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Menschen mit ADHS sind für mich keine Geschäftspartner

Menschen mit ADHS sind fuer mich keine Geschaeftspartner
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Jemand hat mir kürzlich gesagt: Menschen mit ADHS sind für mich keine Geschäftspartner, die bleiben eh nie dran. Der Satz klingt pauschal, fast abwertend und doch enthält er etwas, das viele Menschen mit ADHS schmerzlich selbst kennen. Dieser Artikel schaut genau hin: auf das, was neurologisch dahintersteckt, was wirklich stimmt, was fundamental missverstanden wird und was möglich ist, wenn man aufhört, ADHS mit einem Willensproblem zu verwechseln.

Dieser Satz „Menschen mit ADHS sind für mich keine Geschäftspartner“ ist direkt, unverblümt, mit der Selbstverständlichkeit einer Erfahrung, die sich über Jahre aufgebaut hat: Erst Riesenbegeisterung, dann eine riesige Welle, dann flacht alles ab und am Ende bleibt nur heiße Luft.

Kein Widerspruch?

Ich habe nicht widersprochen. Ich habe zugehört. Denn da ist etwas dran. Und genau deshalb muss man sehr genau hinschauen, was an diesem Satz dran ist und was er gleichzeitig fundamental missversteht.

Du kennst diesen Moment vielleicht selbst, aus der einen oder anderen Perspektive. Vielleicht warst du es selbst, dessen Projekte irgendwann verglühten. Vielleicht hast du jemanden begleitet, dessen Energie plötzlich nicht mehr da war. In beiden Fällen lohnt es sich, hinter die Oberfläche zu schauen, denn was viele für Charakterschwäche halten, ist in Wahrheit Neurobiologie.

Das interessenbasierte Nervensystem

Das ADHS-Gehirn funktioniert anders als ein neurotypisches Gehirn. Nicht schlechter. Anders. Dieser Unterschied ist neurologisch gut dokumentiert und hat nichts mit Charakter, Disziplin oder Zuverlässigkeit zu tun.

Dr. William Dodson, einer der führenden ADHS-Kliniker und -Forscher, hat das Konzept des interessenbasierten Nervensystems entwickelt. Sein Kernbefund: Neurotypische Menschen motivieren sich durch Wichtigkeit, Konsequenzen und Willenskraft. Das ADHS-Gehirn funktioniert so nicht. Es wird durch vier spezifische Faktoren angetrieben: Interesse, Neuheit, Herausforderung und Dringlichkeit. Fehlen diese Faktoren, gibt es buchstäblich keinen neurochemischen Treibstoff.

Nicht weil der Mensch faul ist. Nicht weil ihm etwas egal ist. Sondern weil das Gehirn ohne diesen Treibstoff schlicht nicht anspringt. Wer dieses Wissen nicht hat, deutet die nachlassende Energie als mangelnde Verlässlichkeit. Wer dieses Wissen hat, sieht ein neurobiologisches Muster, mit dem sich arbeiten lässt.

Die Welle: Warum nach dem Hoch oft Stille folgt

Das interessenbasierte Nervensystem erklärt die Welle, die viele beobachten. Der Beginn eines neuen Projekts ist für ein ADHS-Gehirn fast immer ein neurochemischer Hochzustand: Neuheit, Herausforderung, Interesse, alles auf einmal. Das Gehirn feuert. Die Ergebnisse in dieser Phase sind real, oft beeindruckend, manchmal außergewöhnlich.

Dann wird das Projekt zur Routine. Die Neuheit verschwindet. Die Herausforderung wird zur Wiederholung und der Treibstoff geht zur Neige. Was bleibt, ist ein Mensch, der will, aber dessen Gehirn ihm den Zugang zur Motivation nicht mehr öffnet.

Das ist die Welle. Sie ist kein Versagen. Sie ist die nachvollziehbare Folge eines Nervensystems, das auf Reize und Bedeutung reagiert, nicht auf Pflichtgefühl und Tagespläne und genau hier scheitern viele Zusammenarbeiten, weil das Gegenüber die Welle als Charakterzug interpretiert und nicht als Strukturproblem.

Hyperfokus: Eine Stärke, die man kennen muss

Wer Menschen mit ADHS in ihrer Hochphase erlebt hat, weiß, wozu sie fähig sind. Der Hyperfokus gilt in der Forschung als ein Phänomen intensiver, anhaltender Konzentration auf eine Aufgabe, die dem Interesse des Menschen entspricht. Forscher wie Hupfeld, Abagis und Shah beschreiben ihn als einen Zustand, der mit Flow vergleichbar ist: volle Konzentration, hohe Produktivität, außergewöhnliche Kreativität und Problemlösungskompetenz.

Das ist keine Entschuldigung. Das ist eine Stärke. Künstler, Wissenschaftler, Entwickler und Gründer mit ADHS nutzen diesen Zustand für Leistungen, die andere in dieser Intensität und Geschwindigkeit schlicht nicht erbringen können. Eine Stärke, die unter den richtigen Bedingungen außergewöhnliche Ergebnisse produziert.

Das Problem liegt nicht im Hyperfokus selbst. Das Problem liegt darin, dass nach dem Hyperfokus oft keine Struktur wartet, die den Anschluss hält. Hyperfokus ohne Anschlussstruktur wird zur Welle, die der ADHS-skeptische Geschäftspartner beklagt.

Kein Willensproblem, sondern eine Strukturfrage

„Menschen mit ADHS sind für mich keine Geschäftspartner“ ist die falsche Schlussfolgerung aus einer richtigen Beobachtung. Die richtige Schlussfolgerung lautet: Ich brauche eine Zusammenarbeitsstruktur, die zu diesem Gehirn passt.

Menschen mit ADHS brauchen externe Struktur nicht, weil sie schwach sind, sondern weil ihr Gehirn interne Motivationsregulation anders produziert als neurotypische Gehirne. Regelmäßige Check-ins, kurze Feedbackschleifen, klar definierte Meilensteine und immer wieder erneuerte Bedeutungsanker, also die lebendige Verbindung zur Frage, warum ein Projekt wichtig ist: All das hilft dem Gehirn, seinen Treibstoff zugänglich zu halten.

Wer das weiß und entsprechend arbeitet, kann mit Menschen mit ADHS außergewöhnlich produktiv zusammenarbeiten. Wer das nicht weiß und auf Eigenverantwortung im neurotypischen Sinne wartet, wird enttäuscht werden. Nicht weil der Mensch es nicht will, sondern weil er es ohne die passende Umgebung neurologisch nicht aufrechterhalten kann.

Wenn neurodivergente Menschen ihr Gehirn verstehen

Es wäre unehrlich, die Verantwortung ausschließlich an Struktur und Zusammenarbeit abzugeben. Menschen mit ADHS, die verstehen, wie ihr Gehirn funktioniert, können aktiv damit arbeiten. Das beginnt damit, das eigene Motivationsmuster zu kennen, nicht als Entschuldigung, sondern als Information.

Ich weiß, dass mein Gehirn nach der Anfangsphase Treibstoff verliert. Was tue ich konkret, um ihn zu erhalten? Das kann ein Gespräch mit einem Wegbegleiter, einer Vertrauensperson sein, ein Check-in-Ritual, eine bewusste Verbindung zur Bedeutung des Projekts oder eine externe Deadline, die Dringlichkeit herstellt.

Das verändert alles. Viele neurodivergente Menschen, die ich in der Ausbildung zum HOCHiX-Coach begleite, ob mit ADHS, Hochbegabung, Vielbegabung oder Hochsensibilität, beschreiben denselben Moment: den, in dem sie aufgehört haben, sich für ihr Gehirn zu schämen und angefangen haben, es zu verstehen. Nicht weil das Gehirn sich ändert, sondern weil der Umgang damit ein anderer wird.

Was das Urteil über denjenigen sagt, der es fällt

„Menschen mit ADHS sind für mich keine Geschäftspartner“ sagt vor allem eines: Ich habe noch nicht herausgefunden, wie das geht. Das ist verstehbar. Enttäuschende Erfahrungen hinterlassen Spuren.

Aber eine neurologische Variante pauschal auszuschließen, weil man die passende Zusammenarbeitsstruktur nicht kennt oder nicht aufbauen will, kostet etwas. Es kostet den Zugang zu außerordentlich kreativen, intensiv denkenden, tief fühlenden und in ihren Bereichen oft herausragend fähigen Menschen. Es kostet Innovationskraft und genau jenen Funken, der die Anfangsphase eines Projekts so besonders macht.

Wenn ich engagiert bin, kann ich alles. Dr. Dodson bringt es auf den Punkt. Das ist kein Versprechen. Das ist ein neurologisches Prinzip. Die Frage ist nicht, ob ein Mensch mit ADHS dranbleibt. Die Frage ist, ob die Bedingungen stimmen, die Engagement möglich machen.

Zeit für einen ehrlichen Blick nach innen

Diese Fragen darfst du heute ganz ehrlich für dich beantworten:

●      Welche der vier Faktoren Interesse, Neuheit, Herausforderung und Dringlichkeit sind in deinem aktuellen Projekt vorhanden?

●      Welche Anschlussstruktur hilft dir, nach der ersten Welle dranzubleiben?

●      Wer in deinem Umfeld könnte dir als Accountability-Person zur Seite stehen?

●      Wann hast du dich zuletzt für ein Projekt wirklich engagiert gefühlt und was waren die Bedingungen?

Wo die HOCHiX-Akademie ansetzt

In der HOCHiX-Akademie begleiten wir Menschen mit ADHS, Hochbegabung, Vielbegabung und Hochsensibilität genau an dieser Schwelle, an der Erfahrungen wie die Welle plötzlich neu verstanden werden können. Verstehen statt optimieren bleibt die Grundhaltung. Du sollst dich nicht ändern. Du sollst dich begreifen.

Wenn du dich in den Schilderungen wiedererkannt hast, kann ein erster Schritt der kostenlose ADHS-Test in der HOCHiX-Akademie sein. Er ersetzt keine Diagnose, gibt dir aber einen klaren Hinweis, ob es sich lohnt, weiter hinzuschauen. Auch der Hochsensibilitätstest oder der Vielbegabungstest können dir helfen, das eigene Nervensystem besser zu lesen.

Der Satz, der diesen Artikel ausgelöst hat, wird wahrscheinlich nicht der letzte seiner Art bleiben. Solange neurodivergente Gehirne als defizitär gelesen werden, statt als anders organisiert, werden solche Pauschalurteile weiter fallen. Du kannst sie nicht alle ausräumen. Du kannst aber etwas anderes tun: aufhören, sie ungeprüft auf dich anzuwenden, deinen eigenen Treibstoff kennen und pflegen und Menschen suchen, die mit dir arbeiten wollen, weil sie wissen, wozu dein Gehirn fähig ist, wenn die Bedingungen stimmen.

Dein Gehirn ist nicht unzuverlässig. Es ist anders motiviert. Wenn du Interesse, Neuheit, Herausforderung und Dringlichkeit kennst und ehrlich mit ihnen umgehst, wird die Welle vorhersehbar und damit beherrschbar. Du brauchst keine andere Persönlichkeit. Du brauchst eine andere Struktur und Menschen, die das verstehen.

Ich hoffe, ich habe das Geschenk deiner Zeit verdient.

Sonnige Grüße
von Anne

Quellen

Dodson, W. W., 2025, The ADHD Nervous System: A Different, Not Deficient Brain, ADDitude Magazine, additudemag.com.

Neurolaunch, 2025, Dodson ADHD Model: Revolutionary Insights into ADHD from Dr. William Dodson, neurolaunch.com.

Hupfeld, K., Abagis, T. & Shah, P., 2018, Living „in the zone“: hyperfocus in adult ADHD, ADHD Attention Deficit and Hyperactivity Disorders, Vol. 11.

Hupfeld, K., Abagis, T., Osborne, J., Tran, Q. & Shah, P., 2022, Hyperfocus: The ADHD Superpower.

ADHS-Weg, 2025, Hyperfokus als Ressource: Höchstleistungen mit ADHS, adhs-weg.de.

Medcircle, 2025, The ADHD Interest-Based Nervous System, medcircle.com.

HOCHiX Akademie, kostenlose Online-Tests für neurodivergente Menschen, www.hochix.com.

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