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Essentials: Neurodivergenz
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Anne Heintze
Harald Heintze
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Der einzige Ort, an dem Neurodivergenz nicht erklärt werden muss – hier wird sie gefeiert, verstanden und zur Quelle deiner größten Stärke gemacht. Für alle Menschen, die anders besonders sind.
Schutzlos hochsensibel?
Nicht eindeutig, meldete das Auge. Die Nase rümpfte sich. Dennoch musste auch die Leckprobe stattfinden, um ganz sicher zu sein. Achtung: Giftig, sagte unsere Zunge dann. Alle Sinne meldeten Gefahr! So fanden wir in der frühen Entwicklung der Menschheit heraus, ob eine neu entdeckte Pflanze ess-tauglich war. Das Auge musste zustimmen, die Nase ihr Einverständnis geben und schließlich musste der Geschmackssinn sein Urteil fällen. Standen alle Zeichen auf go, nahmen wir eine kleine Menge zu uns und warteten ein paar Stunden. Lebten wir dann noch und hatten sich weder Übelkeit noch Bauchkrämpfe eingestellt, konnten wir den Speisezettel um eine weitere Zutat ergänzen.
Sensible Sinne waren unerlässlich, Hochsensibilität unsere Lebensversicherung. In der gefährlichen Welt, in der wir uns bewegten, war es entscheidend, gut, schnell und treffsicher wahrzunehmen, ob die Umgebung gefährlich oder wohlwollend war. Alle Sinne waren auf das Höchste geschärft. Hochsensibilität war unser Überlebensschutz und ganz natürlich. Ja: Wer es nicht war, der überlebte nicht lange.
Wovor schützt du dich persönlich?
Im ursprünglichen Sinn schützten uns hochsensible Sinne vor akuter Lebensgefahr – vor Gift, Raubtieren, feindlichen Situationen. Heute schützen wir uns meist nicht mehr vor biologischen Bedrohungen, sondern vor psychischen Überforderungen: Vor zu vielen Eindrücken, vor sozialer Nähe, vor Konflikten, vor Dingen, die unser Nervensystem als „zu viel“ interpretiert. Der Schutz richtet sich also nicht mehr gegen das Außen als objektive Gefahr, sondern gegen innere Zustände – gegen Überreizung, Stress, emotionale Verletzbarkeit.
Ist dieser Schutz nötig oder ist es eine Gewohnheit, ein mechanisches Verhalten?
Heute ist dieser „Schutz“ oft kein Überlebensreflex mehr, sondern ein erlerntes Muster.
Unser System reagiert noch immer schnell und feinfühlig, aber die tatsächliche Bedrohung ist selten so real wie früher.
Der Mechanismus läuft trotzdem weiter. Häufig automatisch als Gewohnheit:
- Rückzug, obwohl keine Gefahr besteht
- Abwehr, obwohl keine Bedrohung vorliegt
- Reizüberflutung, obwohl das Umfeld objektiv harmlos ist
Das bedeutet: Der Schutz ist manchmal nötig, aber oft ist er ein Relikt eines alten Nervensystems, das in einer anderen Welt entwickelt wurde.
Wenn wir uns vor Dingen wie Übergriffigkeit, Gewalt, Ausgrenzung, Diskriminierung schützen, ist das auch Hochsensibilität?
Das hat einen anderen Ursprung.
Übergriffigkeit oder Gewalt sind soziale Bedrohungen, keine biologischen.
Darauf reagieren nicht die alten Sinnesorgane, die früher Gift oder Feinde erspürten, sondern:
- Unsere Erfahrungen
- Unsere Grenzverletzungen der Vergangenheit
- Unsere Bindungsmuster
- Unsere Selbstschutzstrategien
Man könnte sagen:
Es ist nicht Hochsensibilität, die uns warnt, sondern erlernte Wachsamkeit.
Sie gehört nicht zu den uralten Sinnesmechanismen, sondern zu unseren Schutzsystemen.
Wenn uns Kaffee ekelt, Kunststoff die Haut reizt, das Geräusch der Straßenbahn schmerzt oder Gedränge Panik auslöst – ist das natürliche Hochsensibilität oder etwas anderes?
Das ist nur teilweise natürliche Hochsensibilität. Der feine Geruchssinn selbst ist ein natürlicher Mechanismus. Die Reaktion darauf – Ekel, Schmerz, Stress – entsteht jedoch oft durch Überreizung des modernen Nervensystems.
- Stressreaktion
- vegetative Dysregulation
- fehlende Reizfilter nach Überlastung
- Lernerfahrung
- Manchmal auch körperliche Sensitivität, die mit Ernährung, Nervensystem oder Gesundheit zu tun hat
Es ist wichtig, das zu unterscheiden:
Der Sinn selbst ist alt. Die Intensität der Reaktion ist modern.
Zusammengefasst:
- Früher war Hochsensibilität unser Überlebensradar.
- Heute ist sie oft ein Stressbarometer.
- Manche Empfindlichkeiten sind echte Sinnesfeinheiten, andere sind Schutzstrategien, die nicht mehr notwendig sind.
- Die Frage lautet nicht mehr: „Ist das gefährlich?“, sondern:
„Reagiert mein Nervensystem automatisch – oder ist die Gefahr real?“
Herzlichst
Harald
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