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Essentials: Neurodivergenz
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Autoren
Anne Heintze
Harald Heintze
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Der einzige Ort, an dem Neurodivergenz nicht erklärt werden muss – hier wird sie gefeiert, verstanden und zur Quelle deiner größten Stärke gemacht. Für alle Menschen, die anders besonders sind.
Selbstzweifel und Selbstkritik: Wer ist eigentlich der Dritte im Bunde?
Selbstzweifel und Selbstkritik gehören zusammen wie Brüderchen und Schwesterchen. Sie kommen Hand in Hand, mal flüsternd, mal brüllend. Was sie dir am liebsten verheimlichen möchten: Es gibt noch eine dritte Instanz in dir. Genau diese Instanz macht den Unterschied zwischen innerem Drama und gelassener Freiheit. Hier liest du, wer dieser Dritte ist und wie du ihn in dir entdeckst.
Warum die beiden inneren Geschwister leichter zu durchschauen sind, als du denkst. Welche dritte Instanz dich wirklich befreit.
Kennst du das? Du gehst durch einen Tag und mittendrin meldet sich diese leise Stimme. Sie zweifelt an deiner Entscheidung. Kaum ist sie verstummt, übernimmt ihre Schwester und kritisiert dich für genau das, was du gerade getan oder gelassen hast.
Besonders bei hochsensiblen, hochbegabten und vielbegabten Menschen ist dieses Geschwisterpaar oft ein lautstarkes Dauergespräch. Du spürst feiner, denkst schneller, sortierst mehr Reize gleichzeitig. Da bleibt reichlich Material, an dem sich zweifeln und herumkritisieren lässt.
Die gute Nachricht: Was für den Zweifler gilt, gilt auch für die Kritikerin. Beide sind erstaunlich einfach gestrickt. Wer ihre Mechanik einmal verstanden hat, durchschaut sie. Und wer sie durchschaut, kann ihnen die Macht entziehen.
Die beiden Geschwister im Detail
Schauen wir uns die Familie genauer an. Selbstzweifel und Selbstkritik bestehen jeweils aus zwei Bauteilen: einem Subjekt und einem Objekt. Ein Zweifler braucht etwas, woran er zweifeln kann. Eine Kritikerin braucht etwas, das sie kritisieren kann.
Beim Selbstzweifel ist das Subjekt das Ich, also dein Ego, das an einem Objekt zweifelt. Dieses Objekt bist scheinbar du selbst. Bei der Selbstkritik läuft es genauso ab. Das Ego nimmt sich selbst ins Visier.
Wenn du genau hinsiehst, erkennst du: Es ist immer das Ego, das Probleme macht, niemals das Selbst.
Du kannst auch beides gleichzeitig haben. Ein zweifelndes Ich neben einem kritisierenden Ich. Manchmal wechseln sie sich ab. Manchmal reden sie im Chor. Doch das Prinzip bleibt dasselbe.
Das Ego: Die Summe deiner Vergangenheit
Vereinfacht gesagt ist dein Ego die Summe all dessen, was du erlebt hast. Es ist das Bündel aus Werten, Verhaltensmustern, Vorstellungen, Vorlieben und Abneigungen. Jede Situation deines Lebens hat etwas hineingelegt. Lob, Tadel, Erfolg, Scheitern, Liebe, Verlust. Alles zusammen formt das, was du gewohnheitsmäßig dein Ich nennst.
Dieses Ich ist nicht dein Feind. Es ist ein nützlicher Apparat, der Orientierung im Alltag schafft. Es weiß, welchen Kaffee du magst und welche Geräusche dich überfordern. Schwierig wird es erst, wenn du glaubst, dieses Ich sei alles, was du bist.
Gerade bei neurodivergenten Menschen ist das Ego oft eine ganze Bibliothek voller Erfahrungen mit dem Anderssein. Da gibt es Regale voller Erinnerungen an unverstandene Reaktionen, an Anpassungsdruck und an die ständige Frage, ob mit dir etwas nicht stimmt. Kein Wunder, dass dieses Ego viel Stoff für Selbstzweifel und Selbstkritik findet.
Das Selbst: Mehr als die Summe deiner Erfahrungen
Das Selbst ist alles, was über das Ego hinausgeht. Es ist jene Dimension in dir, die nicht aus angesammelten Erfahrungen besteht. Du kannst es Seele nennen, Überich, Bewusstsein oder einfach: das, was schaut. Der Name spielt keine Rolle. Worauf es ankommt, ist die Erfahrung dahinter.
Das Selbst hat keine Geschichte, die es verteidigen müsste. Es muss sich nicht beweisen, nicht rechtfertigen und nicht vergleichen. Es ruht in sich und nimmt einfach wahr. Diese ruhige Wahrnehmungskraft ist deine wahre Heimat.
Und genau hier beginnt die Befreiung. Solange du glaubst, du seist dein Ego, fühlst du jeden Selbstzweifel und jede Selbstkritik als Angriff auf deine Person. Sobald du erkennst, dass du mehr bist, verändert sich alles.
Eine ganze Verwandtschaft im Inneren
Selbstzweifel und Selbstkritik sind übrigens nicht die einzigen Verwandten in deinem inneren Familienclan. Da gibt es noch viele andere Ichs. Der Helfer, der nie Nein sagen kann, der Drückeberger, der jede Verantwortung umschifft, der Draufgänger, der jedes Risiko sucht. Die Karrierebrüderin, die Familienschwester, der Überheblichkeitsonkel, die Hysteriecousine.
Jedes dieser Ichs hat eine Geschichte. Jedes hat einmal einen Zweck erfüllt. Manche schützen dich vor alten Schmerzen. Manche halten Erinnerungen an Erfolg lebendig. Sie alle sind Stimmen in deinem inneren Konzert.
Auch sie verlieren ihre Übermacht, sobald du erkennst: Du bist nicht diese Stimmen. Du bist derjenige, der sie hört.
Das dritte Element: Wer hört eigentlich zu?
Hier wird es zuerst verwirrend, dann verblüffend einfach. Wenn du ein zweifelndes oder kritisierendes Ich hast, wer ist dann die Instanz, die dieses Ich als ihres bezeichnet?
Bist du dieses Ich? Oder bist du jene Instanz, die das Ich hat?
Genau in dieser Unterscheidung liegt die Befreiung von Selbstzweifel und Selbstkritik.
Schau einmal genau hin. Bist du wirklich das Ich, das sich selbst anzweifelt? Oder bist du der Zeuge, der bemerkt, dass da gerade ein Ich an einem Selbst zweifelt? Du musst dieser Zeuge sein. Sonst könntest du gar nicht davon berichten.
Der innere Beobachter: deine wahre Adresse
Genau das ist das dritte Element. Der innere Beobachter. Der Zeuge. Die wahrnehmende Instanz. In allen alten Weisheitstraditionen taucht sie unter anderen Namen auf. Im Yoga ist sie der Drashtu, im Christentum das Herz, in der Meditation der reine Gewahrsein.
Diese Instanz urteilt nicht. Sie nimmt nur wahr, was geschieht. Sie sieht, dass das Ego gerade an sich zweifelt, sie sieht, dass die Kritikerin gerade einen Vortrag hält und sie selbst bleibt davon unberührt.
Wenn du dich mit diesem Beobachter identifizierst, geschieht etwas, das fast magisch wirkt. Das Drama im Inneren verliert seinen Schrecken. Du sitzt plötzlich nicht mehr mitten im Sturm, sondern auf einer Klippe und schaust ihm zu.
Was geschieht, wenn du den Beobachter einnimmst
Stell dir vor, du sitzt auf einer Bank im Park. Vor dir spielt sich ein Theaterstück ab. Schauspielerin Selbstkritik wettert über deine letzte E-Mail. Schauspieler Selbstzweifel jammert über deine vermeintliche Unfähigkeit. Du schaust zu, vielleicht amüsiert, vielleicht milde gelangweilt.
Hat das alles mit dir zu tun? Nein. Es ist das Ego, das sich mit sich selbst beschäftigt. Du kannst zusehen, ohne dass es etwas mit dir macht.
Du wirst unabhängig davon, was das Ego treibt. Es kann zweifeln oder loben, kritisieren oder feiern, sich beschuldigen oder rechtfertigen. All das geschieht. Es liegt in der Natur des Egos. Doch es ist kein Problem mehr, weil du nicht mehr dieses Ego bist. Du bist viel mehr.
Wenn das Ego mit den Zähnen knirscht
Wenn du diese Erkenntnis einübst, wird dein Ego nicht begeistert sein. Es wird mürrisch werden. Es wird mit den Zähnen knirschen, seine Krallen ausfahren und dramatisch um sein Überleben kämpfen und es wird dir flüstern, dass du dich gerade etwas einbildest. Dass das alles nur esoterischer Quatsch sei. Dass du sowieso nichts verändern könnest.
Lass das Ego ruhig zappeln. Seine Zähne sitzen locker. Seine Krallen sind stumpf und seine Waffen sind Attrappen. Es ist gewohnt an die Hauptrolle. Deshalb reagiert es empfindlich, wenn du es auf die Statistenrolle zurücksetzt.
Mit der Zeit lernt es, dass die Welt nicht untergeht, nur weil du ihm nicht mehr jede Stimmung glaubst. Es darf weiter sprechen. Du musst ihm nur nicht mehr alles abnehmen.
Warum das gerade für Hochsensible und Vielbegabte heilsam ist
Hochsensible Menschen nehmen mehr wahr. Vielbegabte denken vielschichtig und schnell. Beide Eigenschaften machen das innere Stimmenchaos intensiver. Wenn du sehr feine Antennen hast, registriert dein Ego umso mehr Anlässe für Selbstzweifel. Wenn dein Geist auf vielen Spuren gleichzeitig läuft, hat die Kritikerin auf jeder Spur etwas zu beanstanden.
Der innere Beobachter ist deshalb für neurodivergente Menschen kein nettes Extra. Er ist eine kraftvolle Ressource. Er gibt dir die Möglichkeit, in einem reizreichen Innenleben einen ruhigen Standpunkt einzunehmen. Du verlierst dich nicht mehr in jedem Gedanken und jeder Empfindung. Du bleibst bei dir.
In der HOCHiX-Akademie ist dieser Zugang zum inneren Beobachter ein zentrales Thema. Anne und ich arbeiten Coachings und in der Coaching-Ausbildung mit Methoden, die genau diese Wahrnehmungsfähigkeit stärken. Du lernst, dich nicht mehr mit jedem Ego-Theater zu identifizieren, sondern in deiner Mitte zu ruhen.
Fragen für deine Selbstbeobachtung• Wer spricht da gerade in mir, wenn der Selbstzweifel auftaucht? • Wenn ich diese Stimme höre, wer hört dann eigentlich zu? • Was geschieht, wenn ich einen Schritt zurücktrete und einfach beobachte, ohne einzugreifen? • Welche meiner inneren Familienmitglieder kenne ich besonders gut? Welche melden sich nur selten? • Wo im Alltag könnte ich heute bewusst die Beobachterposition einnehmen? |
So stärkst du den Beobachter im Alltag
Der innere Beobachter ist keine Fähigkeit, die du erlernen musst. Er ist immer schon da. Was du üben kannst, ist die bewusste Verlagerung deiner Aufmerksamkeit. Es genügen kleine Momente am Tag, um Vertrautheit mit dieser Instanz aufzubauen.
Halte ein paar Mal am Tag kurz inne und frage dich: Was nehme ich gerade wahr? Welche Gedanken laufen? Welche Gefühle sind da? Und wer registriert das alles? Diese Mini-Pause bringt dich sofort in die Beobachterposition.
Auch Meditation, achtsame Spaziergänge, bewusstes Atmen oder das Aufschreiben innerer Stimmen sind Wege, die diese Wahrnehmungsmuskel stärken. Es geht nicht um Perfektion. Es geht darum, immer wieder den kleinen Schritt zur Seite zu machen und zu schauen, statt verstrickt zu sein.
Du bist nicht das, was in dir lärmt
Selbstzweifel und Selbstkritik werden nicht von heute auf morgen verschwinden. Sie sind alte Begleiter und haben sich in deinem Inneren gemütlich eingerichtet. Doch sie müssen nicht mehr deinen Tag bestimmen. Du kannst lernen, sie zu hören, ohne ihnen automatisch zu folgen.
Wenn du das nächste Mal merkst, wie sich das vertraute Geschwisterpaar zu Wort meldet, mach ein winziges Experiment. Tritt einen Schritt zurück. Sag innerlich: Aha, das Ego ist wieder in Aktion. Schau dem Treiben mit milder Distanz zu. Vielleicht spürst du sofort, wie sich etwas in dir entspannt.
So kannst du ab heute entspannt zugucken, wie das Ich seine Messer gegen sich selbst wetzt, während du mit einem Getränk in die Sonne blinzelst.
Du bist nicht dein zweifelndes Ich. Du bist auch nicht deine kritisierende Stimme. Du bist der Beobachter, der beides wahrnimmt. Sobald du dich mit diesem inneren Zeugen verbindest, verlieren Selbstzweifel und Selbstkritik ihre Macht. Sie dürfen sein. Du darfst gelassen daneben sitzen.
Grüße an dich von
Harald
Quellen
Eckhart Tolle (2010), Jetzt! Die Kraft der Gegenwart, Kamphausen Verlag.
Ken Wilber (2001), Eine kurze Geschichte des Kosmos, Fischer Verlag.
Jon Kabat-Zinn (2013), Gesund durch Meditation, Knaur MensSana.
Anne Heintze, HOCHiX Akademie für Hochsensibilität, Hoch- und Vielbegabung, www.hochix.com.
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Harald Heintze
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