Kannst du Gefühlsblindheit erkennen und verstehen?

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Unter Gefühlsblindheit oder Alexithymie versteht man ein bestimmtes Persönlichkeitsmerkmal von dem im Schnitt 10% aller Menschen betroffen sind. Betroffene Personen zeichnen sich durch ein gewisses Maß an Unfähigkeit aus, ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen: Es gelingt ihnen meist nur über körperliche Symptome, die sie gelernt haben zu interpretieren. Da auch 10% aller Menschen hochsensibel und/oder hochsensitiv sind, scheinen Konflikte vorprogrammiert.

Beschrieben wurde das Phänomen der Alexithymie erstmals im Jahre 1973 durch die US-amerikanischen Psychiater Peter Emanuel Sifneos und John Case Nemiah. Das Fundament hierfür wurde durch die Tatsache gelegt, dass man bei Menschen, welche unter Epilepsie litten und sich deshalb einer Lobotomie unterzogen hatten, gewisse emotionale Defizite feststellten konnte.

Wie zeigt sich Alexithymie / Gefühlsblindheit?

Damit du besser verstehst, wann und wie Gefühlsblindheit bei einer hiervon betroffenen Person ihren Anfang nimmt, sollte erst einmal geklärt werden, worauf das Gefühlsleben eines Menschen aufbaut. Um zu erlernen, wie man Emotionen wahrnimmt und ausdrückt, ist zunächst ein in der menschlichen Entwicklung fest verankerter Lernprozess von Nöten, welcher stark von den jeweiligen sozialen Interaktionen beeinflusst wird. Aus diesem Grund können hierbei auch diverse Fehler passieren.

Den Nährboden dieses Prozesses bilden wiederum die angeborenen Primärgefühle wie Freude, Trauer, Neugier oder Angst. Jene stehen wiederum mit einem jeweils spezifischen Muster körperlicher Reaktionen in Verbindung. Ein Beispiel hierfür ist im Falle des Gefühls der Angst die Ausschüttung von Adrenalin.

Nach außen hin kommuniziert werden jene Empfindungen hauptsächlich über die Mimik. Du hast vielleicht auch schon einmal beobachtet wie noch sehr kleine Kinder bereits lange bevor sie sagen können „Ich freue mich.“ das Gefühl der Freude z. B. über lautes Juchzen ausdrücken. Um jedoch klar denken und formulieren zu können „Ich freue mich.“, muss besagtes Kind erst den bereits erwähnten Entwicklungsprozess durchmachen.

Durchläuft die Person jedoch nicht alle dafür notwendigen Entwicklungsschritte, kann es zum Auftreten von Alexithymie kommen. Negative soziale Interaktion des Kindes mit seiner Umgebung stellt die Hauptursache solcher Fehlentwicklungen dar. Weil hier von Prozessen die Rede ist, welche alle noch in der anfänglichen Entwicklung eines Menschen liegen, tritt Gefühlsblindheit meistens auch bereits in der frühen Kindheit auf. Hiernach bleibt sie bestehen und beeinflusst praktisch das gesamte spätere Leben des betroffenen Menschen, von dessen Sozialverhalten bis hin zu seiner Berufs- und Partnerwahl.

Welche Ursachen gibt es für Alexithymie / Gefühlsblindheit?

Diesbezüglich stehen heute sowohl genetische, als auch entwicklungspsychologische Gründe im Raum. Ein Bespiel für Letzteres kann emotionale Vernachlässigung während eines frühen Stadiums der Kindheit sein. Schließlich lernt jedes Kind erst durch seine Eltern oder andere Bezugspersonen körperliche Symptome wie z. B. Herzklopfen oder Schwitzen Begriffen wie Angst oder Nervosität zuzuordnen. In Familien mit einer allgemein eher gefühllosen sozialen Interaktion gestaltet sich das natürlich schwierig.

Ebenso ist es denkbar, dass ein Elternteil oder sogar beide selbst schon alexithym sind.

Studien haben ergeben, dass dieser Umstand sich direkt auf die jeweiligen Kinder auswirkt. In solchen Fällen wird dazu geraten, dass sich Eltern und Kinder gemeinsam in Therapie begeben.

Eine weitere mögliche Ursache stellen traumatische Erfahrungen dar. Auch diese haben sich oft zu einem eher frühen Zeitpunkt in der Kindheit ereignet und somit die emotionale Entwicklung beeinträchtigt. In Bezug hierauf kannst du dir das Phänomen der Alexithymie als eine Art Schutzschild vorstellen. Die entsprechende Person musste schon so viele negative Dinge durchleben, dass sie irgendwann angefangen hat sich gegen besonders quälende, also besonders intensive, Emotionen abzuschirmen.

Hierdurch ist sie nach und nach blind gegenüber allen stärkeren Gefühlen geworden. Klassische Beispiele für derartig schwerwiegende Traumata sind sowohl physischer, als auch sexueller Missbrauch.

Laut neueren Forschungsergebnissen können auch oral eingenommen Verhütungsmittel einen negativen Effekt auf die Fähigkeit haben nach außen kommunizierte Gefühle zu erkennen und zu verstehen. Darauf deuten die Resultate entsprechender Tests hin, in denen Frauen, die derartige Mittel zu sich nahmen mit solchen verglichen wurden, auf die dies nicht zutraf.

Emotionaler Analphabetismus

Eine Metapher, die Forscherinnen und Forscher in diesem Zusammenhang häufig verwenden und die dir vielleicht auch hilft das Ganze besser zu verstehen, ist jene des emotionalen Analphabetismus. Flapsig könnte man auch sagen, Menschen mit Alexithymie sprechen von Emotionen wie Taube von schöner Musik.

Sowohl Trauer, als auch Freude kann von den Betroffenen weniger bis gar nicht empfunden werden. Als Außenstehende oder Außenstehender würdest du dies vielleicht als Gleichgültigkeit und demzufolge eher unangenehm empfinden.

Weil die Betroffenen selbst jene emotionale Ebene, die du vielleicht sehr stark empfindest, weniger oder gar nicht wahrnehmen, liegt ihr Fokus umso mehr auf der Sachebene. Sie orientieren sich an Fakten. Das betrifft sowohl ihr Denken und Handeln, als auch ihre Art zu kommunizieren. Selbstverständlich ist jene sachliche Ebene bei jedem anderen Menschen ebenfalls vorhanden. Aber während du vielleicht beide Faktoren gleichermaßen wahrnimmst und entsprechend abwägen kannst, herrscht bei Personen mit Alexithymie ein merkliches Ungleichgewicht in Richtung Sachebene, zu Ungunsten der Gefühlsebene.

Es wäre jedoch falsch anzunehmen, Alexithyme seien gefühllos.

Zumindest ihr Körper reagiert auf Situationen, welche wiederum bestimmte Reaktionen auslösen, genauso wie deiner. Allerdings sind sie sich der Verbindung zwischen jenen Reaktionen und der Gefühlsebene weniger oder gar nicht bewusst. Metaphorisch könntest du hierbei an ein Telefon denken, bei dem die Verbindung gestört ist. Oder du stellst dir einen Tunnel vor, welcher auf die Gefühlsebene führt.

Bei Menschen mit Gefühlsblindheit ist dieser verschüttet, was die Verbindung zu jener Ebene erheblich erschwert. Letztlich verfügen die betroffenen Personen jedoch über genauso viele Gefühle wie du. Ihre treten aufgrund des erschwerten Zugangs lediglich weniger differenziert und somit schwerer unterscheidbar zu Tage. In manchen Fällen nimmt die betroffene Person zwar den Unterschied zwischen den Ebenen der Gefühle und körperlicher Reaktionen wahr, ist allerdings nicht im Stande diesen richtig einzuordnen.

Jene grundsätzlich andere Herangehensweise im Bezug auf Entscheidungsprozesse wirkt sich selbstverständlich auch auf das soziale Umfeld des jeweiligen Menschen aus, vor allem, wenn Hochsensible und Hochsensitive in seinem Umfeld sind. Weil Alexithyme die Gefühlsebene zur Entscheidungsfindung weniger oder gar nicht nutzen können (im Gegensatz zu hochsensiblen Menschen) geschieht dies hauptsächlich auf Grundlage der Sachebene.

Das tangiert allerspätestens dann andere Personen, wenn auch die jeweils getroffene Entscheidung Außenstehende mit beeinflusst. Ist beispielsweise deine Vorgesetzte oder dein Vorgesetzter alexithym, so hat Vieles von dem, was jene Person entscheidet, einen direkten Bezug zu dir.

Auch würdest du beobachten können, dass Betroffene einen beträchtlichen Teil dessen, was eher subtil abläuft, entweder gar nicht wahrnehmen oder falsch einordnen, während du als hochsensibler Mensch viele Kleinigkeiten und feine Details wahrnimmst.

Ganz besonders stark kommt dies für gewöhnlich in Partnerschaften zum Vorschein. Wie du dir vorstellen kannst, erschwert es die zwischenmenschliche Kommunikation erheblich, wenn eine hochempathischer Partnerin oder der Partner z. B. das Gefühl der Trauer zum Ausdruck bringen will, dies von der alexithymen Person jedoch als Wut wahrgenommen wird. Oft wünschen sich Menschen, die ihr Leben mit so jemandem verbringen, von dieser Person daher mehr Offenheit und Einfühlungsvermögen.

Das Ganze lässt sich auch sehr gut am Beispiel der Partnerwahl veranschaulichen.

Während du deine Partnerin oder deinen Partner wahrscheinlich auf der Grundlage einer tief empfundenen emotionalen Zuneigung auswählst, stehen für alexithyme Menschen mehr sachliche Beweggründe wie Geld oder gesellschaftlicher Status im Vordergrund. Es geht also weniger um Gefühle, als um ein klar definiertes Ziel, an welchem sich orientiert wird. Und genau diese Orientierung bildet die Grundlage für alle zu treffenden Entscheidungen. Du kannst also nicht sagen, gefühlsblinde Menschen entscheiden sich grundsätzlich besser oder schlechter. Sie haben eben nur eine andere Herangehensweise.

Inwieweit die betroffene Person bzw. ihr jeweiliges soziales Umfeld davon beeinflusst wird, hängt letztlich jedoch auch stark vom Ausprägungsgrad der Alexithymie ab. Denn einerseits gibt es gefühlsblinde Menschen, denen jene Eigenschaft weniger bis gar keine Probleme bereitet und andererseits solche, die sich deshalb mit unterschiedlich starken körperlichen sowie psychischen Leiden konfrontiert sehen.

Unterschiedliche Ausprägungsgrade der Alexithymie/Gefühlsblindheit?

Bei einer sehr schwachen Ausprägung können sich die daraus resultierenden Probleme im Minimalbereich befinden oder sogar komplett ausbleiben.

Bei besonders starken Fällen von Alexithymie sind sogar Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit möglich. Ursächlich hierfür ist die Tatsache, dass solche Gefühlsblinden keinerlei Verbindung zwischen ihrem Gefühlszustand und ihrer körperlichen Verfassung erkennen. Dadurch sind sie häufig verwirrt, wenn es darum geht die Gründe bestimmter körperlicher Symptome auszumachen. Beispielsweise deuten sie typisches Herzklopfen nicht als Zeichen von Angst, sondern befürchten stattdessen ein ernsthaftes Herzleiden. Somit fällt es ihnen sehr schwer sichere Aussagen über ihren Gesundheitszustand zu treffen.

Ist Alexithymie ein problematisches Verhalten?

Alexithyme Menschen selbst empfinden dieses Persönlichkeitsmerkmal häufig nicht unbedingt als Problem. Und wie du dir vorstellen kannst, gibt ihnen das tägliche Leben manchmal recht. Schließlich können sich tatsächlich Situationen ergeben, in denen es erfolgversprechender ist, weniger emotional zu reagieren, ruhig zu bleiben und den Fokus so weit wie möglich auf die Sachebene zu legen.

Da sie sowohl die eigenen Gefühle, als auch die anderer Menschen gar nicht oder nur schwach wahrnehmen können, beginnen manche Gefühlsblinde sich gezielt an ihr soziales Umfeld anzupassen. So kann es dir beispielsweise passieren, dass, wenn eine alexithyme Person lacht, sie dies nur tut, weil der Instinkt ihr sagt, du erwartest genau das in jenem Moment. Sprichwörtlich kommt dieses Gelächter jedoch nicht „von Herzen“.

Aus diesem Grund gelten Menschen mit Gefühlsblindheit häufig als sehr gute Schauspielerinnen und Schauspieler.

Und um Problemen im sozialen Bereich aus dem Weg zu gehen, erweist sich diese Strategie der Anpassung häufig als erfolgreich. Allerdings wirkt das Auftreten der Betroffenen über einen längeren Zeitraum hinweg betrachtet relativ steif. Was in diesem Zusammenhang sehr stark auffällt, ist die häufig nur minimal ausgeprägte Gestik und Mimik.

Ihre Fokussierung auf das Sachliche sorgt außerdem dafür, dass Alexithyme häufig zu allem, was auf der menschlichen Fantasie beruht, wenig Zugang finden. Dessen Wert wird oftmals gar nicht erkannt und so etwas deshalb aufgrund seiner scheinbaren Nutzlosigkeit sogar abgelehnt. Folglich ist auch die Kreativität weniger bis gar nicht ausgeprägt.

Für Hochsensible und Hochsensitive ist Gefühlsblindheit herausfordernd

Die Kommunikation zwischen HochiX-Menschen und Gefühlsblinden ist vielleicht vergleichbar, wie wenn Menschen mit völlig unterschiedlichen Sprachen aufeinander treffen und sehr wenig bis keine Ahnung von der Sprache des anderen haben. Die Konflikte sind vorprogrammiert.

Hier sind wir alle dazu aufgerufen, sehr achtsam und bewusst mit einander umzugehen, um gegenseitige Verletzungen zu vermeiden.

Herzlichst 
Anne

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