NEURO Coaching Workshops | Dienstag, 09. Juni 18:00-19:30 Uhr: Warum deine Empathie deinen Klienten schadet - Jetzt anmelden

Alleingeborene Zwillinge – Die ausführlichen Symptome – Teil 2

Alleingeborene Zwillinge - die ausführlichen Symptome
Teilen oder merken

Kennst du das Gefühl, ständig einsam zu sein, auch wenn du in bester Gesellschaft bist? Bist du oft traurig, ohne erkennbaren Grund? Fühlst du dich häufig schuldig? Möglicherweise gehörst auch du zu den Menschen, die im Mutterleib einen Zwilling verloren haben. Denn ein großer Teil aller Zwillingsschwangerschaften endet für eines der Kinder noch vor der Geburt. Diese Menschen nennt man alleingeborene Zwillinge. In Teil 2 schauen wir uns die möglichen Symptome ausführlich an.

Lies dazu gern auch den ersten Teil dieser Serie mit den Grundlagen und im Anschluss den dritten Teil mit dem 6-Punkte-Programm zur Heilung. Die drei Artikel bauen aufeinander auf und ergänzen sich.

Für den überlebenden Zwilling ist der Verlust ein einschneidendes Ereignis, dessen mögliche Spuren sich durch sein ganzes Leben ziehen können. Der frühe Verlust geschieht oft für die Mutter unbemerkt. Die starke Verbindung zwischen den beiden Kindern aber bleibt bestehen und ist beim überlebenden Kind früh gespeichert.

Das Kind hatte sich bereits körperlich und seelisch an den Zwilling gewöhnt, seine erste nahe Bezugsperson neben der Mutter. Diese Verbundenheit sitzt daher ganz innen und zeigt sich bei den Betroffenen in vielschichtigen Empfindungen.

Menschen mit einem verlorenen Zwilling tragen auch viele schöne Eigenschaften in sich, die sich auf die frühe Prägung zurückführen lassen. Sie sind oft besonders aufmerksam, liebevoll und leidenschaftlich. Häufig sind sie ausgesprochen hochsensibel und sehr empathisch. Zudem fällt ihre Kreativität auf. Durch ihren hohen Anspruch an sich selbst können sie beruflich beachtliche Leistungen erbringen.

Eine Brücke zur Neurodivergenz

Vielleicht erkennst du dich in diesen Stärken wieder, weil du hochsensibel, hochbegabt oder anderweitig neurodivergent bist. Genau hier wird es spannend. Viele der gleich beschriebenen Symptome lesen sich wie eine Liste neurodivergenter Erfahrungen. Das bedeutet nicht, dass das eine das andere erklärt. Es lädt dich aber ein, beim Lesen genau hinzuspüren, was zu deinem Nervensystem gehört und was sich nach der Sehnsucht nach deinem Zwilling anfühlt.

Schmelzzwillinge und Fluchtzwillinge

Schmelzzwillinge

Schmelzzwillinge sind sehr verbunden und klammern sich oft stark an Freunde oder Partner, die den verlorenen Zwilling ersetzen sollen. Diese Menschen wenden sich daraufhin manchmal ab, weil sie sich eingeengt fühlen. Freundschaften und Partnerschaften mit anderen Schmelzzwillingen werden oft als am ehesten erfüllend beschrieben, da sie den Betroffenen annähernd die innige Liebe und Nähe geben können, die sie so dringend brauchen.

Fluchtzwillinge

Fluchtzwillinge dagegen meinen, sich nie mehr auf einen Partner einlassen zu können. Sie wollen ihr Herz nicht mehr weit öffnen und keine allzu starken Gefühle entstehen lassen. Dies geschieht aus der Angst, schon wieder einen geliebten, nahestehenden Menschen verlieren zu können. Diese Menschen ziehen sich zurück und leiden oft unter ihrer Einsamkeit.

Wenn sich Zwillingsverlust und Neurodivergenz überlagern

Wer in der HOCHiX-Akademie mit neurodivergenten Menschen arbeitet, erkennt ein vertrautes Muster wieder. Schwierigkeiten mit Nähe und Distanz, ein ausgeprägter Hauthunger oder das Gegenteil davon, Reizüberflutung und ein ständiges Suchen begegnen uns auch ganz ohne Zwillingsthema. Sie gehören für viele zum hochsensiblen, autistischen oder von ADHS geprägten Alltag.

Diese Überschneidung ist kein Problem, sondern ein Hinweis. Sie erinnert dich daran, vorschnelle Schlüsse zu vermeiden. Ein verlorener Zwilling ist eine von mehreren möglichen Wurzeln, niemals die einzige. Manche Empfindungen stammen aus deiner neurodivergenten Wesensart, manche aus früheren Erfahrungen und einige vielleicht aus dieser sehr frühen Geschichte.

So unterscheidest du behutsam

●      Frag dich, ob ein Gefühl dich seit jeher begleitet und zu deinem Wesen gehört oder ob es an eine Sehnsucht nach jemandem gebunden ist.

●      Achte darauf, ob bestimmte Symptome eher in Reizsituationen auftauchen, denn dann liegt oft eine sensorische Ursache nahe.

●      Nimm wahr, ob beim Gedanken an einen Zwilling eine eigene, leise Trauer auftaucht, die sich von allgemeiner Erschöpfung unterscheidet.

●      Hol dir fachliche Begleitung, wenn du beides nicht auseinanderhalten kannst. Das ist keine Schwäche, sondern Selbstfürsorge.

Mögliche psychische Auswirkungen

In der Seele

●      Berichte von Niedergeschlagenheit sowie von unerklärlichen Sehnsüchten und Schuldgefühlen. Die Schuld entsteht oft, weil der überlebende Zwilling dem anderen nicht helfen konnte oder weil er meint, dessen Platz eingenommen zu haben.

●      Unerklärliche Freude oder Traurigkeit, Einsamkeit und eine daraus folgende Kraftlosigkeit

●      Das Gefühl, allein, nicht verstanden, ausgeschlossen und nicht zugehörig zu sein, verbunden mit der Suche nach dem richtigen Partner oder Freund, den man unbewusst mit dem Zwilling verwechselt

●      Eifersucht, aus Angst, den Partner oder Freunde wie einst den Zwilling zu verlieren

●      Wenig Durchsetzungskraft und Probleme, Nein zu sagen, etwas zu fordern oder um Hilfe zu bitten

●      Der Drang, ständig andere Menschen retten zu wollen

●      Verschiedene Ängste, etwa Trennungsangst oder die Angst, eine Beziehung einzugehen

●      Eine Angst vor Berührungen, möglicherweise weil das lebende Kind den toten Zwilling im Mutterleib nicht berühren wollte

●      Ebenso möglich ist das Gegenteil, ein unstillbarer Hunger nach Berührung und Nähe, der sogenannte Hauthunger

●      Hochsensibilität, die hier sehr häufig auftaucht

Mögliche körperliche Auswirkungen

Im Körper

Ob die folgenden Beschwerden tatsächlich mit einem verlorenen Zwilling zusammenhängen, ist wissenschaftlich nicht gesichert. Sie werden als Beobachtungen aus der Praxis genannt, nicht als bewiesene Folgen.

●      Eine geschwächte Abwehr, Allergien oder Haarausfall

●      Beschwerden an Augen, Ohren, Darm, Muskeln und Haut, etwa Kurzsichtigkeit, Hörprobleme, Reizdarm, Verspannungen oder Neurodermitis

●      Veränderungen an der Wirbelsäule, vor allem eine Skoliose, manchmal so gedeutet, dass sich der Überlebende vom Zwilling wegdreht

●      Kinderlosigkeit oder Fehlgeburten, weil Betroffene ihre Kinder, wie den Zwilling, nicht bei sich halten können

●      Reduzierte körperliche Funktionen sowie Glieder-, Bauch- und Nackenschmerzen

●      Gelegentlich Gallensteine, Tumore oder eine Sehnenscheidenentzündung

●      In seltenen Fällen Einlagerungen des verstorbenen Zwillings, erkennbar als Zysten oder Teratome mit Spuren von Haaren, Zähnen oder Fingernägeln

Mögliche Verhaltensauffälligkeiten

Im Verhalten

●      Ein Ekel vor Menschen in der Nähe oder vor bestimmten Körperteilen, möglicherweise verbunden mit der Enge im Mutterleib

●      Daraus folgend manchmal die Angst vor engen Räumen, Tunneln oder Aufzügen

●      Eine Neigung zu beruflichen Niederlagen und die Sorge, es allein nicht zu schaffen

●      Bei Babys ein anhaltendes Schreien, in dem sich die frühe Sehnsucht zeigen kann

●      Ein ständiges Suchen, ohne zu wissen wonach, verbunden mit innerer Unruhe und dem Gefühl, nie anzukommen

●      Gedanken an den Tod oder eine Todessehnsucht, weil man dem Zwilling nah sein möchte, manchmal auch ein risikoreiches Leben

●      Perfektionismus und starke Selbstkritik, oft begleitet von Unzufriedenheit mit dem Erreichten

●      Beziehungsprobleme durch das Ringen zwischen Nähe und Distanz

●      Der Wunsch, möglichst nichts zu fühlen, häufige Partnerwechsel oder ein fehlender Kinderwunsch

●      Wiederkehrende Sätze wie Ich bin falsch oder Niemand ist richtig

●      Ein Kuscheltier oder ein Tier als wichtiger Ersatz für den Zwilling

●      Eine Neigung zu Doppelungen, etwa doppelt zu kochen oder für zwei zu arbeiten

●      Viel zu reisen, um den Zwilling in der Welt zu suchen

Erkennst du dich in den Symptomen wieder?

Wenn dich diese Aufzählungen berühren, atme erst einmal ruhig durch. Kein einzelnes Symptom beweist einen verlorenen Zwilling und die Liste ist keine Diagnose. Sie ist eine Einladung, genauer hinzuschauen und dich selbst freundlicher zu verstehen.

Es gibt verschiedene Wege, diese sehr frühen, schmerzlichen Erfahrungen zu verarbeiten. Möglich sind etwa Hypnoseverfahren oder eine Heilungsarbeit im körperwarmen Wasser, das die Gebärmutter nachstellt. Wichtig ist zunächst die Erkenntnis, dass du überhaupt einen verlorenen Zwilling haben könntest. Damit du dich wieder vollständig fühlen kannst, darf eine liebevolle Verbindung zu deinem Zwilling entstehen.

Im dritten Teil dieser Serie zeige ich dir das 6-Punkte-Programm Schritt für Schritt. Du lernst, Zugang zu deinem inneren Kind zu finden und es mit deinem erwachsenen Ich zu verbinden. Du übst, mit Reizüberflutung umzugehen und dich wieder natürlich abzugrenzen. Am Ende dürfen alle wichtigen Menschen aus der Rolle des Ersatzzwillings entlassen werden.

Bitte sorge gut für dich

Dieses Thema kann starke Gefühle wecken. Wenn dich Traurigkeit, Schuld oder gar Gedanken an Lebensmüdigkeit stark belasten, hole dir bitte fachliche Unterstützung. Eine Ärztin, ein Arzt oder eine Psychotherapeutin kann dir zur Seite stehen. Du musst diesen Weg nicht allein gehen.

Die Symptome alleingeborener Zwillinge sind vielfältig und manche überschneiden sich mit deinem neurodivergenten Erleben. Beides ernst zu nehmen ist kein Widerspruch. Du bist nicht zu viel und nicht falsch. Du trägst eine Geschichte in dir, die verstanden werden will.

Lies dazu auch den 1. Teil der Artikelserie (Grundlagen) und den 3. Teil (Heilung) 

Herzlichst
Anne


Quellen

Landy, H. J. & Keith, L. G. (1998): The vanishing twin: a review. Human Reproduction Update.

Piontelli, Alessandra (2002): Twins: From Fetus to Child. Routledge.

Austermann, Alfred & Bettina (2014): Das Drama im Mutterleib. Der verlorene Zwilling. Books on Demand.

Aron, Elaine N. (1997): The Highly Sensitive Person. Broadway Books.

Kommentare

8 Kommentare

  1. Dass ich diese Seite gefunden habe, hilft schon! Meine nach der Geburt gestorbene Zwillingsschwester wurde außer im Fotoalbum kaum erwähnt. Ich klammere stark, in Freundschaften wünsche ich mehr Enge und Tiefe…ich werde mich mehr mit der Thematik beschäftigen.

  2. Ich suche schon sehr lange nach Menschen, die mich verstehen und das gleiche/ähnliches erlebt haben. Mein Zwilling starb 10 Wochen vor der Geburt und ich musste 2 Wochen zusammen mit der Leiche meines Zwillings im Mutterleib bleiben, um selbst überleben zu können. Ich bin heute fast 20 Jahre alt und bin mein Leben lang damit beschäftigt, andere Menschen zu retten (wortwörtlich) ich bin Krankenschwester. Ich glaube, dass viele Betroffene sich nicht wundern, wenn ich sage, dass ich an den verschiedensten psychischen und physischen Erkrankungen leide. Oft in meinem Leben (von Tag 1 bis heute) stand ich dem Tod so oft näher als dem Leben… von Ärzten wurde ich nicht zu selten als „Wunder“ bezeichnet. Ich wurde von meiner leiblichen „Mutter“ damals im Krankenhaus in Berlin zurückgelassen und Allein gelassen. Auch meinen leiblichen Vater kenne ich nicht und keiner erwähnt oder nennt ihn..
    Ich wurde in 2 Pflegefamilien gegeben und wohne nun schon seit 2 Jahren alleine in einer Stadt. Daher war mein Leben nie leicht und ich hatte/habe viele Probleme. Aber ich weiß, dass vieles davon an dem Verlust meines Zwillings liegt. Ich würde es nicht mal als „nur negativ“ sehen. Ich habe viele besondere Fähigkeiten und kann Menschen sehr gut „lesen“. Ich „höre“ den Körper meines Gegenübers, auch wenn es verbal nichts zu hören gibt. Mein Zwilling wird immer in mir sein und seinen Platz haben. Das ist mir sehr wichtig.. und dies beeinflusste auch die Schuld-Gefühle, die ich habe.

    Ihr seid nicht verrückt wenn ihr Symptome verspürt oder aufzeigt…und auch recht seid ihr nicht Schuld an irgendetwas von all dem, was passiert ist.

    Es gibt Menschen die uns verstehen und die uns helfen wollen und können.

  3. Mein kürzlich verstorbener Ehemann war ein überlebender Zwilling. Er wusste es durch seine Familie.
    Er hat es immer wieder mal erwähnt. Leider wusste ich nichts darüber. Habe mich erst nach seinem Tod damit beschäftigt. Für mich ist erschreckend,
    dass mein Mann einige der hier aufgeführten Symptome hatte.
    Hätte ich mich vorher damit beschäftigt, hätte ich ihm vielleicht helfen können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Mehr zum Thema