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Essentials: Neurodivergenz
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Autoren
Anne Heintze
Harald Heintze
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Der einzige Ort, an dem Neurodivergenz nicht erklärt werden muss – hier wird sie gefeiert, verstanden und zur Quelle deiner größten Stärke gemacht. Für alle Menschen, die anders besonders sind.
Synästhesie verstehen - Wenn Sinne sich verbinden und was das mit Echoemotik zu tun hat
Manche Menschen schmecken Wörter, sehen Zahlen in Farben oder spüren fremden Schmerz am eigenen Körper. Synästhesie ist eine Verbindung der Sinne und sie tritt bei neurodivergenten Menschen mit Autismus, ADHS, Hochsensibilität, Hochsensitivität, Hochbegabung oder Vielbegabung deutlich häufiger auf als im Durchschnitt. Dieser Artikel erklärt die wichtigsten Formen, den Zusammenhang mit Autismus und die feine Grenze zwischen einer Sinnesresonanz und der Echoemotik.
Vielleicht hast du eine Eigenart an dir, die du nie jemandem erzählt hast, weil sie zu seltsam klingt. Ein Wort, das nach etwas schmeckt. Eine Zahl, die eine Farbe hat. Ein Ziehen im Arm, wenn du eine Spritze bei jemand anderem siehst.
Solche Erfahrungen sind weder Einbildung noch Macke. Sie haben einen Namen und eine Erklärung und für neurodivergente Menschen sind sie näher, als die meisten denken.
Wenn die Sinne sich verbinden
Es gibt Menschen, für die hat der Montag eine Farbe, die Zahl Sieben einen Charakter und das Wort Tisch einen Geschmack. Lange galt das als Einbildung oder Spielerei. Heute weiß man, dass Synästhesie eine reale, stabile und gut erforschte Eigenschaft des Nervensystems ist. Synästhesie bedeutet, dass die Reizung eines Sinneskanals automatisch eine Wahrnehmung in einem anderen, gar nicht gereizten Kanal auslöst. Ein Klang wird zur Farbe, eine Berührung zu einem Geschmack, eine Zahl zu einem Ort im Raum.
Für neurodivergente Menschen ist das Thema besonders nah, denn Synästhesie und Neurodivergenz teilen sich vermutlich denselben Boden, eine andere Art der Vernetzung im Gehirn.
Die häufigsten Formen
Synästhesie zeigt sich in vielen Spielarten, die Fachliteratur beschreibt Dutzende. Einige tauchen besonders oft auf.
Die bekannteste ist die Graphem-Farb-Synästhesie, bei der Buchstaben und Zahlen eine feste Farbe tragen. Die Sieben ist grün, das A ist rot und zwar verlässlich über Jahre. Verwandt ist die Verbindung von Klängen oder Musik mit Farben, bei der Töne sichtbare Qualitäten bekommen.
Eine andere Gruppe verbindet Sprache mit Geschmack, sodass Wörter im Mund eine Geschmacksqualität auslösen. Ebenso gibt es die Kopplung von Berührung und Geschmack, bei der das Anfassen bestimmter Materialien einen Geschmack hervorruft. Ich kenne das aus meinem eigenen Alltag. Wenn ich Geldmünzen in die Hand nehme, habe ich einen metallischen Geschmack im Mund, deutlich und sofort, ganz ohne dass etwas meine Zunge berührt. Lange hielt ich das für eine Eigenart, bis ich verstand, dass mein Tastsinn und mein Geschmackssinn enger verschaltet sind als bei den meisten Menschen.
Eine weitere häufige Form ordnet Sequenzen im Raum an, sodass die Monate eines Jahres oder die Zahlen einer Reihe einen festen Ort im Raum um den eigenen Körper haben. Diese Raum-Sequenz-Synästhesie zeigt sich gehäuft bei Menschen mit ausgeprägtem räumlichem Vorstellungsvermögen.
Der Zusammenhang mit Autismus und Neurodivergenz
Hier wird es für deine Selbsteinordnung wichtig. Synästhesie kommt in der Allgemeinbevölkerung bei etwa vier bis sieben Prozent der Menschen vor. In der ersten Prävalenzstudie dazu lag die Rate bei autistischen Erwachsenen bei 18,9 Prozent, also fast dreimal so hoch wie in der Kontrollgruppe mit 7,2 Prozent. Das ist kein Zufall. Beide Eigenschaften gelten als mit einer untypischen neuronalen Vernetzung verbunden, was auf einen gemeinsamen Ursprung hindeuten könnte.
Die Erklärung, die derzeit am meisten Zustimmung findet, ist die Hyperkonnektivität. Die Annahme lautet, dass Menschen mit Synästhesie übermäßig viele neuronale Verbindungen zwischen verschiedenen Hirnregionen haben, Verbindungen, die bei neurotypischen Menschen schwächer oder nicht vorhanden sind. Dasselbe Muster, eine starke lokale Vernetzung, wird auch für Autismus diskutiert. Hinzu kommt eine geteilte Eigenschaft auf der Ebene des Erlebens. Beide Gruppen berichten von einer auffällig ähnlichen erhöhten Empfindlichkeit der Sinne, etwa einer Abneigung gegen bestimmte Geräusche und Lichter. Genau diese Reizoffenheit kennen viele hochsensible und autistische Menschen aus ihrem Alltag.
Das bedeutet, Synästhesie ist für neurodivergente Menschen kein exotischer Sonderfall, sondern eine naheliegende Begleiterscheinung derselben anders verschalteten Wahrnehmung, die auch ihre Reizoffenheit und ihre Intensität ausmacht.
Wenn Synästhesie mit Schmerz zu tun hat
Eine besondere Gruppe von Phänomenen betrifft das körperliche Mitspüren dessen, was man bei anderen sieht. Ich erlebe das selbst sehr deutlich. Wenn ich sehe, wie jemand eine Blutentnahme bekommt, spüre ich es körperlich im eigenen Arm, ein Ziehen genau an der Stelle, an der die Nadel sitzt. Es ist kein Gedanke und keine Vorstellung, es ist eine Empfindung, die einfach da ist. Über Jahre habe ich das als Überempfindlichkeit abgetan, dabei ist es eine Form der Sinnesspiegelung, die einen Namen und eine Erklärung hat. Fachlich heißt das Mirror-Touch, wenn es um Berührung geht und Mirror-Pain, wenn es um Schmerz geht.
Ob diese Spiegelung wirklich zur Synästhesie gehört, ist in der Forschung umstritten. Klassische Synästhesie verbindet zwei verschiedene Sinne, etwa Sehen und Schmecken. Die Schmerzspiegelung dagegen verbindet Gesehenes mit derselben Empfindung, gesehene Berührung mit gefühlter Berührung. Manche Forscher zählen sie deshalb zur Synästhesie, andere ordnen sie einer eigenen Kategorie zu, den stellvertretenden Wahrnehmungen. Für dein eigenes Verständnis genügt es zu wissen, dass es sich um dasselbe Grundprinzip handelt, eine Wahrnehmung löst automatisch eine zweite aus.
Wichtig ist, dass diese Spiegelung oft unangenehm ist, besonders beim Anblick von Schmerz. Das ist ein bekanntes Merkmal und kein persönliches Versagen. Dein Körper verarbeitet die gesehene Verletzung, als beträfe sie ihn selbst.
Die Grenze zur Echoemotik
Und hier schließt sich der Kreis zu einem Thema, das ich an anderer Stelle dieser Serie beschreibe. Auf den ersten Blick sieht die Schmerzspiegelung wie Echoemotik aus, denn beide sind körperlich, beide sind intensiv und bei beiden ist ein Gefühl beteiligt. Und doch sind sie verschieden.
Gerade weil ich beides aus eigenem Erleben kenne, ist mir der Unterschied so wichtig. Die Blutentnahme spüre ich im Arm und weiß sofort, woher es kommt. Die Schwere nach einem intensiven Gespräch dagegen kann ich stundenlang für meine eigene halten, bis ich mich frage, wessen Gefühl das gerade war. Das eine ordne ich sofort zu, das andere verwechsle ich.
Bei der Schmerzspiegelung bleibt die Quelle klar. Du weißt in jedem Moment, dass dein Armziehen vom Anblick der Blutentnahme kommt. Du beziehst es nicht auf dein eigenes Leben, du gehst danach nicht in den Zweifel, ob mit dir etwas grundsätzlich nicht stimmt. Das unangenehme Gefühl ist deine Bewertung deiner eigenen Sinnesresonanz. Echoemotik beginnt genau dort, wo diese Klarheit verloren geht. Sie ist die emotionale Resonanz auf einen anderen Menschen, die so stark nachhallt, dass du ihre Quelle verwechselst und sie für eine Aussage über dein eigenes Leben hältst. Der Unterschied liegt nicht in der Stärke und nicht im beteiligten Gefühl, sondern allein in der Quellenzuordnung.
Wenn du dich in den beschriebenen Formen wiedererkennst, gehörst du zu einer großen Gruppe neurodivergenter Menschen, deren Sinne enger verschaltet sind als der Durchschnitt. Das ist keine Störung, die behandelt werden müsste, sondern eine andere Art zu verarbeiten. Sie bringt Belastungen mit sich, etwa die unangenehme Schmerzspiegelung und sie bringt Reichtum mit sich, eine Welt mit mehr Verbindungen, mehr Farben und mehr Geschmack als für andere. Beides gehört zusammen und beides verdient denselben verständnisvollen Blick.
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Danke für deine Zeit.
Herzlichst
Anne
Quellen
Baron-Cohen u. a.: Is synaesthesia more common in autism? Molecular Autism 2013.
University of Cambridge: Synaesthesia is more common in autism.
Ward u. a.: Atypical sensory sensitivity as a shared feature between synaesthesia and autism. Scientific Reports 2017.
Neufeld, Hughes, Ward: Synaesthesia and autism, different developmental outcomes from overlapping mechanisms.
Lies dazu auch die weiteren Artikel der Echoemotik-Serie
- Teil 2: Echoemotik erkennen: Wie du deine eigene Resonanz von deinem eigenen Leben unterscheidest
- Teil 3: Echoemotik regulieren: Durchlässig bleiben, ohne dich selbst zu verlieren
- Teil 4: Echoemotik abgrenzen: Was sie nicht ist und warum das den Unterschied macht
- Teil 5: Dieser Artikel
- Teil 6: Tröstliche Halbwahrheiten: Warum neurodivergente Menschen glauben, was ihnen schmeichelt








