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Anne Heintze
Harald Heintze
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Der einzige Ort, an dem Neurodivergenz nicht erklärt werden muss – hier wird sie gefeiert, verstanden und zur Quelle deiner größten Stärke gemacht. Für alle Menschen, die anders besonders sind.
Loslassen lernen: Die neun Dimensionen des Lassens als Schlüssel zur inneren Freiheit
Warum das kleine Wort „lassen“ so viele Gesichter hat, was jede Dimension mit deinem neurodivergenten Erleben zu tun hat und wie du Schritt für Schritt mehr Leichtigkeit findest.
Du willst loslassen und hältst doch fest? Dann bist du in guter Gesellschaft. Loslassen lernen gelingt leichter, wenn du weißt, dass „Lassen“ viel mehr ist als Aufgeben. In diesem Artikel zeige ich dir neun Dimensionen des Lassens, von Zulassen über Sein lassen bis Überlassen. Du erfährst, warum sie gerade hochsensiblen, hochbegabten und vielbegabten Menschen manchmal schwerfallen und wie jede einzelne dich ein Stück freier macht.
Vielleicht kennst du das: Ein Gespräch ist längst vorbei, doch in deinem Kopf läuft es weiter. Ein Projekt ist abgeschlossen und trotzdem trägst du es noch mit dir herum. Jemand hat dich enttäuscht, aber du suchst immer noch nach der Erklärung, die alles wieder gut macht.
Gerade außergewöhnliche Menschen erleben die Welt mit großer Intensität. Wer hochsensibel, hochbegabt, vielbegabt oder neurodivergent ist, nimmt mehr wahr, verarbeitet gründlicher und fühlt stärker. Das ist eine wunderbare Fähigkeit. Sie bringt allerdings mit sich, dass Gedanken, Gefühle und Bindungen länger nachklingen.
Der gut gemeinte Rat „Lass doch einfach los“ hilft dir dann wenig. Lassen ist eine Fähigkeit mit vielen Facetten und du kannst sie üben. Unsere Sprache zeigt das sehr schön: Loslassen, Zulassen, Einlassen, Sein lassen. Jedes dieser Wörter beschreibt eine eigene Bewegung und jede davon öffnet dir eine andere Tür zur inneren Freiheit.
Kurz gesagt Loslassen lernen bedeutet, die verschiedenen Formen des Lassens bewusst zu üben. Neun Dimensionen gehören dazu: Loslassen, Entlassen, Verlassen, Zulassen, Einlassen, Durchlassen, Sein lassen, Ablassen und Überlassen. Sie lassen sich drei Bewegungen zuordnen: dich lösen, dich öffnen und dich entlasten. Für neurodivergente Menschen ist das besonders wertvoll, weil ihr Nervensystem Eindrücke intensiv verarbeitet und Erlebtes länger festhält. Mit Selbstmitgefühl, Achtsamkeit und kleinen Schritten wird Lassen zu einem Weg in die innere Freiheit. |
Was bedeutet „Lassen“ und warum ist Loslassen lernen so wertvoll?
Lassen beschreibt die Fähigkeit, etwas geschehen, gehen oder bestehen zu lassen, ohne es kontrollieren zu müssen. Das klingt passiv, ist aber eine sehr aktive innere Entscheidung. Du entscheidest dich dafür, deine Energie dort einzusetzen, wo sie dir wirklich dient.
Die Psychologie liefert dafür anschauliche Belege. Ein berühmtes Experiment von Daniel Wegner zeigt: Wer versucht, einen Gedanken gezielt zu unterdrücken, denkt ihn anschließend häufiger (Wegner u. a., 1987). Festhalten und Wegdrücken sind also zwei Seiten derselben Anstrengung. Lassen ist der dritte Weg dazwischen. Du nimmst wahr, was da ist. Danach gibst du ihm Raum, sich zu verändern.
Auch Selbstmitgefühl spielt eine wichtige Rolle. Die Psychologin Kristin Neff beschreibt es als freundliche, verständnisvolle Haltung dir selbst gegenüber, gerade in schwierigen Momenten (Neff, 2003). Wer sich selbst Halt gibt, muss weniger festhalten.
Lassen und Neurodivergenz: Warum es dir manchmal schwerer fällt
Hochsensibilität ist gut erforscht. Die Psychologin Elaine Aron beschreibt sie als besonders gründliche Reizverarbeitung, die etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen betrifft (Aron & Aron, 1997). Ein Nervensystem, das so genau hinschaut, speichert Eindrücke intensiver. Gespräche, Stimmungen und Erlebnisse wirken entsprechend länger nach.
Bei Hochbegabung und Vielbegabung kommt oft ein hoher Anspruch an dich selbst dazu. Du siehst, wie etwas noch besser sein könnte. Deshalb lässt du es ungern so, wie es ist. Mit ADHS kreisen Gedanken manchmal in Schleifen, während autistische Menschen Veränderungen oft als besonders anstrengend erleben, weil Vorhersehbarkeit ihnen Sicherheit gibt.
Dazu kommt: Diese Merkmale treten selten allein auf. Viele Menschen tragen mehrere davon in sich und genau diese Mischung macht ihr Erleben so reich. Niemand ist nur einfarbig.
Seit 1988 begleite ich außergewöhnliche Menschen und erlebe immer wieder: Dein Festhalten hat einen guten Grund. Es zeigt, wie ernst du nimmst, was dir begegnet. In der HOCHiX-Akademie arbeiten wir deshalb nach dem Prinzip Resonanz statt Reparatur. Wir verstehen deine Art und suchen Wege, die zu ihr passen.
Die Dimensionen des Lassens, mit denen du dich löst
Die erste Gruppe hilft dir, dich von etwas zu trennen, das dir nicht mehr entspricht.
Loslassen: Der erste Schritt zur Freiheit
Loslassen heißt, Dinge, Menschen oder Gedanken freizugeben. Viele HOCHiX-Menschen halten fest, weil Kontrolle ihnen Sicherheit schenkt. Hilfreich ist die Erkenntnis, dass Veränderung auch Gewinn bedeuten kann. Achtsamkeit unterstützt dich dabei, Gefühle zu bemerken, ohne von ihnen fortgerissen zu werden. Vertrauen in den Prozess ist der Schlüssel.
Entlassen: Bewusst Abschied nehmen
Entlassen geht einen Schritt weiter. Du verabschiedest dich vollständig von etwas, das nicht mehr zu dir gehört, etwa von einem Projekt, einer Rolle oder einer Beziehung. Weil HOCHiX-Menschen sich oft intensiv binden, kann das schmerzen. Rituale sind dabei eine echte Hilfe: In Studien von Michael Norton und Francesca Gino linderten Abschiedsrituale die Trauer nach Verlusten spürbar (Norton & Gino, 2014). Ein Brief, den du nie abschickst, oder ein bewusster letzter Gang können so ein Ritual sein.
Verlassen: Der Schritt ins Unbekannte
Verlassen bedeutet, vertraute Muster hinter dir zu lassen und dich auf Ungewissheit einzulassen. Perfektionismus macht diesen Schritt oft schwer, weil du alles richtig machen möchtest, bevor du gehst. Kleine Schritte bringen dich hier am weitesten. Jeder Neuanfang ist ein kreativer Akt. Was dabei in dir passiert, beschreibt der Artikel Wachstumszone, Komfortzone, Panikzone.
Die Dimensionen des Lassens, mit denen du dich öffnest
Die zweite Gruppe lädt dich ein, Neues in dein Leben zu holen.
Zulassen: Dir selbst Raum geben
Zulassen heißt, Möglichkeiten, Wünsche und Bedürfnisse zu empfangen, die du bisher vielleicht zurückgehalten hast. Viele HOCHiX-Menschen stellen die Erwartungen anderer an die erste Stelle. Zulassen beginnt mit der Erlaubnis, dass auch du zählst. Dein Selbstwert ist die Tür, durch die Neues zu dir kommt. Wie du aufhörst, dich für andere zu verbiegen, liest du im Artikel People Pleasing.
Einlassen: Mit Neugier ins Neue
Einlassen bedeutet, dich auf neue Erfahrungen, Ideen oder Menschen einzulassen. Gerade Vielbegabte lieben das Neue. Gleichzeitig kann die Fülle an Möglichkeiten überwältigen. Hilfreich ist es, dich jeweils ganz auf eine Sache einzulassen und dein Tempo selbst zu bestimmen. Neugier und Vertrauen tragen dich dabei.
Durchlassen: Gefühle fließen lassen
Durchlassen heißt, Gefühle und Erfahrungen ohne Widerstand durch dich hindurchfließen zu lassen. Feinfühlige Menschen neigen dazu, starke Emotionen zu kontrollieren. Forschung von James Gross zeigt jedoch, dass unterdrückte Gefühle den Körper zusätzlich belasten (Gross & Levenson, 1997). Ein Gefühl, das du fühlen darfst, findet seinen Weg hinaus. Dein Körper ist dabei ein verlässlicher Begleiter.
Die Dimensionen des Lassens, mit denen du dich entlastest
Die dritte Gruppe schenkt dir Ruhe und neue Kraft.
Sein lassen: Die Kunst der Akzeptanz
Sein lassen bedeutet, Dinge und Menschen so zu nehmen, wie sie sind. Für Menschen mit hohem Anspruch ist das eine echte Kunst, denn sie sehen ständig, was sich verbessern ließe. Die Akzeptanz- und Commitment-Therapie macht genau diese Haltung zum Kern: Du nimmst an, was ist. Danach wählst du, was dir wirklich wichtig ist (Hayes u. a., 1999). Pausen, in denen du einfach nur da bist, stärken diese Fähigkeit.
Ablassen: Druck verringern
Ablassen heißt, Druck abzubauen, bevor er dich überlastet. Viele HOCHiX-Menschen tragen viel Verantwortung und stellen hohe Erwartungen an sich selbst. Deine Grenzen sind wertvolle Informationen. Regelmäßige Erholung, realistische Ziele und ein freundliches Nein helfen dir, den Druck zu verringern. Wie das gelingt, zeigt der Artikel Nein sagen lernen als neurodivergenter Mensch.
Überlassen: Vertrauen statt Alleingang
Überlassen bedeutet, Verantwortung abzugeben: an andere Menschen, an die Zeit oder an das Leben selbst. Wer gewohnt ist, alles allein zu stemmen, erlebt hier oft große Erleichterung. Du darfst Aufgaben teilen und um Unterstützung bitten. Manches ordnet sich, sobald du es aus der Hand gibst.
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Reflexionsfragen für deinen Alltag ● Woran halte ich gerade fest, obwohl es mir nicht mehr guttut? ● Welches Gefühl möchte heute durch mich hindurchfließen? ● Was darf ich einfach sein lassen, so wie es ist? ● Welche Aufgabe könnte ich jemand anderem überlassen? ● Wofür bin ich bereit, mich neu zu öffnen? |
Häufige Fragen zum Loslassen lernen
Warum fällt Loslassen hochsensiblen Menschen oft schwerer?
Hochsensible Menschen verarbeiten Reize besonders gründlich (Aron & Aron, 1997). Erlebnisse, Gespräche und Gefühle wirken dadurch länger nach. Das Festhalten ist also eine natürliche Folge intensiver Wahrnehmung.
Was ist der Unterschied zwischen Loslassen und Zulassen?
Loslassen löst dich von etwas, das du bisher festgehalten hast. Zulassen öffnet dich für etwas, das du bisher abgewehrt hast. Beide Bewegungen ergänzen sich: Oft entsteht erst durch das Loslassen der Raum, in dem Neues zugelassen werden kann.
Kann man Loslassen lernen?
Ja. Lassen ist eine Fähigkeit, die mit Übung wächst. Achtsamkeit, Selbstmitgefühl und kleine Rituale helfen dir dabei, ebenso die Begleitung durch Menschen, die dein neurodivergentes Erleben verstehen.
Lassen ist ein Weg zur inneren Freiheit
Die neun Dimensionen des Lassens sind kraftvolle Begleiter für ein erfülltes Leben. Jede einzelne öffnet dir eine andere Tür: Du löst dich von Altem, öffnest dich für Neues und gönnst dir Entlastung. Erzwingen musst du dabei nichts. Lassen braucht Geduld, Vertrauen und Selbstmitgefühl.
Vielleicht beginnst du mit der Dimension, die dich heute am meisten anspricht. Jeder kleine Moment des Lassens macht dich ein Stück freier. So entsteht nach und nach ein Leben, das sich für dich wahr und stimmig anfühlt.
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Das Wichtigste zum Mitnehmen Lassen ist eine Fähigkeit, die du üben kannst. Deine Intensität ist dabei deine Verbündete, denn sie zeigt dir genau, was dich bewegt. Du darfst loslassen, zulassen und sein lassen, in deinem eigenen Tempo. |
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Möchtest du dein Nervensystem auch im Alltag sanft regulieren, begleitet dich der Selbstlernkurs Neurovaya mit körperbasierten Übungen, die speziell für neurodivergente Nervensysteme entwickelt wurden. |
Ich hoffe, ich habe das Geschenk deiner Zeit verdient.
Herzlichst
Anne
Quellen
Wegner, D. M., Schneider, D. J., Carter, S. R. & White, T. L. (1987). Paradoxical effects of thought suppression. Journal of Personality and Social Psychology, 53(1), 5-13.
Aron, E. N. & Aron, A. (1997). Sensory-processing sensitivity and its relation to introversion and emotionality. Journal of Personality and Social Psychology, 73(2), 345-368.
Neff, K. D. (2003). Self-compassion: An alternative conceptualization of a healthy attitude toward oneself. Self and Identity, 2(2), 85-101.
Gross, J. J. & Levenson, R. W. (1997). Hiding feelings: The acute effects of inhibiting negative and positive emotion. Journal of Abnormal Psychology, 106(1), 95-103.
Norton, M. I. & Gino, F. (2014). Rituals alleviate grieving for loved ones, lovers, and lotteries. Journal of Experimental Psychology: General, 143(1), 266-272.
Hayes, S. C., Strosahl, K. D. & Wilson, K. G. (1999). Acceptance and Commitment Therapy: An Experiential Approach to Behavior Change. New York: Guilford Press.
Perfektionismus, die Klette der Hochbegabten und Hochsensiblen. HOCHiX Akademie. https://hochix.com/perfektionismus-hochbegabt-hochsensibel/
Mut als Schlüssel zur Veränderung. HOCHiX Akademie. https://hochix.com/mut-als-schluessel-zur-veraenderung-ein-wortspiel-rund-um-den-mut-der-hochix-menschen/
Overthinking: Wenn dein Denken dich denkt. HOCHiX Akademie. https://hochix.com/overthinking-wenn-dein-denken-dich-denkt/








