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Essentials: Neurodivergenz
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Autoren
Anne Heintze
Harald Heintze
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Der einzige Ort, an dem Neurodivergenz nicht erklärt werden muss – hier wird sie gefeiert, verstanden und zur Quelle deiner größten Stärke gemacht. Für alle Menschen, die anders besonders sind.
Gefühlsblindheit: Jeder zehnte Mensch ist betroffen
Kennst du Menschen, die in bewegenden Momenten merkwürdig unberührt wirken? Vielleicht hast du das als Kälte gedeutet. Oft steckt etwas ganz anderes dahinter: Gefühlsblindheit. Rund jeder zehnte Mensch nimmt die eigenen Gefühle kaum wahr oder findet keine Worte dafür. In diesem Artikel liest du, was Alexithymie wirklich bedeutet, was die neue Hirnforschung darüber weiß und warum gerade hochsensible Menschen so oft an diese Grenze stoßen.
Auf unserer Website und in der HOCHiX-Akademie geht es fast immer um sensible Gefühle, intensive Wahrnehmung und ausgeprägte Empathie. Es gibt jedoch auch das Gegenstück und es verdient mindestens genauso viel Aufmerksamkeit. Die Rede ist von der Alexithymie, im Deutschen meist Gefühlsblindheit genannt.
Etwa 10% der Menschen sind betroffen
Etwa zehn Prozent aller Menschen sind davon betroffen. Ungefähr genauso viele Menschen gelten als hochsensibel. Wenn diese beiden Wesensarten aufeinandertreffen, prallen fast täglich Welten zusammen, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Die eine Seite spürt alles und manchmal zu viel. Die andere Seite spürt zwar auch, kann es aber nicht greifen.
Beschrieben wurde das Phänomen erstmals in den 1970er Jahren von den US-amerikanischen Psychiatern Peter Sifneos und John Nemiah. Der Begriff stammt aus dem Griechischen und heißt sinngemäß kein Wort für Gefühle. Seither hat die Wissenschaft viel dazugelernt, gerade in den vergangenen Jahren hat sich das Bild deutlich gewandelt.
Lass uns gemeinsam anschauen, was Gefühlsblindheit ausmacht, wie sie entsteht und wie ein verständnisvoller Umgang gelingt, ob in der Familie, im Beruf oder in der Partnerschaft.
Was Gefühlsblindheit eigentlich bedeutet
Menschen mit Alexithymie haben kaum Zugang zu ihren eigenen Gefühlen. Sie empfinden durchaus etwas, also Angst, Freude oder Schmetterlinge im Bauch. Sie wissen diese Regungen aber nicht als Gefühle zu deuten. Häufig nehmen Betroffene nur die körperliche Seite wahr, etwa einen Reizdarm, Herzklopfen oder innere Unruhe und halten das für ein rein körperliches Symptom.
Weil der Zugang zu den eigenen Gefühlen fehlt, fällt es ebenso schwer, sich in andere hineinzuversetzen. Manche Betroffene entwickeln über die Jahre ein angepasstes Verhalten, das sie aus den Reaktionen ihrer Umwelt ableiten. Dieses Verhalten bleibt jedoch Fassade. Das eigentliche Fühlen ist damit nicht gewonnen.
Wie bei vielen Persönlichkeitsmerkmalen gibt es Alexithymie in ganz unterschiedlichen Abstufungen. Je ausgeprägter sie ist, desto schwerer fällt den Betroffenen der Umgang mit ihrer Umwelt.
Keine Störung, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal
Lange galt Alexithymie als Persönlichkeitsstörung. Diese Sichtweise gilt heute als überholt. Aktuelle Forschung versteht Gefühlsblindheit nicht als eigenständige psychiatrische Erkrankung, sondern als ein Persönlichkeitsmerkmal, das bei jedem Menschen schwächer oder stärker vorhanden sein kann. In keinem der gängigen Diagnosesysteme wie ICD oder DSM taucht sie als eigene Krankheit auf.
Das ist eine wichtige Korrektur, denn sie nimmt den Betroffenen ein Etikett, das nie wirklich gepasst hat. Gefühlsblindheit ist kein Defekt und auch kein Charakterfehler. Sie beschreibt eine zeitlich recht stabile Eigenart, mit Gefühlen umzugehen. Erst wenn belastende Lebenssituationen hinzukommen, kann sie zum Risikofaktor werden, etwa für Depressionen, Angststörungen oder psychosomatische Beschwerden.
Untersuchungen zeigen außerdem, dass Männer häufiger betroffen sind als Frauen. Das erklärt manche Reibung in Partnerschaften, in denen ein Mensch nach emotionaler Sprache sucht, während der andere sie schlicht nicht zur Verfügung hat.
Die drei Gesichter der Alexithymie
Die Wissenschaft beschreibt Gefühlsblindheit heute über drei zentrale Merkmale, die meist zusammen auftreten. Wer sie kennt, erkennt das Phänomen leichter und nimmt es weniger persönlich.
Das erste Merkmal ist die Schwierigkeit, Gefühle zu erkennen. Betroffene können emotionale Zustände kaum voneinander unterscheiden und verwechseln sie oft mit körperlichen Empfindungen.
Das zweite Merkmal ist die Schwierigkeit, Gefühle in Worte zu fassen. Im Austausch mit anderen fehlen schlicht die Begriffe, um zu beschreiben, was innerlich vorgeht.
Das dritte Merkmal ist ein nach außen gerichtetes Denken. Der Blick richtet sich auf Fakten, Details und sachliche Abläufe, weniger auf das, was im Inneren geschieht.
Erst zusammen ergeben diese drei Merkmale das Bild, das wir Gefühlsblindheit nennen. Sie sind kein Unwille, sondern eine andere Art, die innere Welt zu verarbeiten.
Was dabei im Gehirn geschieht
Früher blieb Gefühlsblindheit reine Beobachtung. Heute lässt sie sich im Gehirn nachvollziehen. Eine Schlüsselrolle spielt die sogenannte Interozeption, also die Fähigkeit, Signale aus dem eigenen Körper wahrzunehmen und richtig zu deuten.
Verantwortlich dafür ist vor allem die Inselrinde, eine Hirnregion, die Körpersignale sammelt. Sie arbeitet eng mit dem vorderen cingulären Cortex zusammen, der diesen Signalen eine Bedeutung zuordnet. Bei Menschen mit Alexithymie ist die Verbindung zwischen diesen Regionen verändert. Das Herzklopfen kommt also an, die Übersetzung in das Gefühl Angst gelingt aber nicht.
Diese Erkenntnis verändert den Blick grundlegend. Gefühlsblindheit ist keine Frage von gutem Willen. Sie hat eine körperliche und neurologische Grundlage, die wir ernst nehmen sollten, statt sie als Sturheit oder Lieblosigkeit zu deuten.
Zum InnehaltenDenke an einen Menschen, der dir manchmal unnahbar erscheint. Frage dich einmal ehrlich: Will diese Person dich wirklich verletzen oder fehlt ihr schlicht der Zugang zu dem, was du so klar spürst? Und wie ist es bei dir selbst? Gibt es Momente, in denen dein Körper Alarm schlägt, du aber nicht benennen kannst, welches Gefühl gerade dahintersteckt? |
Wenn zwei Welten aufeinanderprallen
Emotionale Intelligenz entsteht erst dadurch, dass wir unsere eigenen Gefühle wahrnehmen. Erst wer das Eigene spürt, wird auch für die Gefühle anderer empfänglich. Genau hier liegt für hochsensible Menschen die größte Reibung, denn sie leben am anderen Ende dieser Skala.
Besonders spürbar wird das in einer Partnerschaft. Wer einen gefühlsblinden Menschen liebt, erlebt oft viel kühle Logik und vermisst zugleich Zärtlichkeit und Wärme. Eine kurze Umarmung sagt manchmal mehr als jede Diskussion. Für einen Betroffenen ist dieser Satz jedoch schwer nachvollziehbar, weil ihm der innere Resonanzraum dafür fehlt.
Hier hilft eine Unterscheidung, die vieles erleichtert. Da ist niemand, der dich ärgern will. Da ist niemand boshaft und da ist jemand schlicht blind für das, was du so deutlich siehst. Diese Einsicht nimmt den Schmerz nicht ganz, aber sie nimmt ihm die Schärfe.
Genauso wichtig ist es, die eigene Seite zu kennen. Wer sehr feinfühlig ist, neigt dazu, jedes Schweigen zu deuten und jede knappe Antwort auf sich zu beziehen. Du ersparst dir viel Grübeln, wenn du dir bewusst machst, dass dein Gegenüber oft keine verborgene Botschaft sendet. Manchmal ist eine sachliche Antwort einfach nur sachlich gemeint.
Wie Gefühlsblindheit entsteht
Zur Entstehung gibt es mehrere Erklärungen, die sich nicht ausschließen. Eine geht davon aus, dass Betroffene in den prägenden Jahren der Kindheit in einer gefühlsarmen Umgebung aufgewachsen sind. Wo niemand Gefühle benennt und zeigt, fehlt schlicht das Vorbild, um diese Sprache zu lernen.
Eine zweite Erklärung sieht die Wurzel in einem belastenden oder traumatischen Erlebnis. Wer Schweres nicht verarbeiten kann, schützt sich manchmal, indem er Gefühle abschottet. Diese Schutzreaktion kann zur Gewohnheit werden und den Zugang zur eigenen Gefühlswelt dauerhaft verschließen.
Auch eine erbliche Komponente gilt heute als wahrscheinlich. Wenn ein Elternteil betroffen ist, zeigt sich die Tendenz oft auch beim Kind. Das spricht dafür, früh hinzuschauen, gerade in Familien, in denen emotionale Sprache wenig vorkommt.
Alexithymie und Neurodivergenz
Ein wichtiger Befund der letzten Jahre betrifft den Zusammenhang mit Autismus. Studien zeigen, dass viele autistische Menschen zugleich Merkmale von Alexithymie aufweisen, je nach Untersuchung zwischen rund der Hälfte und bis zu vier von fünf Betroffenen.
Bemerkenswert ist die Schlussfolgerung daraus. Manche Eigenschaften, die lange als typisch autistisch galten, etwa Schwierigkeiten mit Mimik oder mit emotionalem Ausdruck, gehen offenbar gar nicht auf den Autismus selbst zurück, sondern auf die begleitende Gefühlsblindheit. Beides lässt sich also feiner unterscheiden, als man früher dachte.
Spannend ist auch ein neuerer Befund zur Reizverarbeitung. Forschende vermuten, dass Alexithymie ein Bindeglied zwischen Autismus und einer besonders empfindlichen Sinneswahrnehmung sein könnte. Die Art, wie jemand Reize aufnimmt und die Art, wie er Gefühle deutet, hängen offenbar enger zusammen als lange angenommen.
Auch für hochsensible und hochbegabte Menschen ist dieser Zusammenhang bedeutsam. Neurodivergenz kommt selten allein. Wer die eigene Wahrnehmung besser verstehen will, gewinnt viel, wenn er Gefühlsblindheit als ein mögliches Teilstück im großen Bild kennt.
Kann sich Gefühlsblindheit verändern?
Lange galt Alexithymie als feste Größe, an der sich kaum etwas ändern lässt. Neuere Untersuchungen zeichnen ein hoffnungsvolleres Bild. Zwar bleibt das Merkmal als Veranlagung relativ stabil. Zahlreiche Studien zeigen jedoch, dass sich der Zugang zu Gefühlen durchaus verbessern lässt.
Eine begleitende Therapie kann hier viel bewegen. Offen bleibt manchmal, ob daraus echtes Fühlen wird oder eher ein besseres Reagieren auf die Gefühle anderer. Selbst der zweite Weg ist schon ein Gewinn, denn er macht das Zusammenleben spürbar leichter.
Hilfreich ist die Therapie nicht nur für Betroffene, sondern auch für ihre Angehörigen. Wer versteht, dass die scheinbare Kälte zur Person gehört und keine Reaktion auf das eigene Verhalten ist, kann gelassener bleiben. Allein die Aufklärung über das Phänomen räumt schon viele Missverständnisse aus dem Weg.
Was du tun kannst, wenn du Gefühlsblindheit vermutest
Die erste Erkenntnis ist oft eine große Erleichterung. Viele Missverständnisse haben nichts mit deiner ausgeprägten Sensibilität zu tun, sondern mit dem Mangel an emotionalem Ausdruck beim Gegenüber.
Für das, was danach kommt, gibt es kein festes Rezept. Es hilft, was fast immer hilft, wenn Menschen sehr verschieden ticken: Toleranz, Rücksicht, Geduld und gute Kommunikation. Sprich aus, was du brauchst, statt darauf zu warten, dass es jemand errät. Frage nach, statt aus Schweigen das Schlimmste zu schließen.
Wenn du selbst vermutest, dass dir der Zugang zu Gefühlen schwerfällt, sei freundlich mit dir. Du bist nicht kaputt und nicht zu wenig. Du verarbeitest deine innere Welt nur anders. Mit Begleitung lässt sich vieles erweitern, in deinem eigenen Tempo.
Gefühlsblindheit zeigt uns, wie verschieden Menschen ihre innere Welt erleben. Die einen spüren beinahe zu viel, die anderen suchen nach Worten für etwas, das sie kaum greifen können. Beide Seiten leiden, wenn sie einander für böswillig halten. Beide gewinnen, sobald sie verstehen, was wirklich geschieht.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft. Wir müssen einander nicht gleich machen, um gut miteinander zu leben. Wir dürfen verschieden bleiben und uns trotzdem mit Respekt begegnen. Aufklärung ist dabei der erste Schritt, denn sie verwandelt stille Vorwürfe in echtes Verstehen.
Gefühlsblindheit ist keine Kälte und keine Krankheit, sondern ein erschwerter Zugang zu den eigenen Gefühlen. Sie zeigt sich in drei Merkmalen, hat eine neurologische Grundlage und tritt oft gemeinsam mit anderer Neurodivergenz auf. Du kannst niemanden zum Fühlen zwingen. Aber du kannst Verständnis schenken, klar kommunizieren und deinen eigenen Zugang zu Gefühlen Schritt für Schritt erweitern.
Herzlichst,
Anne
Quellen
Sifneos, P. E., 1973, The Prevalence of Alexithymic Characteristics in Psychosomatic Patients, Psychotherapy and Psychosomatics.
Ernst, J. u. a., 2014, The Association of Interoceptive Awareness and Alexithymia with Neurotransmitter Concentrations in Insula and Anterior Cingulate, Social Cognitive and Affective Neuroscience.
Kinnaird, E., Stewart, C., Tchanturia, K., 2019, Investigating Alexithymia in Autism. A Systematic Review and Meta-Analysis, European Psychiatry.
Luminet, O., Bagby, R. M., Taylor, G. J., 2018, Alexithymia. Advances in Research, Theory, and Clinical Practice, Cambridge University Press.
Mehr über Gefühlsblindheit:
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Hier ist ein kurzer Clip aus einem Workshop über Alexithymie:
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3 Kommentare
Hallo ich habe gemerkt dass soweit alles von dem hier auf mich zutrifft ich weiß jetzt nur nicht so Recht wie ich da vorgehen soll aber trotzdem danke es hatte einige Fragen geklärt die ich hatte
Ich habe einen Freund von dem ich mich gerade trenne.. Auf den all das passt. Er kann auch keine Gefühle zeigen od Worte dafür finden.. In seiner Kindheit muss auch was anders gelaufen sein als bei mir. Denn statt küssen wenn man sich gern hat, mag er nur Beißen und sagt auch er beißt ja kein den er nicht gern hat. Er kann keine Freude zeigen wenn man ihm eine Überraschung macht od zu Weihnachten ein tolles Geschenk was er sich gewünscht hat.. Er kann nicht reden.. Selbst jetzt wo ich gesagt habe das ich nicht weiß ob ich das mit uns noch möchte. Ich schlafe seit Wochen im Wohnzimmer. Er konnte mir immer nur schreiben, das er ja merkt das etwas is u er wollte eigentlich das Gespräch suchen.. Hat aber dann am nächsten Tag getan als wenn nix wäre.. Auch jetzt nach dem Gespräch wo ich geredet habe u er nur schwieg u die Situation verlassen hat.. Mir zwei Tage aus dem weg gegangen is.. Ist es als wenn er so tut das nix wäre.. Erst als ich mich weiterhin zurück gezogen habe da kam von ihm als er auf arbeit war.. Das er eigentlich das Gespräch noch einmal suchen wollte.. Das es aber schwer is einem Moment zu finden indem er über uns reden möchte..
Er kann keine Komplimente annehmen.. Und auch selber keine machen.. Er kann nur sagen wenn ihm etwas nicht gefällt. Mir fällt es sehr schwer u tut es auch leid das ich diesen Schritt jetzt gehen will.. Denn ich denke schon das es ihm wehtut er es nur nicht zeigen kann.. Aber ich kann so nicht weiterleben. Einer von beiden wird immer unglücklich sein. Er kann ja meine Gefühle auch nicht annehmen.. Wenn ich ihn küssen möchte od kuscheln od mal eine Umarmung.. Ich kann es geben von mir aus.. Aber es schmerzt wenn der andere es nicht annehmen kann. Weiß nicht wie es die nächsten Tage wird.. Habe ehrlich gesagt auch Angst.. Das er vielleicht doch etwas wie Wut zeigen kann od mich nicht gehen lässt. Achso u wenn ich mal krank war od es einem überhaupt nicht gut ging.. Selbst da kann er einen nur ärgern.. Kitzeln u Beißen
Alexithymie ist keine Persönlichkeitsstörung , wie andere Persönlichkeitsstörungen , die im ICD10 oder DSM5 erwähnt werden, sondern ein Merkmal einer Persönlichkeit.