einen Namen hat und einen Ausweg.
Bist du hochsensibel oder einfach ein Faulenzer?
Schon die Frage tut weh, weil sie genau das aufgreift, was du dir selbst regelmäßig vorwirfst. Hochbegabte und hochsensible Menschen tragen einen inneren Anwalt der Gegenseite mit sich herum, der ihnen ständig vorhält, sie könnten doch mehr, müssten doch mehr und dürften nicht aufgeben.
Während die Außenwelt deine Pausen für faul halten mag, weißt du selbst genau, dass du erschöpft bist. Du nimmst mehr wahr als andere. Du verarbeitest mehr Eindrücke pro Stunde und du reflektierst, während andere längst handeln. Genau diese Eigenschaften, die in der HOCHiX-Akademie als wertvolle Stärken betrachtet werden, werden in einer auf Schnelligkeit getrimmten Welt zu Stolpersteinen. Du wirst gemessen an einem Maßstab, der nicht für dich gemacht ist und du selbst übernimmst diesen Maßstab oft genug, ohne ihn zu hinterfragen.
Der gefährlichste Satz, den du dir selbst sagen kannst, lautet: „Ich müsste nur ein bisschen disziplinierter sein.“ Er übersieht, dass dein Gehirn anders verdrahtet ist. Was nach Faulheit aussieht, ist häufig Selbstschutz. Was nach Trödeln aussieht, ist häufig gründliches Abwägen und was nach Aufschieben aussieht, ist die Angst, dem eigenen Anspruch nicht zu genügen.
Wenn aus Begabung eine Last wird
Perfektionismus ist nichts, was nur Hochbegabte oder Hochsensible erleben. Bei ihnen wirkt er aber besonders zerstörerisch. Sie sehen, was möglich wäre. Sie spüren, was fehlt, sie hören die schiefe Note, die andere nicht bemerken. Aus dieser feinen Wahrnehmung wird ein innerer Maßstab, der kaum erreichbar ist.
Gelingt etwas, schreibst du es dem Zufall zu. Misslingt etwas, ist es dein eigenes Versagen. Diese Asymmetrie zermürbt. Sie nimmt dir den Mut, dich an Neues zu wagen und sie macht jede Übung zur Prüfung. Üben, Wiederholen und Fehlerakzeptanz werden zum Gräuel, weil jede Unvollkommenheit als persönliche Schwäche gedeutet wird.
Gleichzeitig erlebst du, dass dir vieles zufliegt. Du verstehst Zusammenhänge sofort. Du lernst neue Themen schnell. Genau das macht es so schwer, irgendwo dranzubleiben, wo es ein zähes Stück Arbeit braucht. Wenn etwas nicht beim ersten Anlauf gelingt, fühlst du dich entlarvt. Also gibst du auf, bevor jemand merken könnte, dass du eben doch nicht alles auf Anhieb kannst. Diese stille Resignation ist einer der häufigsten Gründe, warum hochbegabte Erwachsene weit unter ihren Möglichkeiten leben.
Erkennst du dich wieder?Lies die folgenden Fragen langsam und horche, welche dich besonders berührt. Verschiebst du Projekte so lange, bis sie sich von selbst erledigt haben? Bewertest du deine Erfolge als Glück und deine Misserfolge als Charakterfehler? Beginnst du Dinge mit Feuer und verlierst das Interesse, sobald sie nicht sofort gelingen? Brauchst du für banale Aufgaben länger als andere, weil du sie gedanklich hundertfach umkreist? Spürst du eine Stimme, die dir sagt, dass das, was du tust, nicht gut genug ist? Vermeidest du es, neue Fähigkeiten zu erlernen, weil du nicht ertragen kannst, dabei Anfänger zu sein? Wenn du auf mehrere Fragen mit Ja antwortest, bist du in guter Gesellschaft. Die meisten Hochbegabten und Hochsensiblen kennen dieses Muster aus dem Effeff. |
Die Alles-oder-nichts-Falle
Perfektionismus arbeitet selten mit Zwischentönen. Er kennt nur zwei Zustände: gelungen oder gescheitert. Eine Note unter Eins ist eine Niederlage. Ein Projekt, das zu 90 Prozent fertig ist, fühlt sich wie ein Fehlschlag an. Eine Beziehung, in der ein Detail nicht stimmt, scheint zerbrochen.
Dieses binäre Denken ist erschöpfend und es ist sachlich falsch. Das Leben spielt sich in Grauwerten ab. Die meisten guten Werke sind nicht makellos, sondern stimmig. Sie haben Brüche, Eigenwilligkeiten und unfertige Stellen und gerade das macht sie lebendig. Wenn du dir erlaubst, in diesen Grauwerten zu arbeiten, gewinnst du nicht nur Zeit. Du gewinnst auch wieder Freude an dem, was du tust.
Der innere Zensor und woher er kommt
Wenn du genau hinhörst, wirst du eine Stimme finden, die alles, was du tust, kommentiert. Sie macht selten Pausen. Sie kennt jede deiner Schwächen und sie nennt sie beim Namen, bevor jemand anderes es tun könnte. Diese Stimme ist nicht zufällig entstanden. Sie hat sich gebildet, weil du früh gelernt hast, dass dein Anderssein nicht erwünscht war.
Vielleicht warst du das Kind, das in der Schule schnell bemerkt hat, dass es zügiger versteht als andere und dass dieses Schnellerverstehen Konsequenzen hatte. Lehrer wurden ungehalten. Mitschüler distanzierten sich. Eltern waren überfordert. Du hast früh gelernt, dich anzupassen. Du hast deine Wahrnehmung herabgespielt und du hast deine Klugheit versteckt. Vielleicht hast du sogar absichtlich Fehler gemacht, damit du nicht auffielst.
Du hast eine Strategie entwickelt, mit der dir niemand mehr vorwerfen konnte, dass du anders bist. Du musstest perfekt sein. Wer perfekt ist, gibt keine Angriffsfläche. Wer perfekt ist, wird nicht ausgeschlossen. Diese Schutzstrategie hat damals funktioniert. Heute kostet sie dich deine Energie.
Vom Perfektionismus zum Streben nach Vollkommenheit
Das Wort Perfektion stammt vom lateinischen „perficere“, was so viel heißt wie „vollenden“ oder „zu Ende bringen“. Es enthält den Gedanken eines Endpunkts. Etwas ist fertig. Etwas ist abgeschlossen. Genau dieser Endpunkt ist das Problem. Denn ein Mensch wird nie fertig. Ein Werk wird nie endgültig. Eine Beziehung wird nie perfekt.
Wenn du Perfektion als Endpunkt verstehst, wirst du immer scheitern. Wenn du Perfektion als Richtung verstehst, bekommt sie eine andere Qualität. Du arbeitest dann an etwas, das du nie ganz erreichen wirst und das ist nicht Frustration sondern Freiheit. Du darfst gut sein, ohne perfekt sein zu müssen. Du darfst lernen, ohne von Anfang an meisterlich zu sein.
Wer sich das perfekte Bild vorstellen kann, ist deshalb noch nicht in der Lage, es zu zeichnen. Wer alle Regeln der Grammatik beherrscht, ist deshalb noch kein Schriftsteller. Die Lücke zwischen Vorstellung und Können ist kein Mangel deiner Person, sondern ein natürlicher Abstand, den jede Entwicklung kennt. Diese Lücke wird kleiner, sobald du sie als Lernraum betrachtest und nicht als Vorwurf.
Was du brauchst, um aus dem Käfig zu treten
Damit du dein Streben nach Vollkommenheit fruchtbar machen kannst, brauchst du Räume, die deinem inneren Rhythmus entsprechen. Nicht jedes Umfeld ist dafür geeignet. Manche Berufe, manche Beziehungen und manche Aufgaben verlangen ein Tempo, das dir nicht liegt. Du darfst dir erlauben, das zu erkennen und Konsequenzen zu ziehen.
Förderlich ist, was deine Eigenarten respektiert. Ein Platz, an dem du in deinem Tempo arbeiten kannst. Menschen, die deine Wahrnehmung schätzen, anstatt sie zu pathologisieren. Strukturen, die dich vorwärts bringen und dir gleichzeitig Luft lassen. Manchmal heißt das, dass du Berufe oder Rollen verlässt, die nicht zu dir passen. Manchmal heißt es, dass du dir Verbündete suchst, die deine Andersartigkeit als Geschenk verstehen und nicht als Hindernis.
Genauso wichtig ist der Platz in deinem Inneren. Dort wohnt der nörgelnde Zensor und dort kannst du ihn ablösen. Nicht durch Verdrängen, sondern durch eine Stimme, die ihn ergänzt. Eine wohlwollende, kluge, etwas amüsierte Stimme, die dir sagt: „Das ist ein Anfang. Mach weiter.“ In der HOCHiX-Akademie nennen wir diese Haltung Verstehen statt Optimieren. Du musst dich nicht reparieren. Du darfst dich verstehen.
Drei Schritte aus der KletteErstens: Benenne den Zensor. Wenn du seine Stimme als das erkennst, was sie ist, hat er weniger Macht über dich. Zweitens: Erlaube dir Zwischenversionen. Eine Skizze ist kein Versagen. Sie ist ein Schritt. Drittens: Gönne dir Begleitung. Coaches, die in der HOCHiX-Akademie ausgebildet wurden, kennen dieses Muster und gehen es nicht mit Druck an, sondern mit Verstehen. |
Du bist perfekt, so wie du bist. Mit allen Ecken und Kanten
Das Streben nach Vervollkommnung darf bleiben. Es ist Teil deines Wesens. Es ist das, was dich morgens neugierig aufstehen lässt und es ist das, was deine Arbeit besonders macht. Was du loslassen darfst, ist das verkrampfte Festhalten am makellosen Ergebnis. Was du loslassen darfst, ist die Vorstellung, dass jeder Anfang sofort gelingen muss.
Lerne teilen, lerne delegieren. lerne, dich bewusst zu beschränken. Niemand ist so einsam wie ein Mensch, der alles allein können will und niemand ist so frei wie ein Mensch, der sich erlaubt hat, unvollkommen zu sein. Diese Freiheit zeigt sich nicht in großen Gesten. Sie zeigt sich in kleinen, alltäglichen Entscheidungen, etwas stehen zu lassen, etwas abzugeben oder etwas früher als geplant aus den Händen zu geben.
Je weniger du nach Perfektion greifst, desto leichter wird deine Hand. Desto wahrer wird, was du tust. Und desto eher findest du Menschen, die genau diese Wahrheit suchen.
Perfektionismus ist die Klette. Das Streben nach Vollkommenheit ist dein Verbündeter. Beide klingen ähnlich. Beide stammen aus derselben Quelle. Der Unterschied ist die Richtung.
Wenn du dein Streben als Bewegung verstehst und nicht als Prüfung, wird aus dem, was dich klein gemacht hat, das, was dich wachsen lässt. Du bist nicht zu viel. Du bist gerade richtig.
Ich hoffe, ich habe das Geschenk deiner Zeit verdient.
Herzlichst
Anne
Quellen
Heintze, Anne: Überangepasstheit bei Hochbegabten. Der schmerzhafte Preis des Versteckspiels. HOCHiX Akademie, hochix.com
Heintze, Anne: Selbstakzeptanz bei Neurodivergenz. Der Weg vom ungelösten zum gelösten HOCHiX-Menschen. HOCHiX Akademie, hochix.com
Brown, Brené (2010): The Gifts of Imperfection. Hazelden Publishing.
Webb, James T.; Gore, Janet L.; Amend, Edward R.; DeVries, Arlene R. (2007): A Parent’s Guide to Gifted Children. Great Potential Press.
Aron, Elaine N. (2005): Sind Sie hochsensibel? Wie Sie Ihre Empfindsamkeit erkennen, verstehen und nutzen. mvg Verlag.







