NEURO Coaching Workshops | Wird geladen...

Wenn Intensität auf Stille trifft: Was passiert, wenn ein hochsensibler Mensch einen Menschen mit Alexithymie liebt

Wenn Intensität auf Stille trifft: Was passiert, wenn ein hochsensibler Mensch einen Menschen mit Alexithymie liebt
Teilen oder merken

Hochsensibilität, Hochsensitivität und Alexithymie sind zwei Formen von Neurodivergenz, die sich am gegenüberliegenden Ende desselben Spektrums bewegen. Treffen sie aufeinander, in einer Partnerschaft, einem Team oder einer Freundschaft, entsteht eine der schmerzhaftesten und am häufigsten missverstandenen Dynamiken überhaupt. Dieser Artikel zeigt dir, was dahintersteckt und wie aus Missverständnis Verständnis werden kann, gerade bei neurodivergenten Menschen mit Autismus, ADHS, Hochbegabung oder Vielbegabung.

Stell dir zwei Menschen vor. Die eine spürt alles. Sie betritt einen Raum und liest die Stimmung, bevor ein Wort gesprochen wurde. Sie nimmt die feinste Verschiebung im Tonfall ihres Gegenübers wahr, registriert ein Zögern, eine winzige Bewegung im Gesicht. Das ist Hochsensibilität, eine Form der Neurodivergenz, bei der Reize und Emotionen mit hoher Auflösung verarbeitet werden.

Der andere fühlt auch. Sein Herz schlägt schneller, sein Magen zieht sich zusammen, sein Körper reagiert auf die Welt wie jeder andere Körper. Doch zwischen dieser körperlichen Erregung und dem bewussten Erkennen liegt eine Lücke. Er kann nicht benennen, was in ihm vorgeht, weil das Signal nie als greifbares Gefühl in seinem Bewusstsein ankommt. Das ist Alexithymie.

Wenn diese beiden Menschen sich begegnen, entsteht eine Dynamik, die so schmerzhaft wie vermeidbar ist. Sie verstehen sich nicht, weil sie davon ausgehen, dieselbe Sprache zu sprechen. Das tun sie aber nicht.

Zwei Menschen, zwei völlig verschiedene Sprachen

Vielleicht erkennst du dich in einer der beiden Beschreibungen wieder, oder du liebst jemanden, der ganz anders fühlt als du. Genau hier beginnt das Missverständnis. Die eine Person erlebt Gefühle in voller Lautstärke und in vielen Schattierungen. Die andere erlebt sie als diffuse körperliche Zustände, für die ihr die Worte fehlen.

In der HOCHiX-Akademie begegnen uns beide Erfahrungswelten immer wieder, denn hochsensible und neurodivergente Menschen leben oft in Beziehungen, in denen sich diese Unterschiede täglich zeigen. Wer versteht, dass es sich um zwei verschiedene Sprachen handelt, hört auf, das Gegenüber an den eigenen Maßstäben zu messen.

Was Alexithymie wirklich ist

Hier liegt das erste große Missverständnis. Alexithymie bedeutet nicht, dass jemand keine Gefühle hat. Menschen mit Alexithymie verlieben sich, erleben Freude und leiden wie alle anderen. Der Kern des Problems liegt darin, dass sie das Empfundene schwer in Worte fassen können.

Der Mechanismus dahinter wird in der Forschung als Decoupling beschrieben. Die körperliche Erregung, die ein Gefühl begleitet, wird vom bewussten Erleben dieser Erregung entkoppelt. Der Körper fühlt, das Bewusstsein bekommt keine Worte dafür.

Bei autistischen Menschen ist Alexithymie deutlich häufiger als in der Allgemeinbevölkerung. Eine Metaanalyse fand eine Prävalenz von rund 50 Prozent gegenüber etwa 5 Prozent bei neurotypischen Menschen. Dabei ist sie kein Kernmerkmal des Autismus, sondern ein eigenständiges, oft begleitendes Phänomen, das auch bei ADHS, Hochbegabung und Vielbegabung auftreten kann.

Die schmerzhafte Asymmetrie

Jetzt treffen die beiden aufeinander. Die hochsensible Person erwartet emotionale Resonanz, ein Mitschwingen, eine sprachliche Spiegelung dessen, was im Raum passiert. Sie gibt viel und hofft, dass das Gegenüber ähnlich antwortet.

Der Mensch mit Alexithymie empfindet vielleicht genauso viel, kann es aber nicht zurückspiegeln. Genau hier dreht sich die Dynamik ins Schmerzhafte. Die Forschung ist an dieser Stelle deutlich. Schwierigkeiten, die eigenen Gefühle und die des Partners zu verstehen, Probleme beim Mitteilen emotionaler Bedürfnisse sowie das Ausbleiben emotionaler Unterstützung bilden einen fruchtbaren Boden für Unzufriedenheit, Rückzug und Konflikte.

Die hochsensible Person liest das Schweigen als Desinteresse, als Kälte, vielleicht als Ablehnung. Sie fragt sich, was sie falsch gemacht hat. Der Mensch mit Alexithymie wiederum erlebt sich unter Dauerdruck, ständig etwas liefern zu sollen, das ihm der eigene Zugang verwehrt. Alexithymie wurde mit einem unsicher vermeidenden Bindungsstil in Verbindung gebracht, der von Angst vor dem Verlassenwerden und Unbehagen bei emotionaler Nähe geprägt ist. Beide ziehen sich zurück, jeder aus seinem eigenen Schmerz heraus.

Warum beide recht haben

Das Tragische an dieser Konstellation ist, dass niemand schuld ist. Die hochsensible Person ist nicht zu fordernd und der Mensch mit Alexithymie ist nicht kalt. Sie arbeiten schlicht mit völlig unterschiedlicher emotionaler Hardware.

Ein wichtiger Hinweis zur Forschung gehört an dieser Stelle dazu, weil Ehrlichkeit hier mehr hilft als ein schönes Bild. Viele Studien zu Alexithymie und Empathie stützen sich auf Selbstauskunft. Ein Mensch, der seine Gefühle schwer benennt, gibt auch in einem Empathiefragebogen niedrige Werte an, ganz unabhängig davon, wie viel er tatsächlich mitschwingt.

Die verbreitete Aussage, Alexithymie bedeute fehlende Empathie, ist deshalb mit Vorsicht zu lesen. Wahrscheinlicher ist, dass die emotionale Beteiligung vorhanden ist, dass aber der Übersetzer zwischen Körper, Bewusstsein und Sprache fehlt. Genau dieser Unterschied entscheidet darüber, ob eine Beziehung als hoffnungslos oder als gestaltbar erlebt wird.

Drei Fragen, die du dir stellen kannst

●      Deute ich das Schweigen meines Gegenübers automatisch als Ablehnung, obwohl es vielleicht ein Übersetzungsproblem ist?

●      Erwarte ich, dass der andere von selbst spiegelt, was mir offensichtlich erscheint?

●      Wenn mir Worte für Gefühle fehlen, könnte mein Körper mir zeigen, was gerade in mir vorgeht?

Was hilft, wenn Intensität auf Stille trifft

Die gute Nachricht: Diese Dynamik lässt sich verändern, sobald beide verstehen, womit sie es zu tun haben.

Für den hochsensiblen Menschen heißt das, das Schweigen des anderen neu zu deuten. Fehlende Worte sind ein Übersetzungsproblem, kein Beziehungsurteil. Die Erwartung, dass der andere von selbst spiegelt, was offensichtlich erscheint, führt verlässlich in die Enttäuschung.

Für den Menschen mit Alexithymie heißt es, den Körper als Zugang zu nutzen statt das Gefühl direkt zu suchen. Wo eine Anspannung sitzt, ob sich der Schlaf verändert, wann der Körper Energie verliert, all das sind benennbare Daten, die als Brücke zum Gefühl dienen. Psychologische Begleitung, die auf emotionale Bewusstheit abzielt, kann soziale Kommunikation und Angstsymptome bei Autismus verbessern und langfristig nützen. Emotionale Bewusstheit ist trainierbar, sie ist keine feste Größe.

Resonanz statt Reparatur

Für beide gilt dasselbe Prinzip, das unsere ganze Arbeit in der HOCHiX-Akademie trägt. Es geht um Resonanz statt Reparatur. Keiner der beiden muss zum anderen werden.

Es geht darum, eine gemeinsame Sprache zu bauen, in der die Intensität der einen und die Stille des anderen nebeneinander Platz haben. Neurodivergente Menschen, die diese Übersetzungsarbeit gemeinsam leisten, entdecken oft eine Form von Nähe, die ohne das anfängliche Missverständnis nie entstanden wäre. In der HOCHiX-Akademie verstehen wir Neurodivergenz nicht als etwas, das repariert werden müsste, sondern als eine andere Art zu fühlen und zu lieben, die ihren eigenen Wert hat.

Du musst dich nicht ändern, um geliebt zu werden und der Mensch an deiner Seite muss es auch nicht. Wenn ihr lernt, eure beiden Sprachen zu übersetzen, entsteht eine Nähe, die echter ist als jede mühelose Übereinstimmung. Genau dort, wo Intensität und Stille einander begegnen, kann etwas wachsen, das beide trägt.

Möchtest du verstehen, wie sich Neurodivergenz in deinen Beziehungen zeigt und wie aus Missverständnis echtes Verständnis wird? In den NEURO Coaching Workshops in der HOCHiX-Akademie bekommst du genau dafür wertvolle Impulse. Informationen zu den Themen und zur Anmeldung findest du hier: https://hochix.com/neuro-coaching/

Ich hoffe, ich habe das Geschenk deiner Zeit verdient.

Herzlichst
Anne

 

Quellen

Kinnaird, E., Stewart, C. & Tchanturia, K. (2019): Investigating alexithymia in autism: A systematic review and meta-analysis. European Psychiatry.

Bird, G. & Cook, R. (2013): Mixed emotions: the contribution of alexithymia to the emotional symptoms of autism. Translational Psychiatry.

Oakley, B. F. M. et al. (2022): Alexithymia in autism: cross-sectional and longitudinal associations with social communication difficulties, anxiety and depression symptoms. Psychological Medicine.

Lyvers, M. et al. (2022): Alexithymia, Fear of Intimacy, and Relationship Satisfaction.

Krupa-Kotara, K. et al. (2024): Alexithymia in the Narratization of Romantic Relationships: The Mediating Role of Fear of Intimacy.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Mehr zum Thema