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Anne Heintze
Harald Heintze
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Der einzige Ort, an dem Neurodivergenz nicht erklärt werden muss – hier wird sie gefeiert, verstanden und zur Quelle deiner größten Stärke gemacht. Für alle Menschen, die anders besonders sind.
Roger Bannister, ein Zeigefinger und die Wahrheit über dein Gehirn
Was Neuroplastizität für Menschen mit ADHS, Autismus, Hochbegabung, Vielbegabung, Hochsensibilität und Hochsensitivität wirklich verändert.
Was Roger Bannister 1954 mit der Vier-Minuten-Meile bewies und was eine Studie der Cleveland Clinic über Muskelkraft durch bloße Vorstellungskraft zeigte, gehört zum Bedeutsamsten, was die Neuroplastizitätsforschung je geliefert hat. Besonders für Menschen mit ADHS, Autismus, Hochbegabung, Vielbegabung, Hochsensibilität und Hochsensitivität gilt: Gedanken formen Realität. Neurodivergente Gedankenmuster lassen sich durch neue Gedanken überschreiben.
Zu sensibel, zu zerstreut, zu …
Vielleicht kennst du das Gefühl, seit Jahrzehnten gegen eine unsichtbare Wand zu laufen. Du hörst seit Kindertagen, du seist zu viel oder zu wenig. Zu sensibel, zu zerstreut, zu intensiv, zu kompliziert und zu unrealistisch. Diese Stimmen sind irgendwann zu deinen eigenen geworden. Sie sind so leise und so vertraut, dass du gar nicht mehr merkst, wie sie dich klein halten.
Was wäre, wenn du erfährst, dass diese Wand kein Naturgesetz ist? Was wäre, wenn die Wissenschaft längst bewiesen hat, dass dein Gehirn fähig ist, sich neu zu verkabeln und dass es deine eigenen Gedanken sind, die diese Verkabelung steuern?
Zwei Geschichten zeigen das eindrücklicher als jede Theorie. Die erste handelt von einem Mann, der eine Mauer durchbrach, an die die ganze Welt geglaubt hatte. Die zweite handelt von einem Zeigefinger, der durch reine Vorstellungskraft kräftiger wurde. Beide Geschichten gehören zu den wichtigsten Beweisstücken der Neuroplastizitätsforschung und beide sind besonders bedeutsam für neurodivergente Menschen.
Wenn du hochsensibel, hochsensitiv, hochbegabt, vielbegabt oder vom autistischen Spektrum bist, wenn du mit ADHS lebst oder Züge davon trägst, lies bis zum Ende. Du wirst dich danach anders verstehen. Vor allem aber wirst du verstehen, warum du dich verändern kannst, ohne dich verbiegen zu müssen.
Was am 6. Mai 1954 wirklich passierte
Bis zu diesem Tag galt es als wissenschaftliche Gewissheit, dass der menschliche Körper außerstande sei, eine Meile in unter vier Minuten zu laufen. Ärzte hatten das erklärt. Das Herz würde versagen, hieß es und die Welt glaubte das kollektiv und einheitlich.
Roger Bannister glaubte es anders.
Er lief die Meile am 6. Mai 1954 in 3:59,4 Minuten. Das Erstaunliche folgte danach. Bereits sechs Wochen später lief John Landy die gleiche Distanz in 3:57,9 Minuten. Innerhalb weniger Jahre knackten Dutzende Läufer die Vier-Minuten-Grenze, die jahrzehntelang für unüberwindlich gehalten worden war.
Was hatte sich verändert? Die Physiologie des menschlichen Körpers hatte sich in sechs Wochen mit Sicherheit nicht verändert. Was sich verändert hatte, war das kollektive Wissen darüber, was möglich ist. Sobald die Grenze einmal überquert worden war, fiel sie in den Köpfen aller anderen ebenfalls.
Bannister hatte sich diese Leistung jahrelang vorgestellt. Er visualisierte jede Phase des Laufs, jede Kurve, jeden Atemzug. Sein Gehirn hatte die Vier-Minuten-Meile bereits unzählige Male gelaufen, bevor seine Beine es taten. Das ist keine esoterische Geschichte. Das ist Wissenschaft. Das ist Neuroplastizität.
Und mehr noch: Es zeigt, wie machtvoll kollektive Glaubenssätze sind. Solange alle einig waren, dass etwas unmöglich sei, war es das auch. Sobald ein einziger Mensch das Gegenteil bewies, öffnete sich ein Möglichkeitsraum für viele. Genau dieser Mechanismus wirkt auch dort, wo Menschen jahrzehntelang gehört haben, sie seien zu sensibel, zu zerstreut, zu intensiv, zu kompliziert.
Muskeln, die sich Bewegung nur vorstellen, die Cleveland Clinic Studie
Vinoth Ranganathan und sein Team an der Cleveland Clinic Foundation in Ohio untersuchten 2004, was passiert, wenn Menschen Übungen ausschließlich im Kopf ausführen, ohne ihren Körper dabei zu bewegen. Die Studie erschien unter dem Titel „From mental power to muscle power. Gaining strength by using the mind“ im Fachjournal Neuropsychologia.
30 junge, gesunde Probanden wurden in drei Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe trainierte über zwölf Wochen täglich physisch die Abduktionskraft des Kleinfingers. Eine zweite Gruppe stellte sich diese Übung nur vor, saß still und bewegte keinen Finger, eine Kontrollgruppe tat gar nichts.
Das Ergebnis war eindeutig. Die physisch trainierende Gruppe steigerte ihre Muskelkraft nach zwölf Wochen um rund 53 Prozent. Die Gruppe, die ausschließlich mental trainiert hatte, steigerte ihre Kleinfingerkraft um rund 35 Prozent und die Kontrollgruppe blieb, wo sie war.
Lass diesen Befund einen Moment sacken. Menschen, die einen Muskel über Wochen ausschließlich in der Vorstellung bewegt haben, wurden dadurch messbar stärker.
Das Gehirn unterscheidet zwischen gelebter und vorgestellter Erfahrung erheblich weniger scharf, als lange angenommen wurde. Neuronale Bahnen, die durch Vorstellung aktiviert werden, werden real gestärkt. Was wir uns vorstellen, hinterlässt Spuren im Nervensystem. Aus diesen Spuren entstehen mit der Zeit Straßen. Aus Straßen werden Autobahnen.
Bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomographie zeigen heute: Beim mentalen Üben einer Bewegung feuern dieselben motorischen Hirnareale wie beim tatsächlichen Ausführen. Das Gehirn macht also kaum einen Unterschied zwischen Tun und Sich-Vorstellen. Genau diese Verwechslung ist nicht etwa ein Fehler. Sie ist eine seiner größten Stärken. Sie öffnet jedem Menschen die Tür, sich neu zu denken, lange bevor er sich neu erlebt.
Neuroplastizität, das Gehirn, das sich selbst umschreibt
Neuroplastizität beschreibt die Fähigkeit des Gehirns, sich strukturell und funktionell zu verändern. Neue neuronale Verbindungen entstehen, bestehende werden gestärkt oder geschwächt, je nachdem, was wir denken, fühlen, erleben und uns vorstellen.
Das Gehirn ist kein fertiges Werk, es ist ein Organ in permanenter Entwicklung, das auf Erfahrungen reagiert, auf erlebte wie auf vorgestellte.
Jeder Gedanke, den du wiederholst, wird zur Autobahn. Jeder Gedanke, den du fallen lässt, verblasst. Neue Gedanken, die du übst, werden mit der Zeit zur neuen Gewissheit. Das klingt einfach. Es ist komplex. Vor allem aber ist es möglich.
Warum das für neurodivergente Menschen besonders wichtig ist
Wer mit ADHS aufgewachsen ist, hat oft jahrzehntelang gehört, er sei zu unruhig, zu vergesslich, zu impulsiv. Wer hochbegabt ist, hat gehört, er stelle sich an oder sei anstrengend, weil er zu viel fragt und zu weit denkt. Menschen mit Autismus wurden trainiert, sich zu verhalten, als wären sie jemand anderes. Hochsensible und hochsensitive Menschen haben gelernt, dass ihre Wahrnehmungstiefe ein Problem sei. Vielbegabte haben erfahren, dass ihr breites Interesse ein Mangel an Fokus wäre.
Diese Sätze sitzen tief. Sie sind durch jahrelange Wiederholung zu inneren Autobahnen geworden. Wer hundertmal gehört hat, er sei zu viel, glaubt es irgendwann auch, wenn niemand mehr es sagt. Es ist dann ein Gedanke, der ganz allein in dir lebt und dich von innen heraus formt.
Genau deshalb ist Neuroplastizität für neurodivergente Menschen so bedeutsam.
Was durch Wiederholung entstanden ist, kann durch Wiederholung verändert werden. Das ist keine Hoffnung. Das ist Biologie.
In der HOCHiX-Akademie erleben wir diesen Moment oft. Klientinnen und Klienten kommen mit einer alten Geschichte über sich selbst. Sie gehen mit einer neuen. Nicht, weil ihr Wesen sich verändert hätte, sondern weil sie aufgehört haben, sich gegen ihre Natur zu erzählen. Sie hören auf, sich zu hinterfragen. Sie beginnen, sich zu verstehen. Verstehen statt Optimieren. Genau darum geht es.
Gedanken überschreiben, wie Wiederholung neue Realität schafft
Bannister hat die Vier-Minuten-Meile täglich visualisiert, über Jahre. Die Probanden der Cleveland Clinic haben täglich mental trainiert, über Monate. Neuroplastizität braucht Wiederholung. Einen anderen Gedanken. Wieder und wieder.
Das bedeutet konkret: Der Gedanke „Ich bin zu viel“ wird durch einen einzigen anderen Gedanken zunächst nur angefragt. Aber durch den Gedanken, der heute, morgen und übermorgen wieder gedacht wird, entsteht eine neue Bahn. Zunächst schmal. Dann breiter. Dann selbstverständlich.
Das Gehirn eines hochsensitiven Menschen, der gelernt hat, seine Wahrnehmungstiefe als Fähigkeit zu erleben, sieht anders aus als das Gehirn desselben Menschen, der sie als Belastung erlebt. Das Gehirn eines Menschen mit ADHS, der gelernt hat, seine besondere Fokussierungsweise zu verstehen und zu nutzen, entwickelt sich anders als unter der dauerhaften Erfahrung des Scheiterns.
Hochsensibilität, Hochsensitivität, Hochbegabung, Vielbegabung, Autismus, ADHS: Das sind neuronale Besonderheiten, für die neue Gedankenmuster entstehen können. Gedankenmuster, die aus einer einzigen Erkenntnis heraus wachsen. Was ich mir vorstellen kann, kann ich auch erfahren.
Wie du diese Erkenntnis in deinen Alltag holst
Du musst keine Olympiavorbereitung absolvieren, um deine eigene Neuroplastizität zu nutzen. Drei Bewegungen reichen für den Anfang.
Bemerke deinen Gedanken. Halte mehrmals am Tag inne und höre dir selbst zu. Welche Sätze laufen gerade durch dich hindurch? Wahrscheinlich sind viele davon nicht von dir, sondern von Menschen, die dich früher beurteilt haben.
Forme einen neuen Satz. Nicht weichgespült, nicht künstlich. Einen Satz, der wahr klingt und freundlich. Aus „Ich bin zu viel“ wird zum Beispiel „Ich nehme tief wahr. Das ist meine Art.“ Aus „Ich kann mich nie konzentrieren“ wird „Mein Gehirn arbeitet in Schüben. Das ist seine Art.“
Wiederhole ihn. Nicht ein- oder zweimal. Täglich. Morgens, abends, im Spiegel, im Auto, beim Spaziergang. Stell dir vor, wie du diesen Satz lebst. Sieh dich darin. Spür ihn körperlich nach. Genau das hat Bannister getan. Genau das haben die Probanden in Cleveland getan.
In der HOCHiX-Akademie nennen wir diesen Weg Verstehen statt Optimieren. Du musst dich nicht in eine andere Person verwandeln. Du musst nur aufhören, die alten Sätze zu wiederholen, die nie zu dir gehört haben. Genau das macht Coaching, das auf Neurodivergenz zugeschnitten ist, so unterschiedlich zu klassischen Mindset-Programmen. Es zwingt dich nicht in eine Norm. Es lässt dich Spuren legen, die zu deinem Nervensystem passen.
Warum dein Gehirn ein besonders kräftiger Verbündeter ist
Es gibt einen Punkt, der hochsensible, hochbegabte und vielbegabte Menschen freuen darf. Genau die Fähigkeiten, die im Alltag oft als Belastung erlebt werden, sind in der Welt der Neuroplastizität ein Vorteil.
Wer tief wahrnimmt, kann sich Dinge tief vorstellen. Wer bildhaft denkt, sieht innere Szenen mit hoher Auflösung und wer ein lebhaftes inneres Erleben hat, aktiviert die entsprechenden Hirnareale besonders kräftig. Genau das ist die Voraussetzung, damit Neuroplastizität wirken kann. Dein Gehirn ist also nicht nur empfindsam. Es ist auch besonders empfänglich für neue Geschichten über dich.
Wenn du das einmal verstanden hast, kippt dein Selbstbild. Was bisher als Schwäche galt, wird zu einem Werkzeug. Dein lebendiges Innenleben ist nicht das Problem. Es ist die Antwort.
Drei Fragen für dein Gehirn Diese Fragen darfst du heute ehrlich für dich beantworten: ● Welcher alte Satz über dich läuft seit Jahrzehnten in dir? Schreib ihn auf. ● Welcher neue Satz wäre wahrer und freundlicher? Formuliere ihn klar. ● Wo, wann und wie oft am Tag wirst du den neuen Satz hörbar wiederholen? ● Welches Bild von dir möchtest du dir in zehn Jahren ansehen können? |
Nichts ist unmöglich?
Roger Bannister ist 1954 in eine Welt gelaufen, die ihm gesagt hatte, es sei unmöglich. Vinoth Ranganathan hat 2004 gezeigt, dass Vorstellung Muskeln formt. Beides ist heute Standardwissen der Neurowissenschaft.
Du musst nichts beweisen. Du darfst aber wissen, dass dein Gehirn fähig ist, dich neu zu erfinden. Auch nach Jahrzehnten. Auch nach vielen alten Geschichten. Auch dann, wenn du gerade zweifelst.
Roger Bannister hat es bewiesen. Ein Zeigefinger in Cleveland hat es bestätigt. Dein Gehirn kann das auch.
Dein Gehirn glaubt, was du ihm immer wieder erzählst. Wähle ab heute bewusst, welche Sätze du wiederholst. Was du dir vorstellst, wird mit der Zeit zu deiner Wirklichkeit. Neurodivergent zu sein heißt nicht falsch zu sein. Es heißt, ein besonders empfängliches Gehirn zu besitzen, das sich besonders treu nach deinen Gedanken formt. Nutze diese Fähigkeit.
Ich hoffe, ich habe das Geschenk deiner Zeit verdient.
Sonnige Grüße
von Anne
Quellen
Ranganathan, V. K., Siemionow, V., Liu, J. Z., Sahgal, V., & Yue, G. H., 2004, From mental power to muscle power. Gaining strength by using the mind, Neuropsychologia, 42(7), 944–956. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/14998709/
Bannister, R., 1955, First Four Minutes, Putnam (autobiografische Quelle zur visualisierten Vier-Minuten-Meile).
Doidge, N., 2008, Neustart im Kopf. Wie sich unser Gehirn selbst repariert, Campus Verlag.
HOCHiX Akademie, kostenlose Online-Tests für neurodivergente Menschen, www.hochix.com.








