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Essentials: Neurodivergenz
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Autoren
Anne Heintze
Harald Heintze
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Der einzige Ort, an dem Neurodivergenz nicht erklärt werden muss – hier wird sie gefeiert, verstanden und zur Quelle deiner größten Stärke gemacht. Für alle Menschen, die anders besonders sind.
Kannst du Gefühlsblindheit erkennen und verstehen?
Kennst du das Gefühl, jemandem gegenüberzustehen, der einfach nicht zu spüren scheint, was in ihm vorgeht? Bei Gefühlsblindheit, in der Fachsprache Alexithymie, ist genau das der Fall. Rund zehn Prozent aller Menschen können ihre eigenen Gefühle kaum wahrnehmen oder benennen. In diesem Artikel erfährst du, wie Gefühlsblindheit entsteht, was die neue Hirnforschung dazu sagt und warum gerade hochsensible Menschen davon besonders herausgefordert werden.
Die Wirkung von Gefühlsblindheit
Manche Menschen wirken auf dich kühl, sachlich oder seltsam unberührt, selbst in Momenten, die dich innerlich aufwühlen. Vielleicht hast du dich schon gefragt, ob sie überhaupt etwas empfinden. Häufig steckt dahinter keine Kälte, sondern ein Phänomen mit einem eigenen Namen.
Dieses Phänomen heißt Gefühlsblindheit oder Alexithymie. Betroffene haben große Mühe, ihre eigenen Gefühle zu erkennen und in Worte zu fassen. Im Schnitt trifft das auf etwa zehn Prozent aller Menschen zu. Ebenso viele Menschen sind hochsensibel, was die Begegnung dieser beiden Welten besonders spannungsreich macht.
Erstmals beschrieben wurde Alexithymie im Jahr 1973 von den US-amerikanischen Psychiatern Peter Sifneos und John Nemiah. Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet sinngemäß kein Wort für Gefühle. Seither hat die Forschung viel dazugelernt, gerade in den letzten Jahren.
Lass uns gemeinsam anschauen, wie Gefühlsblindheit entsteht, was dabei im Gehirn geschieht und wie ein achtsamer Umgang gelingen kann, ob im Beruf, in der Familie oder in der Partnerschaft.
Was Gefühlsblindheit bedeutet
Gefühlsblindheit ist keine Krankheit, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal. Betroffene spüren durchaus körperliche Regungen, etwa Herzklopfen oder einen flauen Magen. Der Schritt von dieser Körperempfindung zum passenden Gefühl gelingt ihnen jedoch nur schwer. Sie merken, dass etwas in ihnen vorgeht, können es aber nicht benennen.
Fachleute beschreiben drei zentrale Merkmale. Zunächst fällt es schwer, eigene Gefühle überhaupt zu erkennen. Ebenso schwer fällt es, sie in Worte zu fassen. Schließlich richtet sich das Denken stark nach außen auf Fakten und Konkretes, statt nach innen auf das eigene Erleben.
Wichtig ist eine Klarstellung. Alexithyme Menschen sind nicht gefühllos. Ihr Körper reagiert auf Freude, Angst oder Trauer genauso wie deiner. Nur der bewusste Zugang zu diesen Gefühlen ist erschwert. Stell dir ein Telefon vor, bei dem die Leitung gestört ist. Das Signal ist da, es kommt nur nicht klar an.
Wie Alexithymie entsteht
Damit ein Mensch seine Gefühle benennen kann, muss er das in der Kindheit erst lernen. Dieser Lernprozess hängt stark von den frühen sozialen Beziehungen ab. Ein Kind ordnet körperliche Signale wie Herzklopfen oder Schwitzen nach und nach Begriffen wie Aufregung oder Angst zu. Dabei braucht es einfühlsame Bezugspersonen, die seine Gefühle spiegeln und benennen.
Bleibt diese liebevolle Begleitung aus, kann sich Gefühlsblindheit entwickeln. Emotionale Vernachlässigung in den ersten Lebensjahren gilt als eine der Hauptursachen. Wächst ein Kind in einer Familie auf, in der Gefühle kaum gezeigt oder benannt werden, fehlt ihm schlicht das Vorbild.
Daneben spielen weitere Faktoren eine Rolle. Forschende gehen von genetischen Einflüssen aus, denn Alexithymie tritt in manchen Familien gehäuft auf. Sind ein Elternteil oder beide selbst gefühlsblind, überträgt sich das oft auf die Kinder. Auch belastende oder traumatische Erfahrungen können den Zugang zu Gefühlen verschütten. In diesem Fall wirkt die Gefühlsblindheit wie ein Schutzschild gegen zu schmerzhafte Empfindungen.
Was die Hirnforschung heute zeigt
Die jüngere Forschung wirft ein neues Licht auf das Phänomen. Im Zentrum steht ein Begriff, der lange wenig Beachtung fand, die Interozeption. Damit ist die Fähigkeit gemeint, Signale aus dem eigenen Körper wahrzunehmen, etwa Herzschlag, Atem oder Anspannung. Genau diese innere Wahrnehmung ist bei gefühlsblinden Menschen verändert.
Bildgebende Studien zeigen, dass dabei zwei Hirnregionen besonders wichtig sind. Die vordere Inselrinde und der vordere cinguläre Cortex verbinden Körpersignale mit bewusstem Gefühlserleben. Bei alexithymen Menschen arbeiten diese Regionen anders. Der Brückenschlag vom Körper zum benennbaren Gefühl gelingt dadurch schwerer.
Das erklärt eine vertraute Beobachtung. Manche Betroffene deuten Herzklopfen nicht als Angst, sondern fürchten ein Herzleiden. Aus einer rein subjektiven Erfahrung wird so ein nachvollziehbarer Vorgang im Gehirn. Bemerkenswert ist, dass sich Interozeption üben lässt. Genau hier setzen moderne Ansätze an, um den verschütteten Zugang behutsam wieder freizulegen.
Die drei Gesichter der GefühlsblindheitGefühle erkennen: Das Wahrnehmen eigener Emotionen fällt schwer. Der Körper sendet Signale, doch sie bleiben rätselhaft. Gefühle beschreiben: Selbst wenn eine Regung spürbar ist, fehlen oft die Worte, um sie auszudrücken. Blick nach außen: Das Denken richtet sich auf Fakten und Konkretes, während das innere Erleben in den Hintergrund tritt. |
Emotionaler Analphabetismus und der Fokus auf Fakten
Forschende sprechen manchmal vom emotionalen Analphabetismus. Dieses Bild trifft es gut. Wer nicht lesen kann, ist nicht dumm, ihm fehlt nur ein bestimmtes Werkzeug. Ähnlich verhält es sich mit Gefühlen. Den Betroffenen fehlt nicht das Gefühl, sondern die Sprache dafür.
Weil die Gefühlsebene schwer zugänglich ist, verlagert sich der Fokus auf die Sachebene. Alexithyme Menschen orientieren sich an Fakten und klaren Zielen. Das prägt ihr Denken, ihr Handeln und ihre Art zu kommunizieren. In manchen Situationen ist das sogar ein Vorteil, etwa wenn ein kühler Kopf gefragt ist.
Schwierig wird es im zwischenmenschlichen Miteinander. Vieles, was zwischen den Zeilen geschieht, nehmen Betroffene nicht oder falsch wahr. Manche passen sich gezielt an und lächeln, weil sie gelernt haben, dass es erwartet wird. Über längere Zeit wirkt ihr Auftreten dann oft etwas steif, mit sparsamer Mimik und Gestik.
Von leicht bis stark: die Ausprägungsgrade
Gefühlsblindheit ist nicht bei jedem Menschen gleich stark. Bei einer schwachen Ausprägung bleiben die Folgen oft gering oder fallen kaum auf. Viele Betroffene führen ein zufriedenes Leben und empfinden ihre sachliche Art selbst gar nicht als Problem.
Bei stärkeren Formen kann sich das anders darstellen. Wer keinerlei Verbindung zwischen Gefühlszustand und Körper herstellt, ist häufig verunsichert, sobald der Körper Signale sendet. Ein Herzklopfen wird dann nicht als Aufregung verstanden, sondern als bedrohliches Symptom. Aussagen über die eigene Gesundheit fallen entsprechend schwer.
In ausgeprägten Fällen kann sich das sogar auf das Wohlbefinden auswirken. Anhaltende Anspannung, die nicht als Gefühl erkannt wird, sucht sich oft einen körperlichen Ausdruck. Umso wertvoller ist es, die eigene Art früh zu verstehen und liebevoll mit ihr umzugehen.
Gefühlsblindheit und Neurodivergenz
Besonders aufschlussreich ist der Zusammenhang mit anderen neurodivergenten Merkmalen. Untersuchungen zeigen, dass Alexithymie bei autistischen Menschen viel häufiger vorkommt als im Durchschnitt. Je nach Studie ist etwa jede zweite autistische Person betroffen, während es in der übrigen Bevölkerung rund zehn Prozent sind.
Lange wurde fehlende Gefühlswahrnehmung vorschnell dem Autismus selbst zugeschrieben. Neuere Forschung zeichnet ein anderes Bild. Nicht der Autismus an sich, sondern eine begleitende Alexithymie erklärt viele Schwierigkeiten beim Erkennen von Gefühlen. Beides kann zusammen auftreten, ist aber nicht dasselbe.
Eine Arbeit aus dem Jahr 2025 geht noch weiter. Sie legt nahe, dass Gefühlsblindheit und eine erhöhte Reizempfindlichkeit teils dieselben genetischen Wurzeln haben. Damit rückt die Alexithymie ins Zentrum, wenn es um das Verständnis von Wahrnehmung und Gefühl bei neurodivergenten Menschen geht.
Wenn Hochsensible auf Gefühlsblinde treffen
Für hochsensible Menschen ist die Begegnung mit Gefühlsblindheit besonders fordernd. Du nimmst feinste Stimmungen wahr, liest in Blicken und spürst, was unausgesprochen im Raum liegt. Triffst du auf einen Menschen, dem dieser Zugang fehlt, prallen zwei sehr verschiedene Welten aufeinander.
In Partnerschaften zeigt sich das oft schmerzhaft. Möchte ein hochsensibler Mensch Trauer ausdrücken, wird das von der alexithymen Person vielleicht als Wut gedeutet. Solche Missverständnisse häufen sich rasch. Es ist, als sprächen beide eine andere Sprache und keiner versteht die des anderen so richtig.
Ein neuer Gedanke verdient hier Beachtung. Hochsensibilität und Gefühlsblindheit schließen sich nicht zwingend aus. Manche Menschen nehmen Reize sehr fein wahr und finden trotzdem schwer Worte für ihre Gefühle. Sich selbst gut zu kennen, ist deshalb so wertvoll. In der HOCHiX-Akademie findest du einen kostenlosen Hochsensibilitätstest, der dir eine erste Orientierung gibt.
Reflexionsfragen für mehr VerständnisKennst du einen Menschen, dessen sachliche Art kühl wirkt, der dich aber vielleicht nur anders erlebt? Wie reagierst du, wenn dein Gegenüber deine Gefühle nicht zu erkennen scheint? Wie gut gelingt es dir selbst, deine eigenen Gefühle in Worte zu fassen? |
Wege zu mehr Zugang zu den Gefühlen
Gefühlsblindheit ist kein starres Schicksal. Da sich Interozeption trainieren lässt, kann auch der Zugang zu den eigenen Gefühlen wachsen. Ein erster Schritt ist die bewusste Aufmerksamkeit für den Körper. Wo spüre ich gerade Anspannung? Was macht mein Atem? Solche Fragen öffnen behutsam die verschüttete Leitung.
Hilfreich ist außerdem, Körperempfindungen und Gefühle miteinander zu verknüpfen. Wer lernt, ein Engegefühl in der Brust als Sorge zu deuten, gewinnt nach und nach eine Sprache für sein Inneres. Dieser Weg braucht Geduld, Übung und meist eine einfühlsame Begleitung.
Genau hier kann gutes Coaching ansetzen. Coaches, die in der HOCHiX-Akademie ausgebildet wurden, unterstützen neurodivergente Menschen dabei, sich selbst besser zu verstehen. Manchmal reicht schon das Wissen um die eigene Art, um Druck herauszunehmen. Aus Selbstvorwürfen wird Selbstannahme und aus Missverständnissen wird ein achtsames Miteinander.
Verständnis als Brücke zwischen zwei Welten
Gefühlsblindheit zeigt, wie unterschiedlich Menschen die Welt der Gefühle erleben. Der eine spürt jede Regung, der andere ringt um Worte für das, was in ihm vorgeht. Keine dieser Arten ist besser oder schlechter. Sie sind schlicht verschieden.
Wenn du das verstehst, fällt vieles leichter. Du nimmst die sachliche Art deines Gegenübers weniger persönlich und reagierst gelassener. Zugleich darfst du deine eigene feinfühlige Wahrnehmung als wertvoll begreifen. Verständnis auf beiden Seiten ist der Schlüssel, um gegenseitige Verletzungen zu vermeiden.
Gefühlsblindheit ist keine Kälte, sondern ein erschwerter Zugang zu den eigenen Gefühlen. Sie hat oft frühe Wurzeln, zeigt sich im Gehirn und tritt häufig gemeinsam mit anderen neurodivergenten Merkmalen auf. Du kannst weder dich noch andere zum Fühlen zwingen. Aber du kannst Verständnis schenken, achtsam kommunizieren und deinen eigenen Zugang zu den Gefühlen Schritt für Schritt stärken.
Herzlichst
Anne
Quellen
Sifneos, P. E., 1973, The Prevalence of Alexithymic Characteristics in Psychosomatic Patients, Psychotherapy and Psychosomatics.
Ernst, J. u. a., 2014, The Association of Interoceptive Awareness and Alexithymia with Neurotransmitter Concentrations in Insula and Anterior Cingulate, Social Cognitive and Affective Neuroscience.
Kinnaird, E., Stewart, C., Tchanturia, K., 2019, Investigating Alexithymia in Autism. A Systematic Review and Meta-Analysis, European Psychiatry.
Translational Psychiatry, 2025, Alexithymia May Explain the Genetic Relationship Between Autism and Sensory Sensitivity, Nature.
Hier ist ein kurzer Clip aus einem Workshop über Alexithymie:
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