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Essentials: Neurodivergenz
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Autoren
Anne Heintze
Harald Heintze
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Der einzige Ort, an dem Neurodivergenz nicht erklärt werden muss – hier wird sie gefeiert, verstanden und zur Quelle deiner größten Stärke gemacht. Für alle Menschen, die anders besonders sind.
Tröstliche Halbwahrheiten: Warum neurodivergente Menschen glauben, was ihnen schmeichelt
In einem Workshop wurde ich gefragt, ob die Spiegelneuronen bei neurodivergenten Menschen aktiver sind als bei anderen. Die Antwort ist unbequem und sie führt zu einer Frage, die noch unbequemer ist. Warum übernehmen wir Menschen mit Hochsensibilität, Hochsensitivität, Hochbegabung, Vielbegabung, Autismus und ADHS so bereitwillig Erklärungen, die uns schmeicheln? Dieser Text handelt von Neurodivergenz, von tröstlichen Mythen und von der Kraft des ehrlichen Hinsehens.
Es gibt Sätze, die sich gut anfühlen und genau deshalb selten überprüft werden. Über neurodivergente Menschen kursieren viele davon. Sie verwandeln eine Last in eine Auszeichnung und kaum jemand fragt nach, ob sie überhaupt stimmen.
Dabei wäre gerade das Nachfragen unsere Stärke. Eine Frage aus einem Workshop hat mir gezeigt, wie viel über uns selbst darin steckt, welchen Erklärungen wir glauben und welchen nicht.
Eine Frage aus dem Workshop
Vor Kurzem leitete ich einen Workshop und aus der Runde kam eine Frage, die mich seither beschäftigt. Sind die Spiegelneuronen bei neurodivergenten Menschen aktiver als bei neurotypischen? Die Frage war ehrlich gemeint und sie war gut, denn sie führt zu etwas, das größer ist als ihre eigene Antwort. Ich möchte hier näher darauf eingehen, weil sich an ihr ein Muster zeigt, das viel über uns neurodivergente Menschen verrät.
Die kurze Antwort zuerst. Es ist nicht belegt. Es gibt keine verlässliche Untersuchung, die zeigt, dass Spiegelneuronen bei neurodivergenten Menschen stärker feuern. Lange vermutete die Forschung sogar das Gegenteil, die sogenannte Broken-Mirror-Hypothese nahm an, dass diese Zellen bei Autismus schwächer arbeiten. Auch das ließ sich nicht halten. Heute geht man davon aus, dass nicht die Stärke das Entscheidende ist, sondern die Art, wie das System gesteuert und durch soziale Bedeutung aktiviert wird.
Warum dieser Glaube so verbreitet ist
Spannend ist, dass viele neurodivergente Menschen fest an die aktiveren Spiegelneuronen glauben. Dieser Glaube hat einen nachvollziehbaren Ursprung. Das intensive Mitschwingen, das wir erleben, ist real. Wir spüren mehr, wir werden in sozialen Situationen schneller überwältigt, wir tragen Stimmungen länger mit uns. Der Denkfehler liegt nicht in der Erfahrung, sondern im schnellen Schluss von der Erfahrung auf die Ursache. Weil sich das Mitschwingen so stark anfühlt, scheint es naheliegend, dann müssen eben die Spiegelneuronen stärker sein.
Dazu kommt, dass die Spiegelneuronen vor zwanzig Jahren populärwissenschaftlich enorm aufgeladen wurden. Sie galten als Erklärung für Empathie, Sprache, ganze Kultur. Aus dieser Zeit stammt die Gleichung Spiegelneuronen gleich Einfühlung und wer viel fühlt, hat eben mehr davon. Diese Vereinfachung steckt bis heute in vielen Texten.
Der eigentliche Grund aber reicht weiter. Die Erklärung tröstet. Sie verwandelt eine Last in eine Gabe. Aus deiner Empfindlichkeit wird so eine besondere Ausstattung. Das ist emotional attraktiv, besonders für Menschen, die jahrelang gehört haben, mit ihnen stimme etwas nicht. Eine Erklärung, die das Leiden in eine Auszeichnung verwandelt, wird gern geglaubt und gern weitergegeben.
Das Muster ist größer als die Spiegelneuronen
Sobald ich das einmal gesehen hatte, erkannte ich dasselbe Muster an anderen Stellen.
Da ist die Annahme, Neurodivergenz bedeute hohe Intelligenz. Richtig ist, dass Hochbegabung und Autismus überzufällig oft zusammen auftreten, dafür gibt es gute Belege und der Fachbegriff Twice Exceptional beschreibt genau diese Doppelung. Falsch wird es bei der Pauschalisierung, neurodivergent zu sein heiße automatisch klug zu sein. Die Intelligenz neurodivergenter Menschen verteilt sich über die ganze Breite, genau wie bei allen anderen auch. Aus einer realen Überschneidung wird eine schmeichelnde Regel gemacht, die so wenig trägt.
Da ist die Erzählung von der Hochsensibilität als reiner Stärke. Sie nimmt den wahren Kern, dass feine Wahrnehmung eine Stärke sein kann und verschweigt die andere Hälfte, die Erschöpfung, die Reizüberflutung, die Überforderung. Eine Eigenschaft nur als Gabe zu feiern, unterschlägt ihren Preis und lässt die Menschen allein, sobald der Preis fällig wird.
Und da ist die Logik, jede Schwierigkeit sei der Beweis besonderer Sensibilität. Wenn ich erschöpft bin, liegt es daran, dass ich intensiver fühle. Wenn ich anecke, liegt es daran, dass ich Systeme durchschaue. Manchmal stimmt das. Manchmal ist Erschöpfung einfach Erschöpfung und ein Konflikt einfach ein Konflikt. Die Erzählung, die alles zur Auszeichnung umdeutet, raubt uns die Fähigkeit, ehrlich hinzuschauen.
Warum gerade wir genauer hinsehen sollten
Nun ließe sich fragen, was ein tröstlicher Glaube schadet. Die Antwort liegt in unserem eigenen Anspruch. Neurodivergente Menschen verbessern die Welt, indem sie Systeme hinterfragen, indem sie genauer hinsehen, indem sie prüfen statt nachzuplappern. Genau das ist unsere Stärke. Wenn wir bei den Erzählungen über uns selbst diese Schärfe ablegen und glauben, was schmeichelt, lassen wir genau die Fähigkeit liegen, die uns auszeichnet.
Dazu kommt ein praktischer Grund. Wer eine wacklige Erklärung in die Welt trägt, macht sich angreifbar. Sagst du, unsere Spiegelneuronen sind aktiver und jemand kennt die Forschung, dann wackelt deine Glaubwürdigkeit an dieser Stelle und der Zweifel färbt auf alles andere ab, auch auf das, was stimmt. Wir nehmen unserer eigenen Sache die Kraft, sobald wir sie auf schöne Halbwahrheiten bauen.
Die ehrliche Version trägt besser
Das Schöne ist, dass wir die tröstlichen Erklärungen entbehren können. Die Wahrheit trägt stabiler. Das intensive Mitschwingen ist echt, sein wahrscheinlicher Ursprung liegt in einer anders arbeitenden Reizverarbeitung. Unser Nervensystem registriert Körpersignale oft besonders intensiv und filtert Reize weniger stark als andere. Zugleich fällt die genaue Zuordnung dieser Signale uns eher schwerer, nicht leichter. Die Forschung zeigt dieses Doppelbild, autistische Menschen berichten von einer gesteigerten Wahrnehmung körperlicher Signale, während sie diese Signale objektiv weniger genau zuordnen. Genau diese Mischung, lautes Erleben bei unsicherer Deutung, erklärt das intensive Mitschwingen besser als die Spiegelneuronen-Geschichte, weil sie auch die Erschöpfung und die Überforderung mit umfasst.
Es geht also nicht darum, sich die Erfahrung wegnehmen zu lassen. Die Erfahrung bleibt wahr. Es geht darum, sie ernst genug zu nehmen, um nach der richtigen Erklärung zu suchen statt nach der angenehmsten. Das ist ein Gewinn an Würde, denn es behandelt uns als Menschen, die die Wahrheit aushalten.
Die Frage aus dem Workshop war wertvoll. Nicht weil ihre Antwort ja lautet, sondern weil sie uns einlädt, das zu tun, was wir am besten können. Hinsehen, prüfen und der Wirklichkeit mehr zutrauen als der schönen Geschichte. Deine Erfahrung bleibt wahr, auch ohne tröstlichen Mythos und sie wird sogar stärker, wenn du sie ehrlich erklärst.
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Danke, dass du mir deine Zeit geschenkt hast.
Herzlichst
Anne
Quellen
Yates und Hobson: Continuing to look in the mirror, Review zur Broken-Mirror-Hypothese.
British Psychological Society: No, autistic people do not have a broken mirror neuron system.
Garfinkel u. a. zur Interozeption bei Autismus, zusammengefasst bei Neurodivergent Insights.
Interoception in individuals with autism spectrum disorder, systematische Übersicht.
Cheek u. a. zur Twice Exceptionality, dargestellt bei Embrace Autism.
Lies dazu auch die weiteren Artikel der Echoemotik-Serie
- Teil 2: Echoemotik erkennen: Wie du deine eigene Resonanz von deinem eigenen Leben unterscheidest
- Teil 3: Echoemotik regulieren: Durchlässig bleiben, ohne dich selbst zu verlieren
- Teil 4: Echoemotik abgrenzen: Was sie nicht ist und warum das den Unterschied macht
- Teil 5: Synästhesie verstehen: Wenn Sinne sich verbinden und was das mit Echoemotik zu tun hat
- Teil 6: Dieser Artikel








