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Stress durch Prokrastination: Schluss mit Aufschieberitis
Du nimmst dir fest vor, endlich anzufangen und dann tust du alles, nur nicht das Eine. Abends fragst du dich, wohin der Tag verschwunden ist. Prokrastination ist kein Beweis für Faulheit oder fehlende Disziplin. In diesem Artikel erfährst du, was beim Aufschieben wirklich in dir vorgeht, warum dein Gehirn dabei mitspielt und wie du mit mehr Verständnis für dich selbst aus dem Kreislauf aussteigst.
Sie nervt viele Menschen und trotzdem fühlen sie sich ihr hilflos ausgeliefert: der Aufschieberitis. Der Fachbegriff dafür lautet Prokrastination, abgeleitet vom lateinischen Wort für „auf morgen verschieben“: Du schiebst auf, wenn du etwas nicht erledigst, obwohl du es dir fest vorgenommen hast.
Hoch motiviert willst du endlich deinen Schreibtisch sortieren. Oder du möchtest dich um das wichtige Projekt kümmern, dessen Deadline unaufhaltsam näher rückt. Stattdessen schweifst du ab, lässt dich ablenken und steckst deine Energie in Dinge, die längst nicht so dringend sind. Kommt dir das bekannt vor?
Eine unangenehme Aufgabe hin und wieder zu verschieben, ist nicht schlimm. Manches erledigt sich sogar von selbst. Problematisch wird es erst, wenn das Aufschieben zur Gewohnheit wird und ein schlechtes Gewissen, Stress und Selbstzweifel mit sich bringt.
Lange galt Prokrastination als Frage von Zeitmanagement und Willenskraft. Die neuere Forschung zeichnet ein anderes Bild: Sie zeigt, dass Aufschieben sehr viel mit deinen Gefühlen zu tun hat und erstaunlich wenig mit Faulheit. Genau darin liegt eine gute Nachricht für dich.
Aufschieben ist kein Zeitproblem, sondern ein Gefühlsproblem
Die Psychologen Timothy Pychyl und Fuschia Sirois haben über Jahre erforscht, warum Menschen aufschieben. Ihr Ergebnis überrascht viele: Prokrastination ist in erster Linie ein Problem der Emotionsregulation und kein Problem der Planung.
Löst eine Aufgabe in dir unangenehme Gefühle aus, etwa Angst zu versagen, Langeweile, Überforderung oder Frustration, dann sucht dein Gehirn nach schneller Erleichterung. Du wendest dich etwas Angenehmerem zu und prompt fühlst du dich besser. Pychyl nennt das Stimmungsreparatur. Kurzfristig funktioniert sie hervorragend. Langfristig wächst der Berg unerledigter Aufgaben und mit ihm der Stress.
Aufschieben ist also kein Beleg dafür, dass dir etwas fehlt. Es ist der Versuch deines Gehirns, dich vor einem unangenehmen Gefühl zu schützen. Diese Erkenntnis verändert alles, denn du musst nicht härter mit dir sein. Du darfst lernen, mit dem Gefühl umzugehen, das hinter dem Aufschieben steckt.
Was beim Aufschieben in deinem Gehirn passiert
Auch die Hirnforschung bestätigt diesen Zusammenhang. Eine Studie der Ruhr-Universität Bochum untersuchte die Gehirne von Menschen mit unterschiedlich starker Neigung zum Aufschieben. Das Ergebnis: Wer eher prokrastiniert, hat im Schnitt eine größere Amygdala. Dieses Areal gilt als Alarmzentrale für Gefühle und warnt dich vor möglichen negativen Folgen.
Eine größere Amygdala bedeutet, dass du mögliche Konsequenzen einer Aufgabe stärker fürchtest und den Beginn deshalb hinauszögerst. Zugleich war bei den Aufschiebern die Verbindung zwischen Amygdala und dem anterioren cingulären Cortex schwächer ausgeprägt. Dieser Bereich wägt Handlungsoptionen ab und hilft dir, Gefühle zu steuern. Ist die Verbindung schwach, gewinnt das Gefühl die Oberhand und du weichst aus.
Manche Studien deuten sogar auf erbliche Anteile hin. Zwillingsforschungen und Untersuchungen zum Dopaminstoffwechsel legen nahe, dass die Neigung zum Aufschieben teils in unseren Anlagen verankert ist. Das ist keine Ausrede, aber ein Grund, milder mit dir zu sein. Dein Aufschieben ist kein Charakterfehler. Es hat handfeste Wurzeln in deiner Biologie.
Die zwei Grundmuster der Prokrastination
Die Wissenschaft unterscheidet zwei Grundtypen. Der Erregungs-Aufschieber genießt den Nervenkitzel, eine wichtige Aufgabe erst auf den letzten Drücker zu erledigen. Er behauptet gern, nur unter Hochdruck kreativ sein zu können. Der Vermeidungs-Aufschieber dagegen hat Angst zu versagen. Er meidet den Druck, der mit der Aufgabe verbunden ist und ist sehr erfinderisch darin, Ausreden für sein Nichtstun zu finden.
Vielen Aufschiebern gemeinsam ist eine echte Schwierigkeit, Prioritäten zu setzen. Manche koppeln ihren Selbstwert eng an Erfolg und sind deshalb auf schnelle Erfolgserlebnisse aus. Große Aufgaben erscheinen weit entfernt, während kleine Erledigungen eine sofortige Belohnung versprechen. So bleibt das Wichtige liegen und das Nebensächliche wird abgehakt.
Welcher Aufschiebe-Typ bist du?
Über diese zwei Grundmuster hinaus lassen sich typische Verhaltensweisen erkennen. Vielleicht entdeckst du dich in einem der folgenden Typen wieder. Wichtig ist: Diese Bilder sollen dich nicht auf Fehler festnageln, sondern dir einen ersten Hinweis darauf geben, was dir konkret helfen könnte.
Der Panikmacher bleibt lange entspannt. Die Deadline ist ja noch weit weg. Irgendwann merkt er, wie viel Zeit verstrichen ist und gerät in Hektik. Unter diesem Aktionismus steht er sich selbst im Weg und ist am Ende unzufrieden mit dem Ergebnis. Ihm hilft es, früh Prioritäten zu setzen, zum Beispiel mit der Eisenhower-Methode. Auch der Zeitaufwand für eine Aufgabe lässt sich so realistischer einschätzen.
Der Saubermann stört sich normalerweise nicht am Chaos auf seinem Schreibtisch. Sobald jedoch eine Deadline naht, packt ihn die Putzwut. Erst muss alles ordentlich sein, bevor er anfangen kann. Dahinter steckt oft Überforderung. Ihm hilft das alte Bild von der langen Reise, die mit einem einzigen Schritt beginnt. Wer eine große Aufgabe in kleine Schritte zerlegt, kommt leichter ins Tun.
Der Multitasker hat viele Projekte gleichzeitig angefangen und keines beendet. Er springt von einer Idee zur nächsten, sobald es irgendwo hakt. Befriedigend ist das selten. Studien zeigen, dass paralleles Arbeiten nicht produktiver macht, sondern Stress erzeugt. Gerade hochsensible Menschen arbeiten so kaum konzentriert. Ihm hilft es, sich bewusst auf eine einzige Aufgabe festzulegen und sie zu Ende zu bringen.
Der Listenschreiber notiert bis ins letzte Detail, was zu tun ist. Die Liste sieht am Ende schön aus, doch die wichtigen Punkte bleiben offen. Das Abhaken kleiner Aufgaben fühlt sich gut an, lenkt aber vom Wesentlichen ab. Ihm hilft eine einfache Regel: zuerst die unangenehmste Aufgabe des Tages anpacken. Wer morgens das Schwierigste hinter sich bringt, geht erleichtert an den Rest.
Der Internet-Junkie ist fast ununterbrochen online. Videos, soziale Netzwerke, ständig neue Mails. Wie viele Stunden dabei verstreichen, merkt er kaum. Ihm hilft es, für konzentrierte Arbeit bewusst offline zu gehen, die Onlinezeit mit einem Timer zu begrenzen und Mails nur zu festen Zeiten zu öffnen. Schon zwei feste Mailfenster am Tag schaffen erstaunlich viel Ruhe.
Kurz innehaltenIn welchem dieser Typen erkennst du dich am ehesten wieder? Welches Gefühl taucht auf, kurz bevor du eine Aufgabe aufschiebst, Angst, Langeweile oder Überforderung? Und was würdest du jetzt tun, wenn du wüsstest, dass dieses Gefühl gleich wieder vergeht? |
Warum gerade vielbegabte und hochsensible Menschen aufschieben
Bist du vielbegabt oder hochsensibel, kennst du das Aufschieben vielleicht besonders gut. Das hat Gründe. Vielbegabte Scanner-Persönlichkeiten sprühen vor Ideen und genau das macht die Auswahl schwer. Wo so viele Wege gleichzeitig verlockend wirken, fällt der erste Schritt umso schwerer.
Hochsensible Menschen wiederum nehmen Reize stärker wahr und geraten schneller in Überforderung. Eine Aufgabe, die andere kaltlässt, kann sich für dich wie ein Berg anfühlen. Dazu kommt häufig ein hoher Anspruch an dich selbst. Wer alles perfekt machen will, schiebt den Anfang gern hinaus, weil das leere Blatt weniger bedrohlich wirkt als ein unvollkommenes Ergebnis.
Aufschieben ist bei neurodivergenten Menschen also selten Bequemlichkeit. Viel öfter ist es ein Zeichen dafür, dass dein feines Wahrnehmungssystem auf Hochtouren läuft. Verstehst du das, kannst du anders mit dir umgehen. Du brauchst keinen härteren Antreiber, sondern einen Weg, der zu deiner Art zu denken und zu fühlen passt.
Selbstmitgefühl wirkt besser als Selbstkritik
Hier kommt die vielleicht wichtigste neue Erkenntnis. Lange dachte man, ein wenig Selbstkritik helfe gegen das Aufschieben. Die Forschung von Fuschia Sirois zeigt das Gegenteil. Wer sich für das Aufschieben hart verurteilt, schiebt danach eher noch mehr auf.
Der Grund liegt in deinem Nervensystem. Selbstkritik aktiviert das Bedrohungssystem, dein Körper schüttet Stresshormone aus und genau dieser Stress treibt dich zurück in die Vermeidung. Selbstmitgefühl dagegen beruhigt. Es senkt das Stressniveau und macht den Kopf wieder frei für das, was dir wirklich wichtig ist.
Praktisch heißt das: Ertappst du dich beim Aufschieben, sprich mit dir wie mit einem guten Freund. Ein freundliches „Okay, das war schwer, fang einfach mit einem kleinen Schritt an“ bringt dich weiter als jeder innere Vorwurf. Vergib dir das Aufschieben von gestern. Studien zeigen, dass genau diese Selbstvergebung das nächste Aufschieben unwahrscheinlicher macht.
Was dir wirklich aus dem Kreislauf hilft
Ist Aufschieben ein Gefühlsthema, dann setzen die wirksamsten Strategien beim Gefühl an und nicht beim Kalender. Der erste Schritt besteht darin, das unangenehme Gefühl vor einer Aufgabe überhaupt wahrzunehmen, statt es wegzudrücken. Frag dich: Was genau macht mir an dieser Aufgabe Unbehagen? Oft schrumpft der Widerstand schon, sobald du ihn benennst.
Hilfreich ist außerdem, den Einstieg lächerlich klein zu machen. Nimm dir nicht das ganze Projekt vor, sondern nur die ersten fünf Minuten. Hat dein Gehirn erst einmal angefangen, läuft es meist von selbst weiter. Konkrete Wenn-dann-Vorsätze verstärken den Effekt. Ein Satz wie „Wenn ich morgen meinen Kaffee getrunken habe, schreibe ich den ersten Absatz“ nimmt deinem Gehirn die Entscheidung ab.
Achte zugleich auf deine Sprache. Wer sich ständig antreibt mit „Du musst jetzt endlich“, löst genau die Vermeidung aus, die er bekämpfen will. Ein freundliches „Ich darf jetzt anfangen“ wirkt oft Wunder. Und kommst du an einer Stelle nicht weiter, hol dir den Blick von außen. Manchmal löst ein einziges Gespräch den Knoten, an dem du allein seit Tagen hängst.
Du darfst freundlich mit dir sein
Prokrastination ist kein Makel, den du an dir auszumerzen hast. Sie ist ein Signal, das dir etwas über deine Gefühle erzählt. Begegnest du ihr mit Neugier statt mit Härte, verliert sie viel von ihrer Macht. Du musst nicht zum disziplinierten Sofort-Macher werden, um gelassener und zufriedener zu arbeiten.
Nun darfst du nur noch herausfinden, was zu dir passt. Beobachte, welches Gefühl dich ausbremst, wähle einen kleinen ersten Schritt und sei dabei freundlich zu dir. Genau in dieser Haltung liegt der Ausstieg aus dem Stress des ewigen Aufschiebens.
Aufschieben ist kein Zeichen von Faulheit, sondern ein Versuch deines Gehirns, ein unangenehmes Gefühl zu vermeiden. Du kommst nicht mit mehr Härte heraus, sondern mit mehr Verständnis. Nimm das Gefühl wahr, mach den ersten Schritt winzig klein und begegne dir mit der Freundlichkeit, die du auch einem lieben Menschen schenken würdest.
Herzlichst
Anne
Quellen
Pychyl, T. A., 2013, Solving the Procrastination Puzzle, Tarcher/Penguin.
Sirois, F. M., 2014, Procrastination and Stress: Exploring the Role of Self-compassion, Self and Identity, Bd. 13.
Schlüter, C. u. a., 2018, Volume of the Amygdala and Connectivity with the Anterior Cingulate Cortex (Ruhr-Universität Bochum), Psychological Science.
Spektrum der Wissenschaft, 2018, Aufschieberitis zeigt sich auch im Gehirn, www.spektrum.de.








