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Scanner-Persönlichkeit oder Vielbegabung: Warum der Unterschied entscheidend ist
Barbara Sher hat das Gespräch eröffnet. Jetzt braucht Vielbegabung eine eigene Sprache:
Du hast dein Leben lang gespürt, dass du dich nicht festlegen kannst. Vielleicht hast du Barbara Shers Buch gelesen und zum ersten Mal aufgeatmet: „Ich bin nicht defekt.“ Dieser Moment ist echt, und er zählt. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Scanner-Persönlichkeiten und Vielbegabten, der in der Begleitung alles verändert. In diesem Artikel schauen wir gemeinsam hin: wo Shers Konzept endet und warum Vielbegabung eine eigene Sprache verdient.
Als Barbara Sher „Refuse to Choose“ (Amazon-Link, selbstverständlich auch erhältlich im stationären Buchhandel) schrieb, gab sie einer Gruppe von Menschen etwas Kostbares: erstmals eine Sprache für das, was sie ihr Leben lang erlebt hatten. Die Unmöglichkeit, sich auf eine einzige Sache festzulegen. Die Erleichterung, die viele beim Lesen spürten, war real. Endlich ein Begriff, endlich eine Erklärung, endlich das Gefühl: Ich bin nicht defekt.
Das war ein echter Beitrag zur Sichtbarkeit neurodivergenter Menschen, auch wenn Sher diesen Begriff selbst nicht verwendet hat. Ihr Werk hat Türen geöffnet, die vorher verschlossen waren.
Und genau deshalb lohnt es sich, weiterzudenken: dort, wo ihr Wissen aufgehört hat.
Was Sher nicht wissen konnte
Als Sher ihr Konzept der Scanner-Persönlichkeit entwickelte, gab es den Begriff Vielbegabung in dem Sinne, wie er heute in der Begleitung neurodivergenter Menschen verwendet wird, noch nicht. Er ist aus der direkten, langjährigen Arbeit mit Menschen entstanden, die sich in keinem vorhandenen Konzept vollständig wiederfanden.
Sher beschrieb, was sie sah: Menschen mit vielen Interessen, die schnell wechseln, die beginnen und weiterziehen, die sich nicht festlegen wollen. Sie versuchte, Ordnung hineinzubringen, indem sie Typen bildete: sequenzielle Scanner, zyklische Scanner, Taucher.
Die Absicht war gut. Das Problem liegt tiefer.
Der Widerspruch in der Typisierung
Menschen, die sich ihrer ganzen Natur nach keinem festen Muster fügen, in Typen einzuteilen, widerspricht dem Wesen eben dieser Menschen. Die Botschaft „Du musst dich nicht festlegen“ und gleichzeitig „Du gehörst aber zu Typ 3“ arbeiten gegeneinander. Das ist keine böse Absicht, sondern eine Grenze des Konzepts.
Sher hat beschrieben, was sie sah. Sie hatte noch nicht das Werkzeug, um zu unterscheiden, was sie sah.
Scanner-Persönlichkeit und Vielbegabung: Zwei verschiedene Wirklichkeiten
Hier liegt das Entscheidende, das Shers Werk nicht erfassen konnte.
Scanner-Persönlichkeiten wechseln häufig und schnell zwischen Themen. Sie beginnen vieles, gehen bis zu einem bestimmten Punkt und ziehen weiter. Was die klinische Arbeit mit diesen Menschen zeigt: Scanner-Persönlichkeiten haben in einem sehr hohen Anteil, nach meiner Einschätzung etwa 80 Prozent, auch ADHS. Das ist kein Zufall. Die Reizoffenheit, der Impuls zum Neuen, die Schwierigkeit, Dinge zu Ende zu bringen: das sind neurodivergente Muster, die eng mit ADHS zusammenhängen. Scanner-Persönlichkeiten sind damit in der großen Mehrheit eine spezifische ADHS-Ausdrucksform, auch wenn sie sich selbst nicht so verstehen.
Vielbegabte sind anders strukturiert. Sie können in die Tiefe gehen, und zwar in vielen Bereichen gleichzeitig oder in rascher Folge. Nicht seriell hintereinander, sondern oft zeitgleich, mit echter Durchdringungstiefe. Ein Vielbegabter verlässt ein Thema, weil er es wirklich durchdrungen hat, nicht weil die Neugier erloschen ist. Vielbegabte sind in sehr vielen Fällen auch hochbegabt. Hochbegabung und Vielbegabung überlappen sich häufig, sind aber nicht deckungsgleich. Und Vielbegabte haben in deutlich geringerem Maß ADHS als Scanner-Persönlichkeiten.
Was beide verbindet: Sie sind Autodidakten. Formalisiertes Lernen im institutionellen Tempo ist für beide eine Zumutung. Sie holen sich Wissen dort, wo es zugänglich ist, und in der Geschwindigkeit, die ihrem Gehirn entspricht.
Bist du eher Scanner-Persönlichkeit oder Vielbegabte? • Wechselst du Themen, weil du sie wirklich durchdrungen hast, oder weil der nächste Impuls stärker wird? • Kannst du in mehreren Bereichen gleichzeitig tief eintauchen, oder beginnen sie oft zu ähnlicher Zeit und enden früh? • Fühlt sich das Bild „Typ X“ richtig an, oder immer noch irgendwie zu eng? Diese Fragen können helfen, Klarheit zu gewinnen. Und Klarheit ist der Anfang von allem. |
Warum diese Unterscheidung zählt
Wer Vielbegabte begleitet und dabei Shers Konzept als Grundlage nimmt, arbeitet mit einem Werkzeug, das für eine andere Gruppe entwickelt wurde. Das führt zu falschen Schlüssen über Motivation, Tiefe, Struktur und Potenzial.
Sher hat eröffnet. Vielbegabung braucht jetzt eine eigene Theorie, eigene Begleitungsansätze und eine eigene Sprache. Daran arbeiten wir in der HOCHiX-Akademie.
Wenn du merkst, dass das Konzept der Scanner-Persönlichkeit sich nicht ganz richtig anfühlt, dass du tiefer gehst, als es das Bild beschreibt, dann ist das kein Irrtum. Dann bist du möglicherweise vielbegabt. Und das ist etwas ganz anderes.
Du bist nicht einfach jemand, der sich nicht festlegen kann. Du bist jemand, der in vielen Richtungen wirklich tief geht. Das ist Vielbegabung. Und sie verdient eine Begleitung, die das erkennt und versteht. In der HOCHiX-Akademie arbeiten wir genau daran. |
Ich hoffe, ich habe das Geschenk deiner Zeit verdient.
Herzlichst
Anne
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