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Essentials: Neurodivergenz
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Autoren
Anne Heintze
Harald Heintze
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Der einzige Ort, an dem Neurodivergenz nicht erklärt werden muss – hier wird sie gefeiert, verstanden und zur Quelle deiner größten Stärke gemacht. Für alle Menschen, die anders besonders sind.
Das Johari Fenster: Selbstbild und Fremdbild
Nehmen andere dich wirklich so wahr, wie du dich selbst siehst? Zwischen deinem Selbstbild und den Bildern, die andere von dir tragen, liegt fast immer eine Lücke. Das Johari-Fenster macht sichtbar, woher diese Lücke kommt. In diesem Artikel liest du, wie Selbstbild und Fremdbild entstehen, was neue Forschung über deine blinden Flecken verrät und wie du beide Seiten Schritt für Schritt näher zueinander führst.
In diesem Artikel erfährst du, wie die Diskrepanzen entstehen, wann sie gefährlich werden; und wie du Selbstbild und Fremdbild durch Selbstreflexion näher zueinander führst.
Zwei Seiten derselben Medaille
Selbstbild und Fremdbild sind zwei Seiten derselben Medaille. Nur wenn beide Seiten glänzen, stehen dir wirklich alle Türen offen. Sobald dein eigenes Bild von dir und das Bild, das andere von dir tragen, stark auseinanderdriften, wird es anstrengend und manchmal sogar schmerzhaft.
Das Selbstbild ist die Summe der Vorstellungen, aus denen sich dein Bild über dich selbst zusammensetzt. Wie schätzt du deine Anlagen ein, deine Stärken, deine Schwächen? Diese innere Einschätzung trifft ständig auf Fremdbilder, also auf die Eindrücke, die andere Menschen sich von dir machen.
Liegen beide Bilder weit auseinander, hat das Folgen für dein seelisches Befinden und für jede Begegnung. Wer sich schwach fühlt, traut sich wenig zu. Wer für stark gehalten wird, ohne es zu sein, läuft Gefahr, sich zu überfordern. Und wer mehr kann, als er sich selbst zugesteht, lebt in ständiger Unterforderung, die ebenso müde macht.
Lass uns gemeinsam anschauen, wie diese Bilder entstehen, warum sie so selten deckungsgleich sind und wie ein altes Kommunikationsmodell aus dem Jahr 1955 dir noch heute hilft, dich selbst klarer zu sehen.
Wie unsere Bilder voneinander entstehen
Das Bild, das du von dir in dir trägst, formt sich seit deiner frühesten Kindheit. Es wächst aus all den Erfahrungen, die du im Austausch mit deiner Umwelt und mit anderen Menschen machst. Ein kleines Kind nimmt jeden Erwachsenen als groß wahr. Eine Vierzehnjährige, die weibliche Körper vor allem aus Modezeitschriften kennt, hält sich schnell für zu dick.
Größer zu sein als ein vierjähriger Steppke heißt aber noch lange nicht, objektiv zu den großen Menschen zu zählen. Und ein Körperbild, das sich an stark untergewichtigen Models orientiert, lässt keine vernünftigen Rückschlüsse auf die eigene Figur zu. Schon hier zeigt sich, wie störanfällig diese Bilder sind.
Auch deine Bilder von anderen entstehen aus Erfahrung. Fehlt die Zeit zum genauen Hinschauen, greifst du auf erlernte Pauschalurteile zurück. Der Mann im Monteuranzug gilt schnell als bodenständiger Handwerker, selbst wenn er ein gefeierter Künstler ist. Der erste Eindruck ist hartnäckig und er hält sich oft viel länger, als er sollte.
Warum Selbstbild und Fremdbild selten deckungsgleich sind
Mit Objektivität hat all das wenig zu tun. Deine tatsächlichen Eigenschaften und Fähigkeiten nennt die Psychologie deine personale Identität. Diese müsste eigentlich von unabhängigen Menschen in unabhängigen Tests ermittelt werden, nach jeder neuen Erfahrung aufs Neue. Im echten Leben spielt sie deshalb kaum eine Rolle.
Was wirklich zählt, ist dein Selbstbild und sind die vielen Fremdbilder deiner Person. Beide werden zu großen Teilen von subjektiven Einstellungen geprägt. Wo Wissen und Nachdenken fehlen, springen Wünsche, Vorurteile und übernommene Ideale ein, bis ein Bild entsteht, mit dem wir scheinbar etwas anfangen können.
Vieles davon stammt aus der Kindheit. Manche Grundannahmen haben schon deine Eltern falsch von ihren Eltern übernommen. Andere wurden in der Schule verzerrt vermittelt. So entsteht oft ein Bild von dir selbst, das über die Jahre durch zahllose kleine Angriffe verformt wurde, von anderen und von dir selbst.
Dieses Selbstbild trifft nun auf Fremdbilder, die genauso wenig mit der Wirklichkeit zu tun haben müssen. Eine gewisse Diskrepanz zwischen Selbstbild und Fremdbild ist deshalb nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall. Erst wenn die Lücke sehr groß wird, kann sie belasten, das Selbstbewusstsein schwächen und im schlimmsten Fall eine Lebenskrise auslösen.
Das Johari-Fenster, eine Medaille mit vier Seiten
Bereits 1955 entwickelten die amerikanischen Psychologen Joseph Luft und Harry Ingham an der University of California ein Modell, das diese Zusammenhänge anschaulich macht. Aus ihren Vornamen entstand der Name Johari-Fenster. Das Modell zeigt, warum die Einschätzung eines Menschen so schwierig ist. Diese Medaille hat nämlich nicht zwei, sondern vier Seiten.
Die erste Seite ist der öffentliche Bereich. Hier liegt alles, was du über dich weißt und was auch andere sehen. Die zweite Seite ist dein blinder Fleck. Das sind Eigenschaften, die andere an dir bemerken, die dir selbst aber verborgen bleiben. Die dritte Seite ist dein Verborgenes, also alles, was du kennst und bewusst für dich behältst. Die vierte Seite ist das Unbekannte, das weder du noch andere bislang sehen.
Der spannendste Bereich ist der blinde Fleck. Genau dort sitzen die Eigenheiten, über die andere längst Bescheid wissen, während du selbst sie übersiehst. Das Johari-Fenster wird oft in Teams genutzt, die eng zusammenarbeiten. Eine wertschätzende Rückmeldung kann den öffentlichen Bereich vergrößern, den blinden Fleck verkleinern und so neues Vertrauen schaffen.
Zum InnehaltenStell dir dein eigenes Johari-Fenster vor. Welche Eigenschaft loben andere immer wieder an dir, die du selbst kaum wahrnimmst? Und was hältst du bewusst verborgen, weil du fürchtest, falsch verstanden zu werden? Allein diese zwei Fragen rücken dein Selbstbild und dein Fremdbild ein Stück näher zueinander. |
Was neue Forschung über deine Selbstwahrnehmung verrät
Lange hielt man Selbstkenntnis für eine Frage des guten Willens. Die Organisationspsychologin Tasha Eurich hat das gründlich untersucht. In Studien mit fast 5000 Menschen kam sie zu einem ernüchternden Ergebnis. Rund 95 Prozent aller Befragten halten sich für selbstreflektiert. Tatsächlich trifft das nur auf 10 bis 15 Prozent zu.
Diese Lücke deckt sich genau mit der Idee des blinden Flecks. Die meisten von uns überschätzen, wie gut sie sich selbst kennen. Das ist kein Grund zur Scham, sondern eine Einladung. Wer akzeptiert, dass sein Bild von sich unvollständig bleibt, beginnt zum ersten Mal wirklich neugierig auf sich selbst zu schauen.
Zwei Arten, sich selbst zu sehen
Eurichs Forschung brachte noch eine zweite Erkenntnis. Es gibt nicht nur eine Form von Selbstwahrnehmung, sondern zwei. Die innere Selbstwahrnehmung beschreibt, wie klar du deine eigenen Werte, Bedürfnisse und Reaktionen erkennst. Die äußere Selbstwahrnehmung beschreibt, wie genau du verstehst, wie du auf andere wirkst.
Das Überraschende daran: Beide hängen kaum zusammen. Du kannst dich innerlich sehr gut kennen und trotzdem völlig falsch einschätzen, wie du nach außen wirkst. Genau das ist vielen hochsensiblen und vielbegabten Menschen vertraut. Sie spüren ihr Inneres mit großer Klarheit und sind zugleich verblüfft, wenn sie hören, wie sie auf andere wirken.
Für dein Johari-Fenster heißt das, an beiden Seiten lässt sich getrennt arbeiten. Die innere Seite stärkst du durch ehrliche Selbstreflexion. Die äußere Seite öffnet sich nur durch Rückmeldung von außen. Du brauchst beides, um dich rund zu sehen.
Der blinde Fleck bei neurodivergenten Menschen
Für neurodivergente Menschen, also für Hochsensible, Hochbegabte, Vielbegabte oder Menschen mit ADHS und autistischen Zügen, ist die Lücke zwischen Selbstbild und Fremdbild oft besonders groß. Das liegt nicht an einem Mangel, sondern an einem Missverständnis auf beiden Seiten.
Der autistische Forscher Damian Milton hat dafür den Begriff des doppelten Empathieproblems geprägt. Seine Kernaussage lautet: Wenn ein neurodivergenter und ein neurotypischer Mensch aneinander vorbeireden, liegt das nicht allein an einer Seite. Beide deuten einander durch ihre eigene Brille und beide liegen dabei daneben. Das Fremdbild, das dann entsteht, sagt oft mehr über den Betrachter aus als über dich.
Viele neurodivergente Menschen reagieren darauf mit Masking. Sie passen sich an, verbergen ihre eigentliche Art und tragen ein Bild nach außen, das nicht ihrem Inneren entspricht. So wächst die Fassade, während das echte Selbst im Verborgenen bleibt. Ein verzerrtes Fremdbild ist nicht zwangsläufig die Wahrheit über dich. Es ist oft nur das Ergebnis einer Begegnung zweier verschiedener Wahrnehmungswelten.
Feedback nutzen, aber mit Bedacht
Der naheliegende Weg, dem blinden Fleck auf die Spur zu kommen, ist Feedback. Das ist eine prima Idee, solange du Menschen um dich hast, die dir auf wertschätzende Weise spiegeln, wie sie dich erleben und dich mit konstruktiver Kritik zum Nachdenken anregen.
Wir leben jedoch in einer arbeitsgeteilten Welt. Nicht immer steht dir genau der Mensch zur Seite, der sich mit dem Bereich auskennt, in dem dein Selbstbild gerade nachjustiert werden müsste. Das ist kein Problem. Die Menschen, die dir Feedback geben, sollen dir kein neues Selbstbild bauen. Sie trainieren nur deine Fähigkeit zur Selbstreflexion und die kannst du auch selbst in die Hand nehmen.
Wichtig ist die Auswahl. Hol dir Rückmeldung von Menschen, die dir wohlgesonnen und ehrlich zugleich sind. Ein einzelnes hartes Urteil sagt wenig. Tauchen dieselben Hinweise jedoch von mehreren Seiten auf, lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Wie du dein Selbstbild selbst erforschst
Du kannst das Johari-Fenster als Landkarte für eine eigene Forschungsreise nutzen. Niemand muss dir dein Bild von dir abnehmen, du darfst es selbst gestalten. Ein paar Wege haben sich dabei bewährt.
Such dir Umgebungen, in denen du mit Achtsamkeit übst, die Erwartungen anderer klarer zu erkennen. Beschäftige dich mit deinen eigenen Bedürfnissen, denn sie prägen sowohl dein Selbstbild als auch die Bilder, die du dir von anderen machst. Lerne dazu, wie gute Kommunikation gelingt, damit auch ankommt, was du sagen willst.
Mach dich einfach auf den Weg. Du musst ohnehin deinen persönlichen Weg finden. Sich selbst besser kennenzulernen, ist eine der lohnendsten Reisen überhaupt. Wenn du lernst, dein Selbstbild und das Fremdbild deiner Person bewusst zu beeinflussen, stehen dir alle Wege offen.
Selbstbild und Fremdbild werden nie deckungsgleich sein. Das müssen sie auch nicht. Es geht nicht um ein makelloses Bild, sondern um ein ehrliches. Je näher beide Seiten zueinander rücken, desto leichter wird dein Leben mit dir selbst und mit anderen.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft des Johari-Fensters. Du bist kein fertiges Bild, das andere richtig oder falsch lesen. Du bist ein Mensch im Wandel, der sich Stück für Stück selbst entdecken darf. Jede ehrliche Rückmeldung und jeder Moment der Selbstreflexion macht dieses Bild ein wenig klarer.
Eine Diskrepanz zwischen Selbstbild und Fremdbild ist normal. Das Johari-Fenster zeigt dir vier Bereiche, darunter den blinden Fleck, den nur andere sehen. Forschung belegt, dass die meisten Menschen sich selbst überschätzen und dass innere und äußere Selbstwahrnehmung getrennt wachsen. Pflege beide Seiten, ehrliche Selbstreflexion für dein Inneres und wertschätzendes Feedback für deine Wirkung nach außen. So führst du dein Selbstbild und dein Fremdbild Schritt für Schritt näher zueinander.
Ich hoffe, ich habe das Geschenk deiner Zeit verdient.
Herzlichst
Anne
Quellen
Luft, J., Ingham, H., 1955, The Johari Window, a Graphic Model of Interpersonal Awareness, Proceedings of the Western Training Laboratory in Group Development, University of California.
Eurich, T., 2018, What Self-Awareness Really Is (and How to Cultivate It), Harvard Business Review.
Milton, D., 2012, On the Ontological Status of Autism. The Double Empathy Problem, Disability and Society.









Ein Kommentar
Hallo Anne,
kann es sein, dass Du in dem Johari-Fenster Bild oben (nach Luft) einen Fehler eingebaut hast?
Wobei die Bezeichnungen links vom Fenster vertauscht worden sind…?
Das obere LINKS scheint mir eher anderen bekannt zu sein… und das untere NICHT?
Was meinst DU?
Freundlichste Grüße
Claudia G.