Umweltgifte und ADHS: Was Plastik, Blei und Weichmacher mit deinem Gehirn machen

Umweltgifte und ADHS
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Wenn über ADHS gesprochen wird, fallen meist dieselben Stichworte: Genetik, Dopaminmangel, Erziehung, zu viel Bildschirmzeit. Was selten zur Sprache kommt, ist eine ganz andere Ebene der Ursachenforschung. Es geht um die Frage, welche Rolle Umweltchemikalien bei der Entstehung und Verstärkung von ADHS spielen. Und diese Frage ist alles andere als trivial.

Eine umfassende Übersichtsstudie der Europäischen Human-Biomonitoring-Initiative (HBM4EU), veröffentlicht 2022 im International Journal of Environmental Research and Public Health, hat genau das untersucht. Die Forschenden analysierten die vorhandene Studienlage zu Umweltchemikalien, die als Prioritätssubstanzen der EU eingestuft sind, und deren möglichem Zusammenhang mit ADHS. Das Ergebnis sollte uns alle aufhorchen lassen.

Blei, Weichmacher und Bisphenol A: Die drei Hauptverdächtigen

Die Studie ergab, dass Blei (Pb), Phthalate und Bisphenol A (BPA) eine mittlere bis hohe Assoziation mit ADHS aufweisen. Das sind keine exotischen Industriechemikalien. Das sind Stoffe, die in unserem Alltag allgegenwärtig sind.

Bisphenol A steckt in Epoxidharzbeschichtungen von Lebensmitteldosen und in Plastikbehältern. Phthalate machen gummiartige Materialien weich und biegsam und finden sich in Vinylprodukten, Plastikflaschen, Spielzeug, Duschvorhängen und Regenjacken, aber auch in Körperpflegeprodukten, Lufterfrischern und Shampoos. Blei wiederum ist trotz gesetzlicher Einschränkungen nach wie vor in alten Wasserleitungen, bestimmten Farben, Böden und sogar in manchen importierten Gewürzen zu finden.

Was diese drei Substanzen verbindet: Sie alle können die neurologische Entwicklung stören, und zwar besonders dann, wenn die Exposition bereits im Mutterleib oder in der frühen Kindheit stattfindet. ADHS hat zwar eine hohe Erblichkeit, aber die meisten Fälle gelten als multifaktoriell in ihrem Ursprung. Genetik allein erklärt nicht alles. Die Umwelt spielt mit.

Warum gerade das sich entwickelnde Gehirn so verletzlich ist

Im Vergleich zu Erwachsenen sind die sich entwickelnden Gehirne von Kindern deutlich anfälliger für die negativen Auswirkungen von Umweltbelastungen. Das ist ein entscheidender Punkt. In der Phase, in der sich neuronale Netzwerke bilden, in der Dopaminbahnen reifen und exekutive Funktionen angelegt werden, wirken Umweltgifte wie Sand im Getriebe eines hochpräzisen Mechanismus.

Blei ist ein bekanntes Umweltneurotoxin, das die Gehirnentwicklung stören kann. Selbst niedrige Bleiwerte, wie sie im alltäglichen Leben vorkommen, werden mit verminderter Intelligenz, Aufmerksamkeitsstörungen und Verhaltensproblemen in Verbindung gebracht.

Und hier wird es für neurodivergente Menschen besonders relevant: Wenn ein Nervensystem ohnehin anders verdrahtet ist, wenn es ohnehin intensiver auf Reize reagiert, wenn Dopaminregulation und Reizverarbeitung bereits ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten haben, dann kann eine zusätzliche chemische Belastung wie ein Verstärker wirken. Nicht als Ursache im Sinne von „Das allein macht ADHS“, sondern als ein Faktor, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Nicht nur Blei: Die breite Palette der Verdächtigen

Neben den drei Hauptakteuren identifizierte die Studie weitere Substanzen, für die es zumindest begrenzte oder niedrige, aber erforschungswürdige Hinweise auf einen Zusammenhang mit ADHS gibt. Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), Flammschutzmittel, Quecksilber und Pestizide zeigten begrenzte Evidenz für einen Zusammenhang mit ADHS. Für Cadmium und per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) war die Evidenz gering, rechtfertigte aber weitere Forschung.

Flammschutzmittel, die häufig in Möbeln und Elektronikgeräten verwendet werden, stehen im Zusammenhang mit Störungen der Schilddrüsenfunktion und neurologischen Entwicklungsbeeinträchtigungen. Schilddrüsenhormone sind wiederum essenziell für Gehirnfunktion und Aufmerksamkeitsregulation.

Was hier sichtbar wird, ist kein einzelner Schuldiger, sondern ein ganzes Netz aus chemischen Belastungen, das sich durch unseren modernen Alltag zieht. Von der Konservendose über den Duschvorhang bis zum Sofa.

ADHS und Neurodivergenz: Warum dieses Thema uns alle angeht

In Deutschland ist die Zahl der ADHS-Erstdiagnosen bei Erwachsenen von 2015 bis 2024 um rund 199 Prozent gestiegen. Dieser Anstieg betrifft besonders Frauen, bei denen ADHS im Kindesalter häufig übersehen wurde. Gleichzeitig zeigt eine aktuelle Übersichtsarbeit des King’s College London, dass die tatsächliche Prävalenz von ADHS weltweit seit 2020 nicht signifikant angestiegen ist, wohl aber die Nachfrage nach Diagnostik.

Was bedeutet das? Es bedeutet, dass ADHS nicht häufiger wird, sondern häufiger erkannt wird. Und es bedeutet, dass wir uns endlich auch den Fragen widmen müssen, die über Genetik und Diagnostik hinausgehen. Fragen wie: Was tut unsere Umwelt mit einem Nervensystem, das ohnehin anders funktioniert?

Für hochsensible Menschen, für hochbegabte und vielbegabte Scanner-Persönlichkeiten, für autistische Menschen und Menschen mit ADHS ist diese Frage nicht akademisch. Sie ist zutiefst persönlich. Wer intensiver wahrnimmt, wer Reize tiefer verarbeitet, wer sensorisch sensibler ist, für den sind Umweltbelastungen keine abstrakte Größe. Sie sind ein täglicher Faktor der Lebensqualität.

Epigenetik: Die Brücke zwischen Umwelt und Ausdruck

Was die Studie nicht explizit behandelt, aber was sich wie ein roter Faden durch die Forschung zieht, ist die epigenetische Dimension. Epigenetik beschäftigt sich damit, wie Umweltfaktoren die Art und Weise verändern, in der unsere Gene abgelesen werden, ohne die DNA-Sequenz selbst zu verändern. Umweltgifte können epigenetische Schalter umlegen. Sie können Gene aktivieren oder stillegen, die mit Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Reizverarbeitung zusammenhängen.

Das heißt: Selbst wenn du eine genetische Anlage für ADHS oder Hochsensibilität trägst, entscheidet die Umwelt mit darüber, ob und wie stark sich diese Anlage ausdrückt. Und das betrifft nicht nur dich persönlich. Epigenetische Veränderungen können über Generationen weitergegeben werden. Was deine Großmutter an Umweltbelastungen ausgesetzt war, kann heute noch in deinem Nervensystem nachwirken.

Für neurodivergente Menschen ist das keine beunruhigende Nachricht. Es ist eine ermächtigende Erkenntnis. Denn wenn die Umwelt mitbestimmt, wie sich unsere neurologische Ausstattung entfaltet, dann haben wir auch einen Hebel, an dem wir ansetzen können.

Was du konkret tun kannst

Kein Mensch kann sich vollständig von Umweltchemikalien abschirmen. Aber du kannst die Belastung reduzieren, und das ist kein Perfektionsprojekt, sondern eine bewusste Entscheidung für dein Nervensystem.

Glas- und Edelstahlbehälter statt Plastik beim Aufbewahren und Erwärmen von Lebensmitteln. Produkte ohne Duftstoffe bei Körperpflege und Reinigung. Regelmäßiges Lüften und Staubwischen, um Flammschutzmittel und andere Chemikalien aus der Raumluft zu reduzieren. Bio-Lebensmittel, wo es möglich und erschwinglich ist, um die Pestizidbelastung zu senken. Alte Wasserleitungen auf Bleigehalt prüfen lassen. Und vor allem: dich nicht verrückt machen. Es geht nicht um Angst, sondern um informierte Selbstfürsorge.

Warum ich dieses Thema für die HOCHiX-Community wichtig finde

Wir bei HOCHiX sprechen viel über die Stärken neurodivergenter Menschen. Über die Fähigkeit, Systeme zu hinterfragen, Probleme zu erkennen und Lösungen zu finden, die neurotypischen Denkmustern verschlossen bleiben. Aber zu dieser Arbeit gehört auch, die Bedingungen zu benennen, unter denen neurodivergente Nervensysteme leiden, häufig still, häufig unsichtbar, und häufig unter dem Radar der konventionellen Medizin.

Umweltgifte sind ein solches Thema. Es ist unbequem, weil es Verantwortung auf gesellschaftlicher Ebene einfordert. Es ist komplex, weil die Wirkzusammenhänge nicht linear sind. Aber es ist auch ein Thema der Hoffnung, weil es zeigt, dass wir nicht ausgeliefert sind. Dass die Art, wie wir leben, essen, wohnen und konsumieren, einen Unterschied macht.

Nicht nur für uns selbst. Sondern für die nächste Generation.

Sonnige Grüße
von Anne

Quelle:

Miha Koritnik, Tina Zupanič, Janja Snoj Tratnik, Darja Mazej, Lucija Šestan, Lijana Kononenko und Milena Horvat (2022). The Association between ADHD and Environmental Chemicals — A Scoping Review. International Journal of Environmental Research and Public Health, 19(5), 2849. DOI: 10.3390/ijerph19052849 https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8910189/

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