Wenn dein Coach mehr geredet hat als du, dann war es kein Coaching

Wenn dein Coach mehr geredet hat als du, dann war es kein Coaching
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Warum der Redeanteil deines Coaches alles über die Qualität eurer Zusammenarbeit verrät:

Es gibt eine Erfahrung, die viele Menschen kennen, ohne sie sofort benennen zu können: Man sitzt einer Person gegenüber, die sich „Coach“ nennt, und hört zu. Lange. Sehr lange. Man nickt, macht Notizen, bedankt sich am Ende artig und geht mit dem leisen Gefühl nach Hause, dass da gerade irgendetwas nicht gestimmt hat. Aber was?

Die Antwort ist eigentlich einfach: Was du erlebt hast, war kein Coaching. Zumindest nicht in dem Sinne, der professionellem, wirkungsvollem Coaching entspricht. Und das ist keine Kleinigkeit. Denn wer echtes Coaching sucht und stattdessen eine verkleidete Beratungssitzung bekommt, zahlt: Mit Geld, mit Zeit und manchmal auch mit Enttäuschung.

In diesem Artikel erkläre ich, was echtes Coaching ausmacht, warum der Redeanteil deines Coaches so entscheidend ist, wie du gutes Coaching erkennst und was du von einem Coach verlangen darf.

Was ist Coaching wirklich? Eine Definition, die zählt

Das Wort „Coaching“ ist heute fast beliebig geworden. Es taucht in Stellenanzeigen, auf Instagram-Profilen und in Unternehmensbroschüren auf, oft ohne klare Bedeutung. Das macht es schwer, echtes Coaching von gutem gemeintem Ratschlag zu unterscheiden.

Die International Coaching Federation (ICF), die weltweit führende Organisation für professionelle Coaches, definiert Coaching als eine partnerschaftliche Beziehung, in der der Coach dem Klienten hilft, sein volles Potenzial zu entfalten. Durch Fragen, Reflexion und einen strukturierten Denkprozess. Der Coach ist dabei kein Experte für das Leben des Klienten. Er ist Experte für den Prozess, der den Klienten zu seinen eigenen Antworten führt.

Coaching geht davon aus, dass du, der Klient, bereits die Ressourcen und Antworten in dir trägst. Die Aufgabe des Coaches ist es, diesen Prozess zu ermöglichen. Nicht, ihn zu ersetzen.

Das klingt simpel. Ist es aber nicht. Denn es erfordert vom Coach eine Haltung tiefen Respekts und echter Neugier und die Disziplin, die eigene Meinung zurückzuhalten, auch wenn sie sich aufdrängt.

Die 80/20-Regel: Wer sollte im Coaching eigentlich reden?

Gute Coaches sprechen wenig. Nicht aus Desinteresse, sondern aus tiefstem Respekt vor dem Prozess, den der Klient gerade durchläuft. Eine Faustregel, die in der Coaching-Ausbildung häufig genannt wird: Wenn der Coach mehr als 20 Prozent der Redezeit einnimmt, stimmt etwas nicht.

Das ist keine willkürliche Zahl. Sie basiert auf der Erkenntnis, dass echte Veränderung von innen kommt. Sobald der Coach anfängt, seine eigenen Lösungen, Erfahrungen und Meinungen in den Vordergrund zu stellen, ist er nicht mehr Coach, er ist Berater. Das ist nicht falsch, aber es sollte klar benannt werden.

Was passiert, wenn der Coach zu viel redet?

Wenn der Coach die meiste Zeit spricht, verlagert sich die Verantwortung. Du hörst zu, nimmst auf, nickst. Dein eigenes Denken, deine eigene Reflexion, dein innerer Prozess, all das kommt zu kurz. Du verlässt die Sitzung mit den Gedanken deines Coaches. Nicht mit deinen eigenen.

Das kann kurzfristig inspirierend wirken. Aber echte, nachhaltige Veränderung entsteht nicht durch fremde Einsichten. Sie entsteht, wenn du selbst Dinge erkennst, durchdenkst und für dich schlüssig machst.

Wenn du nach einer Coaching-Sitzung hauptsächlich weißt, was dein Coach denkt, aber kaum, was du selbst denken oder tun möchtest, dann ist etwas fundamental schief gelaufen.

Coaching, Beratung, Mentoring: Was ist der Unterschied?

Viele Verwechslungen entstehen, weil die Begriffe Coaching, Beratung, Mentoring und Training im Alltag oft durcheinander verwendet werden. Dabei haben sie unterschiedliche Logiken und unterschiedliche Stärken.

Beratung

Ein Berater bringt Fachwissen mit und gibt Empfehlungen. Er analysiert deine Situation und sagt dir, was aus seiner Perspektive zu tun ist. Das ist wertvoll, wenn du ein konkretes Expertenproblem hast, das du selbst nicht lösen kannst. Der Berater redet mehr als du. Das ist sogar erwünscht.

Mentoring

Ein Mentor hat den Weg, den du gehst, selbst schon gegangen. Er öffnet Türen, teilt Erfahrungen und bietet Orientierung auf Basis seines eigenen Lebens- oder Berufswegs. Auch hier ist ein höherer Redeanteil des Mentors völlig normal und hilfreich.

Training

Ein Trainer vermittelt Fähigkeiten und Techniken. Er erklärt, demonstriert und gibt Feedback. Auch hier ist die Wissensweitergabe vom Trainer zum Lernenden die Hauptrichtung.

Coaching

Coaching unterscheidet sich von all dem fundamental: Der Coach weiß nicht, was das Richtige für dich ist. Er hat keine vorgefertigte Antwort. Er begleitet dich dabei, deine eigene Antwort zu finden: Durch gezielte Fragen, durch Stille, durch Reflexion. Sein Redeanteil ist bewusst gering.

Das Problem entsteht, wenn jemand das Etikett „Coaching“ trägt, aber de facto Beratung oder Mentoring macht. Dann stimmen Erwartung und Realität nicht überein und du fragst dich hinterher, warum du dich trotz allem nicht wirklich weiterentwickelt fühlst.

Warum so viele Coaches zu viel reden und was dahinter steckt

Viele Menschen, die sich Coach nennen, sind nicht böswillig. Sie sind oft hochengagiert, erfahren in ihrem Bereich und wirklich daran interessiert, zu helfen. Aber sie verwechseln Helfen mit Reden.

Stille ist schwer auszuhalten. Für den Coach genauso wie für den Klienten. Wenn jemand schweigt, weil er nachdenkt, entsteht ein starker Sog, die Lücke zu füllen, weiterzuhelfen, etwas Kluges zu sagen. Gute Coaches lernen, diesem Sog zu widerstehen. Sie halten die Stille aus, weil sie wissen, dass genau dort die eigentliche Arbeit stattfindet.

Hinzu kommt: Viele Coaches haben keine fundierte Ausbildung. Der Begriff „Coach“ ist in Deutschland nicht geschützt. Jeder darf sich so nennen, unabhängig von Qualifikation, Ausbildungstiefe oder praktischer Erfahrung. Das führt dazu, dass ein enormes Qualitätsgefälle herrscht: zwischen professionell ausgebildeten Coaches auf der einen Seite und gut gemeinten Hobbyberatern auf der anderen.

Ein Warnzeichen: Wenn dein Coach dir in der ersten Sitzung viele Methoden, Modelle und Techniken präsentiert, statt dich zu fragen, was du brauchst, dann ist er stärker an seinen Werkzeugen interessiert als an dir.

Woran du echtes Coaching erkennst, konkrete Merkmale

Vor der Sitzung: Die richtigen Fragen stellen

Wenn du einen neuen Coach kennenlernst, kannst du eine einfache, aber wirkungsvolle Frage stellen: „Wie sieht eine typische Sitzung bei Ihnen aus?“

Wenn die Antwort vor allem Methoden, Tools und Inhalte verspricht, die der Coach mitbringt: Vorsicht. Wenn die Antwort sich darum dreht, was du einbringen wirst, wohin du gelangen möchtest und wie der Coach dir helfen kann, deine eigenen Antworten zu finden: Gutes Zeichen.

Weitere hilfreiche Fragen: Wie gehen Sie mit Stille in einer Sitzung um? Was ist Ihr Coaching-Verständnis? Welche Ausbildung haben Sie absolviert?

Während der Sitzung: Wer denkt hier?

In einer guten Coaching-Sitzung denkst du. Du redest. Du ringst um Worte, weil du versuchst, etwas auszudrücken, das du noch nie so formuliert hast. Dein Coach hört zu, wirklich zu, nicht nur auf die Antwort wartend. Er stellt Fragen, die dich weiterbringen. Nicht Fragen, auf die er die Antwort schon kennt, sondern Fragen, die dich überraschen.

Gute Coaching-Fragen haben eine bestimmte Qualität: Sie öffnen Räume, statt sie zu schließen. Sie laden ein, statt zu drängen. Beispiele: „Was ist dir dabei wirklich wichtig?“, „Was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass es gelingt?“, „Was hält dich wirklich zurück?“

Nach der Sitzung: Was nimmst du mit?

Nach einer guten Coaching-Sitzung bist du müde, aber auf eine gute Weise. Du hast nachgedacht. Du hast etwas erkannt. Du weißt jetzt klarer, was du willst, was dich blockiert oder was dein nächster Schritt ist.

Die entscheidende Frage: Was weiß ich jetzt über mich, das ich vorher noch nicht so klar gesehen habe? Wenn die Antwort leer bleibt, wenn du stattdessen viel über die Meinung deines Coaches weißt, dann war es kein echtes Coaching.

Was du von deinem Coach verlangen darfst

Coaching ist eine professionelle Dienstleistung, für die du, in der Regel nicht wenig, bezahlst. Du hast das Recht, hohe Ansprüche zu stellen.

Du darfst verlangen, dass dein Coach wirklich zuhört. Dass er nachfragt, statt zu erklären. Dass er dich in deinen eigenen Gedanken weiterkommen lässt, statt seine Gedanken auf dich anzuwenden. Dass er Fragen stellt, die dich herausfordern. Fragen, auf die du keine schnelle Antwort hast. Fragen, die dich noch beim Einschlafen beschäftigen, weil sie etwas in dir berührt haben.

Du darfst einen Coach verlangen, der nach der Sitzung weniger über sich nachdenkt und dafür mehr über dich. Der die Agenda der Sitzung nicht selbst bestimmt, sondern von dir bestimmen lässt. Der dich nicht kleiner macht, indem er dir zeigt, wie viel er weiß, sondern größer, indem er dir hilft, zu sehen, was du selbst weißt.

Echtes Coaching ermächtigt dich. Es macht dich nicht abhängig von deinem Coach, sondern unabhängiger. Von Ratschlägen, von Bestätigung, von Außenmeinungen.

Der Raum, den gutes Coaching schafft

Das soll keine Abrechnung mit der Coaching-Branche sein. Es ist eine Einladung zur Klarheit für Menschen, die Coaching suchen, und für alle, die es anbieten.

Gutes Coaching ist eines der kraftvollsten Entwicklungsformate, die es gibt. Nicht weil der Coach so viel weiß. Sondern weil er so gut schweigen, fragen und halten kann. Der Raum, den ein guter Coach schafft, ist selten. Er erlaubt dir, dich selbst zu hören. Vielleicht zum ersten Mal wirklich.

Dafür braucht es jemanden, der zurücktritt. Der aufhört zu reden. Der dir das Wort gibt.

Und das Schweigen danach aushält.

Der kostenlose Coach-Kickstarter-Workshop mit Anne Heintze findet wieder statt

  • Wann: 02. und 03.05.2026
  • Uhrzeit: Jeweils von 10-14 Uhr

 

Was du in den zwei Tagen live lernst:

  • Zu verstehen, warum Zweifel immer wieder enstehen und wie du sie stoppst.
  • Du erkennst, was dich als Menschenbegleiter ausmacht.
  • Du gewinnst Klarheit für deinen einfachen Einstieg als Coach.

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