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Essentials: Neurodivergenz
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Anne Heintze
Harald Heintze
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Der einzige Ort, an dem Neurodivergenz nicht erklärt werden muss – hier wird sie gefeiert, verstanden und zur Quelle deiner größten Stärke gemacht. Für alle Menschen, die anders besonders sind.
Multiple Intelligenz: Die Theorie nach Howard Gardner
Du hast einen IQ-Test gemacht und das Ergebnis hat dich nicht wirklich widergespiegelt. Oder du weißt genau, dass du in bestimmten Bereichen außergewöhnlich begabt bist, während dir andere Dinge leichtfallen und wieder andere schlicht nicht dein Ding sind. Dann wirst du in diesem Artikel viel von dir wiederfinden. Howard Gardners Theorie der Multiplen Intelligenz hat seit den 1980er Jahren das Denken über Begabung verändert und neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen: Die Diskussion darüber ist aktueller denn je.
Was bedeutet es, intelligent zu sein? Ein hoher IQ? Gute Noten in der Schule? Die Fähigkeit, schnell zu rechnen oder Texte zu verstehen? Wenn du ehrlich bist, weißt du vermutlich selbst, dass diese Maßstäbe nur einen kleinen Ausschnitt der menschlichen Begabungen erfassen. Ein Tänzer, der seinen Körper mit perfekter Präzision einsetzt. Eine Ärztin, die intuitiv spürt, was ihr Patient wirklich braucht. Ein Komponist, der Melodien hört, bevor er sie niederschreibt. Sind das nicht auch außergewöhnliche Intelligenzen?
Der amerikanische Entwicklungspsychologe Howard Gardner (Amazon-Link) hat genau diese Frage in den Vordergrund gerückt. Mit seiner 1983 veröffentlichten Theorie der Multiplen Intelligenz hat er ein Modell vorgelegt, das Intelligenz weit über das hinausdenkt, was herkömmliche Tests messen. Seitdem ist die Debatte nicht verstummt, sie ist in den letzten Jahren sogar wieder intensiver geworden.
Gerade für Menschen, die sich selbst als neurodivergent erleben, für Hochsensible, Hochbegabte und Vielbegabte, ist Gardners Ansatz oft eine Erleichterung. Endlich ein Modell, das zeigt: Du bist mehr als dein IQ. Deine Stärken liegen vielleicht genau dort, wo kein standardisierter Test je hingeschaut hat.
Was ist Intelligenz nach Howard Gardner?
Gardner definierte Intelligenz als die „Fähigkeit, Probleme zu lösen oder Produkte zu schaffen, die im Rahmen einer oder mehrerer Kulturen gefragt sind.“ Diese Definition klingt zunächst einfach, doch sie hat eine weitreichende Konsequenz: Sie öffnet den Begriff der Intelligenz für all jene Fähigkeiten, die in der Gesellschaft, in der Kunst, in der Natur und in der menschlichen Gemeinschaft tatsächlich gebraucht werden.
Gardner lehnte herkömmliche IQ-Tests nicht deshalb ab, weil er sie für wertlos hielt. Er erkannte an, dass sie schulischen Erfolg gut vorhersagen können. Doch genau darin liegt das Problem: Schule, so wie sie meistens gestaltet ist, fördert vor allem sprachliche und logisch-mathematische Fähigkeiten und IQ-Tests messen genau das. Was bleibt, sind all jene Talente, die im klassischen Bildungssystem kaum gesehen werden.
Neun Intelligenzformen hat Gardner im Laufe seines Lebens beschrieben. Die ersten sieben stellte er 1983 vor, die naturalistische Intelligenz fügte er später hinzu und die existenzielle Intelligenz steht bis heute zur Diskussion. Was ihn dabei leitete: Jede Intelligenzform sollte eine biologische Grundlage haben, eine eigene Entwicklungsgeschichte zeigen und durch spezifische Fähigkeiten erkennbar sein.
Die neun Intelligenzen nach Gardner
Sprachlich-linguistische Intelligenz
Sie zeigt sich in der Sensibilität für Sprache, dem Gespür für Rhythmus und Bedeutung von Wörtern, der Fähigkeit, komplex zu formulieren und Sprache als präzises Werkzeug zu nutzen. Schriftstellerinnen, Rechtsanwälte, Rednerinnen und Dichter sind oft in dieser Intelligenzform besonders begabt.
Logisch-mathematische Intelligenz
Sie umfasst das Denken in Strukturen, das Erkennen von Mustern und Zusammenhängen, das Lösen von Problemen durch logische Analyse. Mathematikerinnen, Naturwissenschaftler und Logikerinnen nutzen sie täglich.
Bildlich-räumliche Intelligenz
Sie ist die Fähigkeit, sich Räume vorzustellen, Strukturen zu erfassen und dreidimensional zu denken. Architekten, Chirurginnen, Schachspieler, Ingenieurinnen und bildende Künstler denken in Bildern und Räumen.
Musikalisch-rhythmische Intelligenz
Wer Musik hört, bevor sie gespielt wird, wer Rhythmen im Körper spürt und Töne intuitiv versteht, zeigt diese Form der Intelligenz. Sie ist keineswegs auf ausgebildete Musikerinnen beschränkt: Viele neurodivergente Menschen beschreiben eine besonders intensive, fast körperliche Beziehung zur Musik.
Körperlich-kinästhetische Intelligenz
Der Körper als Werkzeug und Ausdrucksmittel. Diese Intelligenz zeigt sich im präzisen, ausdrucksstarken Einsatz des Körpers, bei Tänzerinnen, Sportlern, Schauspielerinnen, aber auch bei Handwerkerinnen, Mechanikern und Chirurgen.
Naturalistische Intelligenz
Gardner ergänzte diese Form später in seiner Theorie. Sie beschreibt die Fähigkeit, Muster in der Natur zu erkennen, Lebewesen präzise zu unterscheiden und natürliche Zusammenhänge intuitiv zu verstehen. Biologinnen, Landwirtinnen und Tierpfleger zeigen sie besonders ausgeprägt.
Interpersonale Intelligenz
Sie ist die Fähigkeit, andere Menschen zu verstehen: ihre Gefühle, Motive und Absichten wahrzunehmen, auch wenn diese nicht ausgesprochen werden. Empathie in ihrer reinsten Form. Hochsensible Menschen verfügen oft über eine ausgeprägte interpersonale Intelligenz. Gardner sieht sie bei Lehrerinnen, Therapeuten, politischen Führerinnen und beratenden Berufen besonders stark ausgeprägt.
Intrapersonale Intelligenz
Die Fähigkeit, die eigene innere Welt zu kennen und zu navigieren. Wer seine eigenen Gefühle, Muster und Antriebe wirklich versteht, hat Zugang zu dem, was Gardner eine „zentrale Intelligenzagentur“ nennt. Sie ist die Grundlage für tiefes Selbstverstehen und kluge Entscheidungen. Auch diese Form ist bei Hochsensiblen oft stark entwickelt.
Existenzielle Intelligenz
Gardner diskutiert sie als mögliche neunte Intelligenzform. Sie beschreibt die Fähigkeit, grundlegende Fragen der Existenz zu stellen und auszuhalten: Woher kommen wir? Was ist der Sinn des Lebens? Was kommt nach dem Tod? Philosophinnen, spirituelle Führer und Denkerinnen zeigen diese Form besonders ausgeprägt.
Interpersonale und intrapersonale Intelligenz bilden gemeinsam die Grundbausteine der Emotionalen Intelligenz, wie sie später von John Mayer, Peter Salovey und Daniel Goleman entwickelt wurde. Beide Formen gehören zu den Stärken vieler hochsensibler und neurodivergenter Menschen.
Neue Forschungserkenntnisse: Neuromythos oder wertvolles Modell?
In den letzten Jahren hat die wissenschaftliche Diskussion um Gardners Theorie wieder an Fahrt aufgenommen. Ein 2023 im renommierten Fachjournal Frontiers in Psychology veröffentlichter Artikel bezeichnet die Theorie der Multiplen Intelligenzen als „Neuromythos“, also als eine weit verbreitete Überzeugung über das Gehirn, für die es keine ausreichende wissenschaftliche Grundlage gibt.
Die Hauptkritik: Trotz jahrzehntelanger Forschung konnten bisher keine eigenständigen neurologischen Entsprechungen für die einzelnen Intelligenzformen im Gehirn nachgewiesen werden. Das Gehirn ist, so der aktuelle Forschungsstand, nicht in separate Module für Sprache, Musik, Körper und Raum unterteilt. Die neuronalen Netzwerke überlappen sich stark und arbeiten flexibel zusammen. Zudem korrelieren die verschiedenen Intelligenzformen untereinander erheblich, was Gardners Kernthese ihrer vollständigen Unabhängigkeit voneinander widerspricht.
Gardner selbst hat inzwischen Abstand von der Behauptung genommen, seine Theorie sei eine neurologische Theorie. Er beschreibt sie als ein pädagogisches und psychologisches Rahmenkonzept, kein Modell der Hirnarchitektur.
Was bedeutet das für den Wert von Gardners Theorie?
Weniger, als man vielleicht denkt, denn die pädagogische Wirkung des Modells ist unbestritten. Schulen und Bildungseinrichtungen weltweit nutzen Gardners Rahmen, um Unterricht vielfältiger und individueller zu gestalten. Kinder, die im klassischen System scheitern, entdecken durch diesen Blick auf ihre Stärken einen neuen Zugang zu sich selbst. Das ist kein Neuromythos. Das ist gelebte Erfahrung.
Und für Menschen, die sich selbst fragen, warum sie in bestimmten Bereichen brillieren und in anderen unter dem Durchschnitt zu liegen scheinen, ist Gardners Modell weiterhin ein Werkzeug der Selbstwahrnehmung. Es gibt dir eine Sprache für das, was du schon immer gefühlt hast.
Multiple Intelligenz, Neurodivergenz und Hochbegabung
Wenn du dich als hochsensibel, hochbegabt, vielbegabt oder neurodivergent erlebst, dann wirst du in Gardners Modell wahrscheinlich vieles wiedererkennen. Denn neurodivergente Gehirne denken und nehmen wahr, oft intensiver, als es ein Standardtest je abbilden könnte.
Hochsensible Menschen verfügen typischerweise über besonders ausgeprägte interpersonale und intrapersonale Intelligenz. Sie nehmen wahr, was andere übersehen, spüren emotionale Nuancen, bevor sie ausgesprochen werden und kennen ihre eigene innere Welt oft mit erstaunlicher Präzision. In der HOCHiX-Akademie ist diese Verbindung zwischen Hochsensibilität und emotionaler Intelligenz ein zentrales Thema.
Vielbegabte Menschen, die sogenannten Scannertypen, zeigen oft gleichzeitig ausgeprägte Stärken in mehreren Intelligenzformen. Sprachliche Brillanz trifft auf musikalisches Gespür, räumliches Denken verknüpft sich mit einem tiefen Verständnis für andere Menschen. Das ist keine Zerstreutheit, das ist Vielbegabung.
Und hochbegabte Menschen? Sie operieren oft auf einem Niveau der logisch-mathematischen oder bildlich-räumlichen Intelligenz, das ein standardisierter IQ-Test allenfalls andeutet. Der IQ-Test erfasst jedoch nur einen kleinen Ausschnitt des Spektrums, das Gardner beschreibt.
Welche Intelligenz bist du?Schau dir die neun Intelligenzformen noch einmal an. Welche drei beschreiben dich am deutlichsten? Diese Fragen können dir helfen: • Siehst du Probleme sofort in Bildern und Strukturen? • Fühlst du Stimmungen von Menschen, bevor sie etwas gesagt haben? • Verstehst du deine eigene innere Welt besser als die meisten Menschen dich von außen kennen? • Lebst du in einem inneren Universum aus Musik, Sprache oder Ideen? • Spürst du eine tiefe Verbundenheit zur Natur oder ein intuitives Gespür für Lebewesen? Kein IQ-Test wird dir diese Antworten geben. Aber du selbst kannst sie kennen. |
Multiple Intelligenz im Coaching
Gardners Modell ist nicht nur ein Bildungskonzept. Es ist auch ein Coaching-Werkzeug. In der HOCHiX-Akademie wird es genutzt, um Menschen mit neurodivergenten Persönlichkeitsmerkmalen dabei zu helfen, ihre Stärken zu erkennen und gezielt zu entfalten.
Wer weiß, in welchen Intelligenzformen er oder sie brilliert, kann fundierte Entscheidungen treffen: welcher Beruf wirklich passt, welche Aufgaben Energie geben statt nehmen, welche Lernwege am effektivsten sind. Das ist keine Selbstoptimierung, das ist Selbstverstehen.
Im Coaching-Kontext ergänzt das Modell der Multiplen Intelligenz andere Ansätze wie die Emotionale Intelligenz nach Goleman oder Konzepte aus der Neurowissenschaft. Es geht nicht darum, ein Etikett zu finden. Es geht darum, eine Sprache für die eigene Einzigartigkeit zu entwickeln.
Mehr als ein IQ-Test je zeigen könnte
Gardners Theorie der Multiplen Intelligenz hat die Art, wie wir über Begabung denken, verändert und das, obwohl die Wissenschaft nach wie vor diskutiert, wie neurologisch präzise das Modell wirklich ist. Was bleibt, ist die entscheidende Einsicht: Intelligenz ist vielfältig. Menschen sind vielfältig. Wer nur einen Teil der menschlichen Fähigkeiten misst, sieht auch nur einen Teil des Menschen.
Vielleicht hast du dein Leben lang das Gefühl gehabt, dass dich kein Test wirklich erfasst. Dass deine Stärken nicht dort liegen, wo das System sie sucht. Das ist kein Versagen, das ist der Beweis, dass du in eine Kategorie gehörst, die herkömmliche Maßstäbe gar nicht messen können.
Du bist mehr als dein IQ. Du bist eine einzigartige Kombination aus Fähigkeiten, Wahrnehmungen und Potenzialen. Und in der HOCHiX-Akademie ist seit über 20 Jahren genau das sichtbar.
Dein nächster SchrittWenn du wissen möchtest, welche Begabungen in dir stecken, die ein normaler IQ-Test niemals erfassen würde, dann mach jetzt den Vielbegabungstest in der HOCHiX-Akademie. Und wenn du tiefer einsteigen möchtest: Im Neurocoaching und in der Coaching-Ausbildung lernst du, deine Stärken nicht nur zu erkennen, sondern auch gezielt einzusetzen. Denn das, was dich ausmacht, ist genau das, was die Welt braucht. |
Und wie steht es bei dir? In welcher Intelligenzform findest du dich wieder?
Ich hoffe, ich habe das Geschenk deiner Zeit verdient.
Herzlichst
Anne
Quellen
Gardner, H. (1983). Frames of Mind: The Theory of Multiple Intelligences. Basic Books, New York.
Waterhouse, L. (2023). Why multiple intelligences theory is a neuromyth. Frontiers in Psychology, 14, 1217288. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2023.1217288
Goleman, D. (1995). Emotional Intelligence: Why It Can Matter More Than IQ. Bantam Books, New York.
Mayer, J. D. & Salovey, P. (1990). Emotional intelligence. Imagination, Cognition and Personality, 9(3), 185–211.
Begabtenförderung Schweiz. Die Multiplen Intelligenzen nach Gardner – nur ein „Neuromythos“? Abgerufen von https://www.begabtenfoerderung.ch/die-multiplen-intelligenzen-nach-gardner-nur-ein-neuromythos
Heintze, A. Über 20 Intelligenzformen: Warum dein IQ-Test nur einen Bruchteil deiner Begabung zeigt. HOCHiX Akademie. https://hochix.com/intelligenzformen-hochbegabung-vielbegabung-hochsensibilitaet/
Wikipedia. Theorie der multiplen Intelligenzen. https://de.wikipedia.org/wiki/Theorie_der_multiplen_Intelligenzen
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